Bruckmühl – „Eure Frauen sollen in den Gemeinden schweigen; denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie es auch das Gesetz sagt. Wenn sie aber etwas lernen wollen, so sollen sie daheim ihre eigenen Männer fragen.“ So steht es in der Bibel, Korinther 14:34–38. Auf diese und ähnliche Bibel-„Weisheiten“ stützten sich bis in die 1970er-Jahre viele evangelische Kirchenfunktionäre bei der Rechtfertigung, Frauen nicht zum Pfarramt zuzulassen.
Offiziell war damit am 3. Dezember 1975 Schluss. An diesem Tag beschloss die Landessynode Bayern als gesetzgebendes Kirchenparlament: Frauen dürfen Pfarrerinnen werden. Am 4. April im darauffolgenden Jahr wurde die erste Frau in der evangelischen Kirche in Bayern ordiniert.
„Gleichberechtigung ist
noch lange nicht erreicht“
50 Jahre später sind 952 von insgesamt 2012 bayerischen Pfarrern weiblich. Eine von ihnen ist Johanna Rosin, die neue Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde Bruckmühl mit Feldkirchen-Westerham. Anfang des Monats wurde sie feierlich in Westerham ordiniert (wir berichteten).
Unter den jüngeren Berufsanwärtern ist die Frauenquote sogar noch höher, weiß Rosin: Rund zwei Drittel der Vikare, die in den vergangenen zwei Jahren gemeinsam mit ihr auf den Beruf vorbereitet wurden, waren weiblich. „Allerdings unterscheidet sich das Geschlechterverhältnis zwischen Stadtgemeinden und Landgemeinden deutlich“, so die frisch ordinierte Pfarrerin weiter.
Nach 50 Jahren Frauenordination sind heute theoretisch alle „Pfarrerinnen völlig gleichgestellt“ mit ihren männlichen Kollegen, freut sie sich. Dass das jedoch noch lange nach der Berufserlaubnis von 1975 nicht selbstverständlich war, weiß Theologin Dr. Andrea König. In der Evangelisch-Lutherischen Kirche Bayern (ELKB) ist sie zuständig für die kirchliche Frauenarbeit sowie für das „forum frauen“ in der Wirkstatt evangelisch. Die ersten Amtsträgerinnen mussten „etliches über sich ergehen lassen“, weiß die promovierte Theologin. „Besonders verletzend war der Vetoparagraf, der Kirchenvorstehern und Pfarrern bis 1998 erlaubte, eine Frau als Pfarrerin in ihrer Gemeinde abzulehnen“ – etwa, weil er aus Gewissensgründen „Bedenken gegenüber der Frauenordination“ hatte.
Vor einem Jahr führte die evangelische Kirche eine flexible Frauenquote ein, der zufolge 40 bis 60 Prozent der Führungspositionen in Dekanaten, Kirchenkreisen und im Landeskirchenamt von Frauen besetzt werden sollen. Trotzdem wirken strukturelle Barrieren, die nicht an die Bedürfnisse von Frauen angepasst sind. Außerdem sitzen tradierte Rollenbilder in vielen Bereichen der Kirche tief, sodass „Gleichberechtigung noch lange nicht erreicht ist“, zieht König Bilanz. Häufig sieht sie sich konfrontiert mit Vorbehalten gegen Feminismus, feministische Theologie und Genderthemen.
„Sehr anschaulich berichteten die jungen Pfarrerinnen beim Jubiläum der Frauenordination von häufiger Diskriminierung. Da wird einer Frau schon mal empfohlen, keine hohen Schuhe zu tragen oder roten Lippenstift aufzutragen, damit die Männer einem auf den Mund schauen. Man fragt sich da schon: Ja, wohin denn sonst?“
Langsame Entwicklung
oftmals erschreckend
Ähnlich langwierig war und bleibt der Prozess der Gleichstellung von Diakoninnen mit ihren männlichen Amtskollegen, weiß Kirchenrätin Andrea Heußner. Sie ist seit rund 35 Jahren Diakonin und für die ELKB tätig. Erst seit 1982 dürfen Frauen in Bayern ihren Beruf ausüben. Während der ersten Jahre war außerdem die zugelassene Anzahl an Frauen pro Ausbildungsjahr auf sieben in ganz Bayern begrenzt. Eine vergleichbare Obergrenze für männliche Diakone gab es nicht.
„Wilde Geschichten“ bergen die Schicksale mancher ihrer Vorgängerinnen, weiß Heußner. Frauen durften zwar ab 1982 ihre Ausbildung zur Diakonin beginnen, doch wurden sie in den ersten Jahren danach noch nicht eingesegnet. Das bedeutet, dass Frauen nach der abgeschlossenen Ausbildung nicht als Diakoninnen, sondern lediglich als Gemeindehelferinnen arbeiten durften. Sie übernahmen die gleichen Aufgaben, wie ihre männlichen Kollegen, wurden jedoch als „Helferinnen“ weniger angesehen und deutlich schlechter bezahlt.
„Die Kirche ist ein Kind ihrer Zeit“, weiß Heußner: Solange Frauen in der Kirche nicht mitentscheiden durften, wurden auch ihre Bedürfnisse wenig beachtet, fasst sie zusammen. „Das macht die langsame Entwicklung verständlicher, sie ist dadurch aber nicht weniger erschreckend“, findet die Diakonin. Dabei erstreckt sich die Übermacht des Patriarchats nicht nur über den Wirkbereich der Kirche. Verwiesen sei hier etwa auf den Gehorsamkeitsparagrafen, demzufolge die Frau bis 1957 per Gesetz ihrem Ehemann in allen Lebenslagen unterworfen war: sei es die Erlaubnis, zu arbeiten, den Führerschein zu machen oder die Pflicht zur Haushaltsführung, um nur einige wenige Aspekte zu nennen.
Umso glücklicher sind Heußner, König und Rosin heute über die Sichtbarkeit der vielen Frauen in der evangelischen Kirche. Sie verstecken sich nicht mehr nur in den Kirchenbänken, sondern stehen selbst und selbstbewusst auf der Kanzel. Den vielfältigen Lebensrealitäten von Frauen Aufmerksamkeit zu schenken, das ist das Ziel des traditionellen Frauensonntags der evangelischen Kirche, der in diesem Jahr am 15. März stattfand.
Thematisch stand dieser im Zeichen der Wut: „Die Wut als Emotion fordert heraus und ist zugleich gesellschaftlich wie kirchlich hochaktuell“, weiß Theologin König. Oft gilt die Wut als problematisch, unchristlich oder unangemessen, vor allem bei Frauen.
Wut als
Triebkraft
Dabei handelt es sich um eine Emotion von großer Berechtigung. Wut macht auf erlebte Ungerechtigkeit, Ohnmacht oder Verletzung aufmerksam. Gleichzeitig kann sie die Kraft zur Veränderung freisetzen und steht somit in enger Verbindung mit der Geschichte der Frauen in der evangelischen Kirche. „Was nicht bedeutet, dass wir uns nur beklagen wollen und in Selbstmitleid versinken möchten“, stellt Heußner richtig: Stattdessen sei die Wut eine wichtige Triebfeder, die maßgeblich zu den Erfolgen weiblicher Emanzipation in der evangelischen Kirche beigetragen hat und dies auch noch weiter tun wird.