Weibliche Frischzellenkur für die Rathäuser

von Redaktion

Eine Erste Bürgermeisterin gab es im Mangfalltal noch nie. Doch das könnte sich jetzt ändern. Welche Erfahrungen sie als Frauen in der Kommunalpolitik gemacht haben und was die Gründe für den Männerüberschuss sind, dazu wurden die Bürgermeisterkandidatinnen aus Aibling und Kolbermoor befragt.

Bad Aibling/Kolbermoor – Ist die Kommunalpolitik eine Männerdomäne? Die Zahlen für den Landkreis Rosenheim sprechen eine eindeutige Sprache. So sind laut OVB-Recherche nur gut zehn Prozent der Bürgermeisterkandidaten, die sich bei der Kommunalwahl am Sonntag, 8. März, um das höchste politische Amt in ihrer Kommune bewerben, weiblich. Insgesamt 87 Personen stellen sich in den Kommunen des Landkreises Rosenheim, in denen ein Bürgermeister gewählt wird, zur Wahl, nur zehn davon sind Frauen.

In den sieben Mangfalltal-Gemeinden Bad Aibling, Kolbermoor, Bruckmühl, Feldkirchen-Westerham, Bad Feilnbach, Tuntenhausen und Großkarolinenfeld, die vor der Gebietsreform 1972 den Großteil des Landkreises Bad Aibling bildeten, stand bislang noch nie eine Frau an der Spitze ihrer Kommune. Doch das könnte sich nun ändern.

Bei der anstehenden Wahl gehen in Bad Aibling mit Kirsten Hieble-Fritz (FW/ ÜWG) und Silvia Groß (AfD) sogar zwei Frauen ins Rennen um den Posten des Rathauschefs. In Kolbermoor will Johanna Bössl (Linken) das Erbe des amtierenden Bürgermeisters Peter Kloo (SPD) antreten.

Doch woran liegt es, dass verhältnismäßig wenige Frauen auf den Stimmzetteln zur Kommunalwahl zu finden sind? Und welche Erfahrungen machen Frauen, die sich politisch engagieren, in der heutigen Gesellschaft? Das OVB hat dazu bei den drei Bürgermeisterkandidatinnen aus dem Mangfalltal nachgehakt.

Rechtsanwältin Kirsten Hieble-Fritz (56), amtierende Zweite Bürgermeisterin in der Kurstadt, sieht vor allem „strukturelle als auch kulturelle Rahmenbedingungen“ als Gründe dafür, dass verhältnismäßig wenige Frauen bei der Kommunalwahl kandidieren. So erfolge der Einstieg in die politische Arbeit häufig über gewachsene Netzwerke. „Und diese sind historisch noch immer stark männlich geprägt“, findet die 56-Jährige. Hinzu käme, dass Frauen auch heutzutage noch „weniger Durchsetzungsstärke zugetraut“ werde.

Teilhabe muss
selbstverständlich werden

Nach Ansicht der Bad Aiblingerin würden Frauen zwar gefördert. „Allerdings nicht selten nur so lange, wie sie keine ernsthafte Konkurrenz für Spitzenpositionen darstellen“, findet die Juristin, die zudem glaubt, dass vielen Kommunalpolitikerinnen „belastbare Netzwerke, die Rückhalt geben und Türen öffnen“, fehlten. Hieble-Fritz: „Umso wichtiger ist es, Strukturen bewusst zu verändern. Netzwerke aufzubauen und gegenseitige Unterstützung zu stärken, damit politische Teilhabe von Frauen nicht die Ausnahme bleibt, sondern selbstverständlich wird.“

Auch Wirtschaftsjuristin und Linken-Kandidatin Johanna Bössl (34), die sich am 8. März in Kolbermoor um das Bürgermeisteramt bewirbt, sieht keineswegs „mangelnde Kompetenz oder Interesse“ als Grund für die niedrige Frauenquote auf den Wahllisten an. Sie führt ebenfalls die „Rahmenbedingungen“ ins Feld. „Politik ist zeitintensiv, oft abends und am Wochenende. Das lässt sich mit Familie, Pflegearbeit oder Beruf nicht immer leicht vereinbaren“, so die 34-Jährige. Doch gerade diese Aufgaben würden „nach wie vor häufiger von Frauen übernommen“.

Hinzu käme, dass viele Frauen höhere Ansprüche an sich selbst stellten und sich eher fragen würden, ob sie genug Erfahrung dafür hätten, Männer sich hingegen „selbstverständlicher zutrauen“, zu kandidieren. „Außerdem fehlt es noch zu häufig an Vorbildern und aktiver Ermutigung“, glaubt die Kolbermoorerin. „Wenn Frauen gezielt angesprochen und unterstützt werden, steigt auch die Bereitschaft, zu kandidieren.“

Die Chemisch-technische Assistentin Silvia Groß (39), die in Bad Aibling für die AfD als Bürgermeisterkandidatin ins Rennen geht, glaubt hingegen, dass die Gründe für die niedrige Anzahl an Frauen auf den Stimmzetteln „zu individuell“ sind, um sie zu „verallgemeinern“. „Das Angebot aller Parteien ist jedenfalls da“, findet die Bad Aiblingerin.

