Bruckmühl – „Ein medizinisches Wunder” wurde Tine Messerer schon mehrfach von ihrem Onkologen genannt. Daran glaubt sie fest. Ihrem Arzt habe sie einmal geantwortet: „Ich überlebe, Sie werden schon sehen!”
Vor zweieinhalb Jahren erhielt die 28-jährige Bruckmühlerin die Diagnose Blasenkrebs im Palliativstadium. Damals wurden Fernmetastasen in ihren Lymphknoten festgestellt. Das bedeutet, für eine Heilung hatte der Krebs damals bereits zu weit gestreut. Drei Monate hätte sie noch vor sich, meinte damals ihr Arzt. Daraus wurde ein Jahr, aus einem Jahr zwei, und ein Aufgeben liegt der jungen Bruckmühlerin auch heute mehr als fern.
Glück der
Endlichkeit?
Tine Messerers Lebenswille ist unerschütterlich, so sagt sie selbst: „Ich lebe unfassbar gerne und seit meiner Diagnose auch so gesund wie möglich.” Dadurch gehe es ihr auch „relativ gut”. Allerdings ist gut, so weiß sie selbst, ein stets relativer Ausdruck: So könne sie sich gar nicht mehr an ein Leben ohne schwere Medikamentennebenwirkungen erinnern.
Doch hat sie diese in ihren Alltag integriert und lässt sich die Lebensfreude davon nicht mehr wegnehmen. Manchmal geht sie vormittags zur Bestrahlung und danach zu Hause erst mal eine Runde joggen. Dabei staunt sie selbst fast täglich, was ihr Körper imstande ist, neben all den Strapazen der Krankheit, noch zu leisten.
Das erfüllt sie mit einer Freude, die sie in diesem Ausmaß zuvor nie gespürt hätte, überlegt Messerer: „Mein Leben hat sich mit meiner Krankheit extrem verändert, aber in gewisser Weise bin ich dankbar für den Krebs und dafür, was er mir gegeben hat.” Vor allem seien es die kleinen Glücksmomente im Alltag, die sie viel mehr auskostet.
Ihre Endlichkeit macht sie für Messerer zum Geschenk. Schließlich kann sie sich nie mehr sicher sein, wie oft sie diese noch erleben wird: Wie oft kitzeln sanfte Sonnenstrahlen sie morgens noch im Gesicht? Wie oft darf sie noch mit ihrem Hund auf der Couch kuscheln oder für einen Ausflug in die Berge gehen?
Kurz vor ihrer Krebsdiagnose hat sie sich ihren vierbeinigen Freund Damaro zugelegt. Ihren vierbeinigen „Tränentröster“. Ob gemütlich zu Hause auf der Couch, beim Wandern oder täglichem Spazierengehen, die beiden sind seitdem unzertrennlich.
Lebensfreude ist nicht
selbstverständlich
Doch musste die junge Frau ihre Euphorie in den vergangenen Wochen und Monaten Schritt für Schritt zurückerobern. Der Blasenkrebs stellte sie im Alltag vor zahllose Herausforderungen, die gesunde Menschen ohne körperliche Einschränkung kaum wahrnehmen.
Wann oder ob sie überhaupt aus dem Haus gehen würde, überlegte sie sich stets gut. Schließlich wusste sie nie, ob die Schmerzen ertragbar sein würden oder eine Nebenwirkung ihrer Krankheit einen schönen Abend mit Freunden schlagartig beenden würde. Ende vergangenen Jahres entschied sie sich darum für eine Operation, bei der ihr die von Metastasen durchzogene Blase entfernt wurde.
Die Ärzte bereiteten sie darauf vor, dass der schwere Eingriff lebensbedrohlich sei. „Ich hätte dabei sterben können, aber ich wollte auch nicht mehr so weiterleben, wie davor.“ So stand Messerers Entscheidung schnell fest. Rückblickend ist sie sich sicher: Es sei das Beste gewesen, was sie hätte machen können. Der Heilungsprozess zog sich über Monate, doch habe sie sich mit der Operation „150 Prozent Lebensqualität zurückgeholt“.
Seit einiger Zeit studiert Tine Messerer neben ihrem Beruf als Recruiterin ganzheitliche Gesundheitsberatung. Ihr Ziel ist es, Menschen mit ähnlichen Diagnosen, wie ihrer eigenen, durch den langen Therapiemarathon zu begleiten, sie zu betreuen und zu motivieren. Ihre Pläne schenken auch der jungen Frau selbst Energie und Motivation, weiter an die eigene Heilung zu glauben.
„Ich lebe bewusst und sehr gesund“, so Messerer über ihren Alltag: Wegen der Krankheit habe sie ihre eigene Kochleidenschaft entdeckt. Sie befasst sich intensiv mit der Nährstoffzusammensetzung der Lebensmittel, die ihr Körper benötigt, und tobt sich in der Küche kreativ aus. Daneben geht sie regelmäßig ins Fitnessstudio, Joggen und seit Kurzem auch zum Hip-Hop. Dabei merkt sie deutlich, wie der Sport ihr Körpergefühl sowie ihre Koordinationsfähigkeit verbessert.
