Bad Aibling – „Lutra lutra“ ist ein an das Leben im Wasser ideal angepasster Marder. Er zählt zu den besten Schwimmern unter den Landraubtieren und kam lange Zeit in fast ganz Europa vor. Von Kopf bis Fuß misst das Tier zwischen 120 und 140 Zentimeter. Begehrt war früher vor allem sein kostbares Fell. So stand der Marder bei Jägern oft ganz oben auf der Abschussliste – bis die menschliche Konsumgier Mitte des vergangenen Jahrhunderts beinahe für seine gänzliche Ausrottung sorgte. Die Rede ist vom Fischotter.
Dokumentation
mit Wildkameras
Seit rund fünf Jahren werden die Teiche von Michael Holzmaiers Fischzuchtbetrieb von den stets hungrigen Mardern heimgesucht. Dabei habe er lange nicht die Otter hinter den Verlusten vermutet, sondern eher bewährte Teichjäger wie Graureiher oder Kormoran. Schließlich hält sich der Fischotter tagsüber bedeckt und geht stattdessen nachts oder im Schutz der Dämmerung auf Beutejagd.
In zweiter Generation betreibt Holzmaiers Familie eine 25 Hektar große Anlage mit mehr als 20 Fischteichen. Doch wenn es mit der Ausbreitung des Fischotters so weitergeht, sehe er „schwarz für die Zukunft des Betriebs“. Sein Sohn sei gut ausgebildet und hoch motiviert, den Betrieb in den kommenden Jahren zu übernehmen, doch: „Ich würde ihm, Stand jetzt, dringend davon abraten“, lautet Holzmaiers ernüchternde Bilanz.
„Wir dokumentieren den Fischotter-Befall mit Wildkameras“, erklärt der Teichwirt. So lässt sich der Fischraub nun zweifelsfrei belegen. Für die Entschädigung der Verluste durch den Fischotter sind diese Belege notwendig.
Freistaat zahlt Wirten
einen Ausgleich
Seit 2016 kümmern sich die Fischotterberater des Fischotter-Managements der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) um die Belange der Teichwirte im Freistaat. Ihre Arbeit besteht aus drei Säulen, erklärt Fischottermanager Christian Wagner: Beratung, Zaunbau, Ausgleich von Schäden. Vier hauptamtliche Fischotterberater informieren Teichwirte wie Holzmaier über Abwehrmaßnahmen oder stellen den jeweils durch den Marder entstandenen Schaden fest.
So lag die von der Landesanstalt für Landwirtschaft anerkannte Schadenssumme im Jahr 2024 bei rund 2,3 Millionen Euro. 97 Prozent davon konnte der Freistaat den Teichwirten als Ausgleich zurückzahlen.
Doch stillen die Ausgleichszahlungen nicht den Hunger der ansässigen Fischotter. Außerdem fand Holzmaier bisher keine effektive Abwehrmaßnahme gegen den tierischen Räuber: Sein Teichareal ist zu groß, um es in einen effektiven Abwehrzaun einzufassen. „Außerdem muss dieser regelmäßig gewartet und ausgebessert werden”, was einen erheblichen zusätzlichen Arbeitsaufwand bedeute, so der Teichwirt weiter.
Vier Jahre lang werden die Fische hergezogen, bevor sie als Satzfische in ganz Bayern ausgeliefert werden. Das bedeutet, Holzmaier und seine Mitarbeiter füttern und pflegen die jungen Fische mehrere Jahre, bevor sie aus dem Verkauf Profit schlagen. Das Problem ist, dass die Fischotter mit Vorliebe diejenigen Fische jagen, die kurz vor dem Verkauf stehen. „Immer wieder kommt es vor, dass wir unsere Kunden darum warten lassen müssen“, klagt Holzmaier. Das sei für beide Seiten sehr ärgerlich.
Nach sechs Wochen
ist der Teich leer
Viele ehemalige Kunden, die mit den Fischen aus Holzmaiers Zuchtbetrieb ihre eigenen kleinen Teiche bestücken, hätten außerdem den Spaß an ihrem Hobby verloren und überlegen sich inzwischen zweimal, ob sie sich Satzfische holen oder nicht. „Hat der Fischotter einmal einen Teich entdeckt, dauert es vielleicht sechs Wochen, bis er ihn leer geräumt hat“, weiß Holzmaier.
Bayernweit wird der Fischotterbestand von der Landesanstalt für Landwirtschaft auf rund 1500 Tiere geschätzt. In Oberbayern beläuft sich die Zahl gemäß aktueller Schätzungen, die das LfL in Auftrag gegeben hat, auf zwischen 368 und 508 Fischotter.
Der Fischotter ist ein Wildtier und überdies ein Jäger. Mit seiner Ausbreitung in der Oberbayern gehe eine fundamentale Veränderung der Kulturlandschaft einher, findet Holzmaier. „Schließlich funktioniert das Gewässer-Ökosystem nicht ohne Fische“, doch die Fischbestände reduzieren sich mit zunehmender Fischotterpopulation drastisch – nicht nur in seinen eigenen Teichen. Zudem macht der Fischotter auch vor geschützten Fischarten wie Nase oder Huchen nicht halt. Auf seinem Speiseplan stehen daneben auch Krebse, Muscheln, Amphibien und Wasservögel, sodass an dieser Stelle Artenschutz mit Artenschutz kollidiert.
Auch Mitglieder des Bundes Naturschutz sehen diesen ökologischen Interessenskonflikt als großes Problem, weiß Reinhard Mehlo vom Bund Naturschutz Bruckmühl. Zwar sehe er sich selbst nicht als „Fischotter-Experte“, dennoch sei das Problem mit dem geschützten Jäger und der bedrohten wirtschaftlichen Existenz landwirtschaftlicher Betriebe ihm nicht unbekannt. „Wir müssen einen Weg finden, miteinander klarzukommen“, so Mehlo. Die Teiche müssen ausreichend geschützt werden. Schließlich könne und dürfe der Schutz des Fischotters nicht die Vernichtung der Teichwirtschaft bedeuten.
Ein ökologischer
Interessenskonflikt?
Der Bund Naturschutz sieht außerdem dringenden Bedarf in Sachen Renaturierung von Flussläufen und Uferbereichen: Anstelle regelmäßiger Böschungsbereinigungen sollten Rückzugsorte für Fische am Rande der Gewässer geschaffen und erhalten werden. Ähnliches ließe sich mit den Zonengrenzen in Biosphärenreservaten für die Fischotter in der Region umsetzen: Je nach Zone gelten in diesem Modell verschiedene Stufen des Schutzes der jeweils gefährdeten Art.