Bad Aibling – Für die einen war es die große Überraschung, für manch einen gar ein Schock. Für die anderen hingegen der erhoffte Triumph. Kirsten Hieble-Fritz (FW/ÜWG) hat sich bei der Stichwahl um das Bürgermeisteramt durchgesetzt und wird in wenigen Wochen Amtsinhaber Stephan Schlier (CSU) als Rathauschef ablösen. Was in der Bevölkerung für reichlich Gesprächsstoff sorgt, zieht freilich auch für den Aiblinger Stadtrat unmittelbare Veränderungen nach sich.
„Ich verstehe mich als Vorbild und Leitung für einen angemessenen Umgang im Gremium“, sagt sie. Dabei wolle sie Diskussionen fokussieren und Entscheidungen ermöglichen. Mit welchen Erwartungen blicken die übrigen Fraktionen des Stadtrates auf die neue Führungsspitze?
Aufgrund ihrer bisherigen Tätigkeit als Zweite Bürgermeisterin und der monatlichen Gespräche in der Bürgermeisterrunde sei der CSU-Fraktion Hieble-Fritz‘ Stil bereits bekannt, erklärt Fraktionsvorsitzender Markus Stigloher auf OVB-Anfrage. „Die CSU wird natürlich die neue Rollenverteilung sportlich annehmen und sich auf eine konstruktive Zusammenarbeit zum Wohle unserer Stadt und der Bevölkerung konzentrieren.“
Aufgrund der „differenzierten Parteienlandschaft“ innerhalb des Rates – „wir haben ja nun von ganz links bis ganz rechts das gesamte Parteienspektrum vertreten“ – sei eine harmonische Zusammenarbeit jedoch nur schwer denkbar. So sei es möglich, dass die designierte Bürgermeisterin sich für die Beschlüsse jeweils erst Mehrheiten suchen müsse, so Stigloher. Wobei die Erfahrung zeige, dass in wirklich wichtigen Themen schnell Einigkeit im Stadtrat herrschte. „Hingegen bei sekundären Themen oft abendfüllend diskutiert wurde.“
Viele Parteien werden
im Stadtrat mitreden
„Mit Kirsten Hieble-Fritz steht erstmals eine Frau an der Spitze unserer Stadt“, hebt Martina Thalmayr, Fraktionsvorsitzende der Grünen, hervor. Das sei ein wichtiges Signal und ein Schritt hin zu einer vielfältigeren politischen Kultur. „Wir erwarten, dass Themen wie Stadtgestaltung, Lebensqualität und die Belange der Menschen stärker in den Fokus rücken.“
Für die Zusammenarbeit im Stadtrat sehe man gute Ansatzpunkte, insbesondere bei mehr Grünflächen, der Schaffung von Begegnungsräumen, etwa dem Bahnhofsgebäude, und einer aktiven Verkehrsberuhigung. „Hier wollen wir gemeinsam konkrete Fortschritte erreichen und Sachthemen in den Mittelpunkt stellen“, so Thalmayr.
Der Wunsch an den Führungsstil der neuen Bürgermeisterin sei klar: „Eine kooperative, transparente und dialogorientierte Amtsführung.“ Dazu gehörten laut Thalmayr eine klare Haltung für demokratische Werte sowie die Bereitschaft, Entscheidungen im offenen Austausch zu entwickeln – im Stadtrat ebenso wie mit den Bürgern. „Weniger Positionierung, mehr gemeinsames Ringen um die besten Lösungen“, so Thalmayr.
Die AfD will Hieble-Fritz künftig an einer „ortsverträglichen Bebauung“ messen, wofür sie vor der Stichwahl geworben habe. „Projekte mit fünfstöckigen Gebäuden passen nicht zu Bad Aibling“, betont dazu Andreas Winhart. Daher müsse sie sich jetzt auch vehement gegen derartige Bebauungen, insbesondere beim Thermenquartier inklusive des Thermenhotels, stellen und „diese unsinnigen Projekte aus der Ära Schlier umgehend beenden“. Gleiches gelte für Projekte an der Lindenstraße und auf dem Gelände an der Jahnstraße/Münchener Straße, so Winhart.