So seien ihre Nervenstörungen, die sich im Taubheitsgefühl in Händen und Beinen zeigen, etwa deutlich seltener geworden. Mit Akupunkturbällen trainiert sie Kraft und Empfindungen in ihren Händen. Den Fortschritt feiert Messerer in den kleinen Alltags-Erfolgen: Ihr Daumen schafft es wieder, ein Feuerzeug ganz herunterzudrücken, oder der Haustürschlüssel lässt sich wieder mit einer einzigen Bewegung im Schloss umdrehen.
„Anfangs fühlten sich meine Beine beim Joggen an wie tonnenschwere Holzklötze“, erinnert sich Messerer. Doch nach einiger Zeit hat sie hier ein neues Hobby entdeckt. „Ich darf an meine Heilung glauben“, weiß Messerer deshalb.
Vor dem Tod fürchtet sich die junge Frau dennoch nicht. „Ich weiß nicht warum, aber diese Angst war bei mir nie sehr präsent“, überlegt Messerer. „Ich habe alle meine Angelegenheiten geregelt, meine Beerdigung geplant und Abschiedsvideos für meine Liebsten erstellt“, erzählt sie mit ruhiger Stimme.
„Natürlich hätte ich auch gerne mehr Gewissheit und mehr Zeit”, räumt Messerer ein, „aber ich freue mich auf alles, was ich noch erleben darf.” Dazu gehören runde Geburtstage von Familienangehörigen, Hochzeiten im Freundeskreis oder ihr dreijähriges Überlebens-Jubiläum im September, das sie auf jeden Fall feiern möchte.
Außerdem möchte sich Messerer noch einen ganz besonderen Reisewunsch erfüllen: „Ich bin immer schon ein großer Hawaii-Fan“, erzählt die 28-Jährige. Zwar habe sie vor einiger Zeit Madeira, das „Hawaii Europas“, bereist, doch das reicht ihr nicht. Allerdings muss eine derartige Reise im Falle einer schweren Krankheit gut geplant sein, weiß Messerer: Sie benötigt ausreichend Medikamente sowie Notfallmedizin und auch abgesehen davon ausreichend medizinisches Zubehör.
Hinzu kommen zahllose Dokumente und Bescheinigungen, damit ihr all das nicht am Flughafen abgenommen wird. Aber die intensive Vorbereitung zahlt sich aus, findet die Bruckmühlerin, immerhin möchte sie so viel wie möglich von der Welt sehen, solange sie es kann. Dabei möchte sie auf keinen Fall Zeit verschwenden.
Ende vergangenen Jahres hat Messerer deshalb auch einen radikalen Neustart gewagt: Auf eine schwere Trennung folgte ihre Operation – daraufhin entschied sie sich zum einen mit einer neuen Perücke für ein komplettes Makeover und zog mit ihrem Hund alleine in eine neue Wohnung. Die Sorge war groß, dass sie sich hier zu viel vornehmen würde, doch heute ist Messerer „unglaublich stolz“, diesen Schritt gewagt zu haben, und freut sich über die Selbstständigkeit, mit der sie weiterhin durch den Alltag gehen darf und kann.
Überwältigt war sie zudem von der vielen Unterstützung, die sie während dieser Zeit in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis erfuhr: So startete einer ihrer engsten Freunde eine Spendenaktion, um die 28-Jährige finanziell bei ihrem Neustart zu unterstützen. Rund 20.000 Euro sind dadurch bisher zusammengekommen. „Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll, oder wie ich den vielen lieben Menschen danken kann.“ Messerer ist immer noch verblüfft über die viele Hilfe, die sie hier erfährt. Schließlich wusste sie nichts von dem Vorhaben ihres Freundes. Irgendwann sei sie aufgewacht und habe auf ihrem Handy zahlreiche Push-up-Benachrichtigungen über Social Media gesehen mit einem Bild von ihr und dem Go-Fund-Me-Link.
Im Falle einer schweren Krankheitsdiagnose übernimmt die Krankenkasse nicht alle anfallenden Kosten. „Das ist mal hier eine Medikamentenzuzahlung oder dort mal eine zusätzliche Therapie, die nicht übernommen wird“, weiß Messerer. Seit ihrer Diagnose muss sie mit 500 bis 600 Euro an zusätzlichen Kosten im Monat rechnen. Die Spendenaktion schafft ihr dadurch ein Polster.
Von der Unterstützung
überwältigt
Aktuell arbeitet die 28-Jährige außerdem wieder in ihrem Job als Recruiterin. Zwar ist sie froh über dieses Stück Alltag und Selbstständigkeit, das ihr ihre Arbeit schenkt. Doch obwohl sie ihren Job so sehr liebt, weiß sie, dass sie Geld verdienen muss: Vor allem junge Krebspatientinnen stünden angesichts der damit verbundenen Kosten vor einer großen finanziellen Herausforderung, weiß auch Messerer.
Doch all die Herausforderungen, mit denen die Diagnose vor zweieinhalb Jahren begann, Messerers Alltag auf den Kopf zu stellen, nimmt sie die 28-Jährige beinahe gelassen und mit einem Lächeln als Begleiterscheinungen des Lebens an. Sie hindern sie nicht daran, das Leben zu feiern, sich selbst zu lieben, mit Freunden und Familie zu lachen und vor allem nicht daran, an ihre Heilung zu glauben.