Solidarischer Kampf um die Feierkultur

von Redaktion

Mit dem neuen Projekt „Eclipse X Techno“ wollen Clubbetreiberin Melanie Rohrig und Unterstützerin Lea Mutzbauer das Clubsterben in Bruckmühl verhindern. Die neue Veranstaltungsreihe soll freitags wieder mehr tanzbegeisterte Gäste in das Prelude locken, dem sonst die Schließung droht.

Bruckmühl – Nicht selten ist Melanie Rohrig „die Älteste, aber auch die Letzte“, die freitags und samstags erst tief in der Nacht das Bruckmühler Prelude verlässt. Die 49-Jährige hat den Club Anfang 2023 gekauft und sich damit einen kleinen Lebenstraum erfüllt. Dabei betreibt sie den Nachtclub an der Wernher-von-Braun-Straße „nur“ nebenbei. Tagsüber und während der Woche ist sie selbstständige Hausverwalterin.

Doch das Nachtgeschäft ist ihre Leidenschaft, seit sie mit 18 das erste Mal hinter einer Bar gejobbt hat. „Gemeinschaft, Spaß und gute Musik gehen Hand in Hand mit meiner Arbeit“, erzählt Rohrig. Aus diesem Grund kann sie sich auch keinen schöneren Job vorstellen.

Zwei Powerfrauen
und eine Feier-Vision

Gemeinsam mit ihrem Mann hegte sie lange Jahre den Wunsch, einen eigenen Nachtclub zu betreiben. „Wir haben uns damals auch im Nachtgeschäft kennengelernt.“ Rohrig erinnert sich gerne an diese Zeit zurück. Die Arbeit hinter der Bar lag sowohl ihr als auch ihrem Mann im Blut. Nach dessen Tod erfüllte sie sich ihren Traum schließlich alleine.

Tatkräftig unterstützt wird sie dabei von Tochter Ramona und deren Lebensgefährten. Unter wechselnder Betreiberschaft und immer neuen Namen gibt es den Club seit 33 Jahren. Zu den Anfangszeiten war Rohrig selbst als junge Partybesucherin häufig dort zu Gast – heute gehört ihr der Laden.

„Ich möchte unglaublich gerne damit weitermachen“, so die Clubbetreiberin. Doch blickt sie in den freitags halb leeren Club, wird ihr das Herz schwer: Auch wenn sie nicht ans Aufhören denken will, ist sie dabei abhängig von den Gästen, die kommen – oder ausbleiben, wie in jüngerer Vergangenheit häufig.

„Wer das gemeinsame Feiern und Ausgehen nicht kennt, dem fehlt es auch nicht“, weiß Rohrig aus Gesprächen mit jüngeren Angestellten: Einer ihrer Barkeeper ist gerade 19 geworden. Als er das erste Mal hätte feiern gehen dürfen, waren Clubs und Bars wegen der Pandemie geschlossen. Er traf seine Freunde einfach zu Hause oder im Chat zum Zocken. Das habe sich bei vielen bis heute nicht geändert und einiges im Nachtgeschäft verändert, so die 49-Jährige.

Seit der Corona-Zeit hat sich die Feierkultur nicht erholt: „Die Menschen wollen nicht mehr raus“, zieht Rohrig Bilanz. Als Clubbetreiberin lässt sie das mit Ratlosigkeit zurück.

Bei der Echelon-Afterparty hat die Bruckmühler Clubchefin vergangenen Sommer in Nightlife- und Technoliebhaberin Lea Mutzbauer aus Rosenheim eine Gleichgesinnte gefunden. Nachdem das Festival abgesagt worden war, verschlug es viele Technofans zum Feiern ins Prelude, so auch Mutzbauer.

Schnell haben die beiden Powerfrauen festgestellt, dass sie, was gute Partys und Clubkultur betrifft, auf einer Wellenlänge tanzen. Vor allem das Clubsterben im bayerischen Süden bereitet ihnen beiden Sorgen.

