Bessere Notfallversorgung nach dem Unglück

von Redaktion

Horst Henke ist für die psychosoziale Notfallversorgung im Landkreis Rosenheim mitverantwortlich. Er weiß, wie lange es dauerte, bis der Dienst ernstgenommen wurde. Das Zugunglück von Bad Aibling 2016 führte hier zu einem Umdenken und zu verbesserten Strukturen in der Notfallversorgung.

Bad Aibling – „Ich habe es damals während der Arbeit im Radio gehört und bin 20 Minuten später einfach losgefahren“, erinnert sich Horst Henke an einen dramatischen Tag, der ihm für immer im Gedächtnis bleiben wird. Der heute 64-Jährige war vor zehn Jahren als Fachberater „PSNV“ (Psychosoziale Notfallversorgung) für die Bereiche Krisenintervention und Notfallseelsorge beim schweren Zugunglück von Bad Aibling im Einsatz. Dort starben zwölf Menschen, viele Fahrgäste wurden teils schwer verletzt.

Zug-Tragödie
führt zum Umdenken

Auch heute trägt Henke mit vier weiteren Personen noch die Verantwortung für die Psychosoziale Notfallversorgung im gesamten Landkreis Rosenheim. Wird dabei etwa zu schweren Unfällen gerufen, betreut Betroffene und Rettungskräfte, die mit den Geschehnissen fertig werden müssen. Über die Katastrophe am 9. Februar 2016 sagt er: „Es gab damals viele Probleme wegen der fehlenden Struktur in der PSNV. Heute gibt es diese Struktur.“

Auch deshalb sind die Erinnerungen an damals noch präsent. Sein erster Gedanke, als er am Unglücksort in Bad Aibling ankam: „Oh scheiße“, erinnert sich Henke gegenüber dem OVB. Trotz jahrzehntelanger Erfahrung im Rettungsdienst habe er das Ausmaß der Zug-Kollision im ersten Moment gar nicht realisieren können. Er leitete den Einsatz, koordinierte zahlreiche Einsatzkräfte der Psychosozialen Notfallversorgung. Aber: „Es waren viele PSNV-Mitarbeiter dort, jedoch haben viele nebeneinanderher und nicht miteinander gearbeitet.“ Während der große Rettungseinsatz der Sanitäter, Notärzte, Feuerwehrler und zahlreicher weiterer Kräfte sehr gut gelaufen sei, habe man im Bereich der psychosozialen Notfallversorgung zwar zahlreiche Menschen erreicht. Die fehlenden Strukturen hätten jedoch verhindert, dass noch ein breites Unterstützungsangebot noch mehr Menschen erreichte.

Und so führte nicht zuletzt auch das verheerende Zugunglück bei Bad Aibling zu einem grundlegenden Umdenken. Eine groß angelegte Evaluation des damaligen Einsatzes, geführt vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, an der auch Horst Henke für das Rote Kreuz federführend beteiligt war, schuf in der Zeit danach Strukturen, die 2016 noch fehlten. „Vor allem hat der Informationsaustausch gefehlt, weshalb man nicht noch mehr Menschen begleiten konnte“, spricht Henke ein grundlegendes Problem an.

Auch erkannte man damals, dass eine schnellere Alarmierungsstruktur – PSNV-Kräfte wurden oft nicht automatisch bei Großeinsätzen alarmiert – notwendig wurde. Forderungen lauteten etwa, die PSNV wie Feuerwehr und Rettungsdienst als festen Fachdienst im Katastrophenschutz zu etablieren. Angestrebt wurde eine engere Vernetzung aller Beteiligten, Schnittstellen zwischen den verschiedenen Hilfsorganisationen und den Notfallseelsorgern sollten institutionalisiert werden. Ein erster Fortschritt sei dann laut Henke der Erlass der neuen „MAN-RL“, der Richtlinien für die Bewältigung von Schadensereignissen mit einer größeren Anzahl Verletzter oder Kranker, im Dezember 2016 gewesen. „Hier wurde dann beispielsweise ein ‚Leiter PSNV‘ in der Führungsstruktur mit aufgenommen“, erzählt Henke.

Noch konkreter verbesserte sich die Organisationsstruktur im Jahr 2019, berichtet der Experte. So seien durch ein innenministerielles Schreiben in Bayern die Strukturen auf Landkreisebene weiter gestärkt worden. Die PSNV wurde fest in den Bevölkerungsschutz integriert, berichtet Henke. Unter anderem zählte hierzu die Schaffung einer engeren Kooperation zwischen PSNV und Polizei.

„Ich habe mit um diese Strukturen gekämpft“, sagt Henke rückblickend, der froh ist, dass sein Ehrenamt mittlerweile eine größere Akzeptanz erfährt. Schließlich gebe es diesen Dienst erst seit rund 30 Jahren, seitdem kämpfe man um mehr Anerkennung. „Die Erkenntnis, dass unsere Arbeit gebraucht wird, muss natürlich erst in alle Köpfe rein“, sagt Henke. Ältere Rettungskräfte hätten mit ihren erlebten Situationen früher alleine zurechtkommen müssen. Glücklicherweise gehe die Entwicklung nun aber in eine positive Richtung, wie Henke betont.

Denn, dass psychosoziale Notfallversorgung eine große Bedeutung hat, zeigten nicht zuletzt schwere Unglücke und dramatische Vorfälle, wie etwa die Tötung zweier Rosenheimer Kinder an Weihnachten 2024. Dort wurden zahlreiche Menschen aus dem Umfeld der Familie betreut, was eine gewisse Organisationsstruktur erfordert. Dass diese Einsätze mittlerweile deutlich besser koordiniert würden, zeige sich etwa auch darin, dass die Führung der psychosozialen Notfallversorgung automatisch gerufen wird, wenn es sich um einen Einsatz handelt, bei dem es mindestens fünf Verletzte gibt.

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