Deutlich kritischer sieht Winhart Hiebel-Fritz‘ Sicht auf seine eigene Partei. „Sie hat nach der Stadtratswahl ihr Bedauern darüber geäußert, dass sich so viele Wähler für die AfD entschieden haben. Diese Verurteilung des Wählerwillens ist untragbar und undemokratisch“, betont Winhart. Hier müsse die neue Rathauschefin stark an sich arbeiten. „Dass für die Mitarbeiter im Rathaus trotzdem ein umgänglicher Ton einzieht, davon bin ich überzeugt, denn schlimmer geht‘s nimmer.“
„Kirsten Hieble-Fritz ist lange genug im Berufsleben und im Stadtrat, um ihr neues Amt mit Erfahrung ausfüllen zu können, auch im Sinne der vom Wahlergebnis Enttäuschten“, erklärt SPD-Fraktionsvorsitzender Richard Lechner. Er erwarte, dass sie die Sitzungen des Stadtrats wie ihr Vorgänger gut vorbereitet und gut leitet, aber auch Entgleisungen unterbindet.
Rechtzeitige Einbindung
des Gremiums
Indes wünscht sich Lechner die rechtzeitige Einbindung des Stadtrats sowie dass Fehler der ablaufenden Wahlperiode vermieden werden. „Also bitte keine Vorbereitungen für eine Baugebietsausweisung ohne Wissen des Stadtrats“, sagt Lechner und nennt das Stichwort Jahnsportplatz. „Bitte keine Planungen, deren Realisierung überhaupt nicht absehbar ist“, sagt er und verweist auf die Sanierung des Bahnhofs, die aus Geldmangel seit 2022 zurückgestellt wurde.
Zudem sollte der Stadtrat bei der Ausschreibung und Besetzung von Führungspositionen in der Verwaltung beteiligt werden, über die allein der Stadtrat zu entscheiden hat, etwa bei der Nachbesetzung der Geschäftsleiterstelle.
Für Florian Weber (Bayernpartei), der sich als Bürgermeisterkandidat geschlagen geben musste, hat Hieble-Fritz die Chance, einen Politikwechsel in Bad Aibling anzustoßen. „Die Zusammenarbeit im neuen Stadtrat wie auch die Sitzungsleitung werden sicher nicht einfacher werden, aber ich traue ihr zu, hier positiv zu agieren“, sagt Weber.
„Ziemlich überrascht“ vom Wahlausgang war ÖDP-Stadträtin Anna Maria Kirsch, die Hieble-Fritz noch im Rathaus persönlich gratulieren konnte. Auf Kirsch vermittelt Hieble-Fritz den Eindruck einer zugewandten, offenen Haltung, die sich positiv auf die Zusammenarbeit im Gremium auswirken könne. „Für die Stadtratsarbeit erhoffe ich mir, dass wichtige Themen wie die Verkehrssituation in der Innenstadt, endlich lösungsorientiert angegangen werden“, betont Kirsch.
Nicht nur nach
Paragrafen beurteilen
Auch sollten entsprechende Anträge (etwa Zebrastreifen am Marienplatz, Verkehrsversuch Schulstraße) unter dem Aspekt einer möglichen – auch teilweisen – Umsetzung betrachtet und nicht von vornherein buchstäblich nach Paragrafen beurteilt und abschlägig entschieden werden. „Meinen Erwartungen würde ein kooperativer Führungsstil entsprechen, welcher auch einen sachlichen, respektvollen Ton und konstruktive Debatten begünstigt.“
Michaela Dietrich (Linke) war bisher nicht auf OVB-Anfrage erreichbar.