Die Erfahrungen, die sie bislang in ihrem kommunalpolitischen Leben als Frauen gemacht haben, sind jedenfalls bei allen drei Bewerberinnen zwiespältig. So hat Groß im Rahmen der Kommunalwahl „durchaus Unterschiede“ im Vergleich zu männlichen Kandidaten wahrgenommen. „Während männliche Kandidaten häufig selbstverständlich als kompetent wahrgenommen werden, müssen Frauen ihre Fachlichkeit oft stärker unter Beweis stellen“, glaubt die 39-Jährige. Auch persönliche Rückmeldungen seien je nach Geschlecht unterschiedlich: Während Männer eher mit „sachbezogener Kritik“ konfrontiert würden, werde bei Frauen gelegentlich „das Auftreten oder persönliche Aspekte stärker kommentiert“. Allerdings habe sie auch viel Zuspruch erfahren – und durchaus die Erfahrung gemacht, dass „Authentizität und Fachkompetenz langfristig überzeugen“.

Bössl berichtet ebenfalls von Beobachtungen, wonach „Frauen im Wahlkampf häufiger auf ihre Person reduziert werden – etwa auf Alter, Aussehen, Auftreten oder Tonfall“. Bei Männern stünden hingegen „Inhalte und Erfahrung im Vordergrund“. Insgesamt müssten laut Bössl Frauen „ihre Positionen oft deutlicher und wiederholter vertreten, um ernst genommen zu werden“. „Manchmal werden Vorschläge erst dann aufgegriffen, wenn sie von einem Mann erneut vorgetragen werden“, sagt die Linken-Politikerin. Was seitens der Frauen „Selbstbewusstsein und Ausdauer“ erfordere. Dennoch habe sie im Wahlkampf „viel positive Resonanz“ bekommen. Denn gerade auf kommunaler Ebene „zählt Glaubwürdigkeit, und die ist nicht vom Geschlecht abhängig“.

„Durchweg positiv“ – so beschreibt Hieble-Fritz ihre Erfahrungen im laufenden Kommunalwahlkampf. Sie selbst habe viel Zuspruch als weibliche Kandidatin erfahren und spüre gar „eine deutliche Offenheit – teils sogar ein starkes Verlangen danach, dass eine Frau eine führende politische Rolle vor Ort übernimmt“. Der Rückhalt, den sie verspüre, gründe sich ihrer Ansicht nach „zum einen auf mein Geschlecht, zum anderen aber auch auf meinen Beruf, meine Erfahrung und meine Persönlichkeit“. Für sie sei daher aktuell eine Phase „intensiver Überzeugungsarbeit“. Hieble-Fritz: „Es geht darum, eigene Werte, Kompetenzen und Visionen zu vermitteln und Menschen mitzunehmen.“

Vorteile durch
verschiedene Perspektiven

Der Wunsch, dass sich mehr Frauen in der Kommunalpolitik engagieren und den Weg in die kommunalen Gremien finden, ist zumindest bei zwei der drei Bürgermeisterkandidatinnen eindeutig formuliert. „Mehr Frauen in politischen Ämtern bedeuten mehr Perspektiven, mehr Lebensrealitäten und letztlich bessere Entscheidungen für alle“, sagt beispielsweise Johanna Bössl. Sie sehe durchaus eine positive Entwicklung, auch wenn sie deutlich macht: „Trotzdem sind wir noch nicht da, wo wir sein sollten.“

Auch Kirsten Hiebele-Fritz spricht von „Lebensrealitäten“, die durch mehr Frauen in der Kommunalpolitik abgebildet werden würden. „Unterschiedliche Perspektiven bereichern die Diskussionen, bringen neue Lösungsansätze und führen zu nachhaltigeren Entscheidungen“, sagt die Bad Aiblingerin, die findet, dass Frauen „besonders lösungsorientiert“ agieren: „Ein Ansatz, der dringend gebraucht wird.“

Für Silvia Groß hingegen spielt es keine Rolle, ob Mann oder Frau sich politisch engagiert. „Es sollte immer die Qualifikation entscheiden“, findet die 39-Jährige, die auch eine Frauenquote für politische Ämter ablehnt, denn: „Dann weiß man auch, dass die erreichten Ämter, Listenplätze etc. auf der eigenen Persönlichkeit basieren.“

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