„Wir sind der letzte große Club in der Region”, weiß Rohrig. Vielerorts sei die Feierkultur gänzlich zum Erliegen gekommen. Von Kollegen aus Traunstein, Bad Aibling oder Rosenheim hört die Bruckmühlerin regelmäßige Klagen über ausbleibende Besucher und schlechtes Geschäft: Sie ist mit ihren Problemen nur ein Beispiel von vielen. Aber die Clubchefin will sich nicht länger beschweren, sondern lieber das Ruder im Prelude herumreißen. Zusammen mit Mutzbauer und deren Lebensgefährten Michael Mayer alias DJ „Viking“ haben sie und ihre Tochter Ramona eine neue Veranstaltungsreihe auf den Weg gebracht.

Die Idee lautet: Eclipse X Techno. Mit Technomusik soll ab sofort jeden Freitag ab 22 Uhr das Prelude mit neuem Leben gefüllt werden. Gemeinsam mit bekannten DJs aus den Bereichen Hard-, Peak-Time, Melodic oder Psytechno, will das Eclipse-Team die ursprüngliche familiäre Techno-Kultur wieder zurück auf die Tanzfläche holen – ohne Kommerz oder Hierarchien.

„Stattdessen setzen wir auf Solidarität, Fairness und Liebe zur Musik“, erklärt Eclipse-Botschafterin Mutzbaumer. Gleichzeitig hofft das Eclipse-Team, damit wieder mehr Publikum nach Bruckmühl zu locken, sodass das Prelude nicht mittelfristig auch der Club-Epidemie zum Opfer fällt.

Aus dem Solidaritätsgedanken entstand außerdem die Idee für das Soli-Ticket: Wer sich die fünf Euro Eintritt für das Clubevent nicht leisten kann, dem spendiert ein anderer Gast, der es finanziell stemmen kann, den Eintritt.

Schließlich hätten viele, vor allem junge Menschen, nicht das Geld für ausgelassene Partyabende: Ob Lebensmittel oder Tankfüllung, „das Leben wurde in den vergangenen Jahren in sämtlichen Bereichen teuer genug“, weiß die Clubchefin. Ihr sei es darum wichtig, „humane Preise“ für Eintritt oder Getränke zu verlangen. Schließlich soll das Prelude ein Ort sein, an dem sich junge Leute treffen und „eine gute Zeit haben“ – ungeachtet der finanziellen Mittel, die man als Student oder Schüler oft nicht hat.

Partyvergnügen ohne
abgetrennte Bereiche

Obwohl Techno für sie musikalisches Neuland ist, lässt sie sich gern auf die neue Partyreihe und die neuen Gäste ein, die sie damit in den Club locken will. Die Technofans, die etwa zu den Echelon-Afterpartys ins Prelude kommen, seien „unglaublich angenehme Partygäste“. Die Clubchefin erinnert sich an manches Mal, als die letzten Gäste ihr sogar noch angeboten haben, in den frühen Morgenstunden beim Aufräumen zu helfen.

„Wir wollen mit den Konventionen der modernen Nightlife-Industrie brechen“, erklärt außerdem Eclipse-Botschafterin Mutzbauer. „Es gibt keine VIPs und auch keine abgetrennten Bereiche zwischen DJ und Crowd. Wir feiern zusammen, denn gerade weil wir dieselbe Musik lieben, sind wir auf der Tanzfläche alle gleich.“

Doch Eclipse aufzubauen wird „kein Sprint, sondern ein Marathon“, ist sich Clubchefin Rohrig bewusst. Sie geht davon aus, dass es drei bis vier Monate dauern wird, bis die Leute merken, dass im Prelude „was los ist“. Von der Energie, mit der Ihre Unterstützer die Veranstaltungsreihe aufbauen, ist Rohrig überwältigt: „Ich weiß gar nicht, was ich ohne meine Tochter, Lea und Michi tun würde.“

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