Bad Feilnbach – Full House herrscht jeden Dienstagabend ab 19 Uhr in der Feilnbacher Jenbachhalle. Mit schwerem Wurfgerät trudeln allmählich Sportlerinnen und Sportler des EC Bad Feilnbach ein, um sich warmzuschießen für das Training – und um mir das Stockschießen beizubringen – oder es zumindest zu versuchen. Ich bin Kathi, Redakteurin beim OVB. Wenn ich Sport mache, dann vor allem Yoga oder Wandern. Aber im Dienste der journalistischen Aufklärungsarbeit nehme ich die Herausforderung „Stockschießen“ an. In diesem Sinne: Her mit dem Stock!
Von Laufsohle über
Stockkörper und Stiel
Also fast: Erst mal zeigt mir Stockprofi Kathi Angermeier, wie man das kegelförmige Wurfgerät zusammenbaut. Außerdem muss ich zu Beginn meiner Schützenkarriere noch herausfinden, welcher Griff zu mir passt: welche Dicke, welche Länge oder welches Griffmaterial? Pragmatisch fiel meine Entscheidung auf das, was gerade griffbereit war.
Jeder Schütze kommt außerdem mit einer Tasche voller verschiedener Laufsohlen zum Training. Die Laufsohle für das Eis ist aus Gummi, die für den Asphalt aus Kunststoff. Zudem gibt es sowohl für Eis als auch für Asphalt mehrere Laufsohlen, die sich in ihrem Rutschverhalten unterscheiden.
Die Weiße ist die glatteste und somit schnellste und anfängerfreundlichste Laufsohle. Die meiste Kraft benötigt man für die verhältnismäßig raue, lilafarbene Sohle. Diese wird mit Stockkörper und Stiel zum Stock verschraubt.
Bewaffnet mit dem fertig zusammengebastelten Stock mache ich mich also bereit für den ersten Stockwurf: Die halbrunde Markierung auf dem Asphalt zeigt an, wo ich meinen rechten Fuß positionieren muss (ich bin Rechtshänderin, beim Linkshänder gilt die Markierung dem linken Fuß), und zwar im 45-Grad-Winkel zum Ziel. Der linke Fuß kommt direkt davor – die Fußspitze zeigt in Schussrichtung – also fürs Erste geradeaus nach vorn.
Die rechte Hand greift um den Eisstock, die Handfläche umschließt die kleine Außenwölbung des Stils, die in Schussrichtung zeigt. Jetzt heißt es: Volle Konzentration auf das Ziel – die Mitte des Hauses – und dabei die Hand samt Stock vorsichtig vor- und zurückpendeln lassen.
Als ich denke, ich sei konzentriert genug, lasse ich den Stock-Arm nach hinten schwingen. Gleichzeitig mache ich einen Schritt mit links nach vorn (aber wohl viel zu weit, meinen die Experten) und versuche dann mit einer möglichst anmutigen Bewegung, den Stock sanft auf den Asphalt gleiten zu lassen – so wie ich es mir bei den Profis abgeschaut habe.
Nach zehn Metern Holpern – aber zumindest passt die grobe Richtung – war leider Schluss mit Rutschen: Für das Haus hat mein Anfänger-Schwung nicht gereicht. Aber ich begreife, warum die Halle des EC Bad Feilnbach an diesem Dienstagabend voll ist.
Der Stock, der in der Hand baumelt, und die Konzentration auf den Zielpunkt am anderen Hallenende, den man erreichen will: Dieses Spiel hat Suchtpotenzial und es hat meinen Ehrgeiz geweckt. Ich probiere es also noch eine ganze Weile weiter. Fazit: technisch noch viel Luft nach oben. Vielleicht kann ich mir bei den Profis auf der Stockbahn nebenan etwas abschauen.
Vergangenes Jahr sind die Schützinnen in die Bundesliga aufgestiegen und gewannen damals auch die deutsche Meisterschaft, in diesem Jahr belegten sie den dritten Platz. „Wir hätten schon gerne unseren Titel aus dem vergangenen Jahr verteidigt“, findet Stockschützin Kathi Angermaier, „aber wir haben einen Platz auf dem Siegertreppchen ergattert, wie könnten wir darüber traurig sein?“
Die Mannschaften in der Bundesliga begegnen einander mit Geschick und Technik auf Augenhöhe. Oft entscheiden Nuancen große Meisterschaften. Neidlos erkennen Angermaier und ihre Schützen-Kolleginnen an, dass der ESV Mitterskirchen und die Schützinnen vom SV Kirchberg am vergangenen Wochenende „einfach besser in Form waren als wir“. Was jedoch nicht bedeutet, dass die nächste Sommermeisterschaft weniger spannend wird. Schließlich wollen sich die Feilnbacherinnen den Titel zurückholen.
Seit 30 Jahren ist Angermaier bereits Mitglied beim EC Bad Feilnbach. Damals war das Stockschießen auf Asphalt wie Eis keine Nischensportart: weder bei den Frauen noch bei den Männern. Mich wundert das offen gesagt ein wenig – immerhin komme ich vom Land und war dort lange Jahre Mitglied in verschiedenen Sportvereinen.
Doch das Stockschießen kenne ich hauptsächlich von Papas Wirtshausfreunden – Jahrgang 65 oder früher. Sportlich sah das allerdings eher selten aus. Dafür war ein Kasten Bier immer zugegen – und am Ende einer Trainingseinheit in aller Regel leer.
„In unserer Region gab es damals rund zehn Damenmannschaften“, klärt mich Angermaier über die hiesige Eisstocktradition auf. So war ein Ligabetrieb über das ganze Jahr hinweg möglich. Heute ist die Zahl der Mannschaften im Ligabetrieb im Landkreis auf nunmehr drei geschrumpft. Neben Bad Feilnbach gibt es noch Damenmannschaften in Eggstätt und Rosenheim.
Hinzu kommen ein paar weitere Freizeit- und Hobbyteams. Umso mehr freuen sich die Vereinsmitglieder über Neuzugänge und darüber, dass der EC aktuell zumindest „gerade so“ mit drei bis vier Nachwuchsschützen eine Jugendmannschaft anmelden kann.
Für die regelmäßigen Trainingseinheiten treffen sich sowohl Herren- als auch Damenmannschaften in ihrer Jenbachhalle. Unter Dach trainieren sie hier bei jedem Wetter. Das ist nicht für jeden Stockschützen-Verein selbstverständlich.
Dienstag ist
immer Stock-Tag
Viele haben nur eine asphaltierte Außenbahn. Bei schlechtem Wetter fällt dort notgedrungen das Training aus. Deswegen kommt auch Marianne Schweiger häufig aus Steinhöring bei Ebersberg nach Bad Feilnbach zum Trainieren: Mit einer „Greencard“ darf sie, trotz Vereinszugehörigkeit in der Heimat, auch für die Mannschaft des EC Bad Feilnbach bei den Damen antreten und trainieren.
Wie auch Teamkollegin Angermaier ist sie ihrem Lieblingssport in den vergangenen 30 Jahren treu geblieben – und außerdem amtierende deutsche Meisterin im Zielschießen, der Einzeldisziplin im Stockschießen. „Das kam für mich selbst völlig unerwartet“, erinnert sie sich an den Wettkampf. Eigentlich wollte sie sich nicht anmelden, schließlich hätten ihre Teamkolleginnen sie doch noch motiviert.
Also hat sich Schweiger am letzten Tag vor Anmeldeschluss spontan auf die Teilnehmerinnenliste setzen lassen. Am 21. September 2025 setzte sie sich dann gegen alle ihre Konkurrentinnen durch und darf sich seitdem Deutschlands beste Stockschützin nennen. Das will sie, mit Blick auf die bevorstehende Sommersaison, auch bleiben. Ich werde ihr den Rang jedenfalls nicht ablaufen.