Irschenberg – Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen stehen vor der Herausforderung, dass die Zahl der Inobhutnahmen aufgrund von Kindeswohlgefährdung bundesweit zunimmt – und darunter die Zahl der traumatisierten Kinder und Jugendlichen. Eine Entwicklung, die Einrichtungen wie das Caritas-Kinderdorf in Irschenberg dazu veranlasst, mehr in die Entwicklung von Traumasensibilität zu investieren. Durch neue Angebote und Schulungen sollen die pädagogischen Fachkräfte in den Kinderdorffamilien befähigt werden, den veränderten Bedarfen der Kinder noch besser entsprechen zu können.
Die Zahl der Kinder, die aus widrigsten Umständen in eine stationäre Einrichtung kommen, nimmt auch im Caritas Kinderdorf zu. Das stellen die Psychologen um Alexander Horzella fest, der derzeit eine Weiterbildung zum systemischen Traumatherapeuten macht: „Wir erkennen eine eindeutige Entwicklung und haben uns auf den Weg gemacht, das Caritas-Kinderdorf zu einer traumasensiblen Einrichtung weiterzuentwickeln. Uns ist bewusst, dass es sich um einen langen Weg handelt.“
Die Fachdienste im Kinderdorf unterstützen die pädagogischen Fachkräfte in den Kinderdorffamilien beim Umgang mit Traumafolgen. Traumatische Erlebnisse äußern sich bei Kindern oftmals in Form von Störungen des Ess- und Schlafverhaltens. Außerdem zeigen sich Ängste, sozialer Rückzug wie auch Wutausbrüche. Diese Verhaltensweisen werden im Kinderdorf nicht als störend verstanden, sondern als ehemals überlebenswichtige Strategie der Kinder, damit sie die lebensbedrohlichen Situationen in der Vergangenheit aushalten konnten.
Wie bei der heute achtjährigen Marina (Name geändert). Sie kam mit ihren damals zwei und vier Jahre alten Brüdern im Sommer 2024 ins Kinderdorf. Alle drei Kinder hatten massive Misshandlungen erfahren, waren bei ihrer Ankunft stark vernachlässigt und unterernährt. Marina zeigte immer wieder heftige Wutausbrüche und war für pädagogische Fachkräfte kaum erreichbar. Es stellte sich heraus, dass sie sich als Älteste der drei Geschwister für die anderen verantwortlich fühlte. Einschränkungen sowie Kritik wurden als bedrohlich empfunden, was ihr Verteidigungssystem aktivierte.
Erzieherin Johanna Hopfgartner, die eine Fortbildung in Traumapädagogik abgeschlossen hat, führte mit ihr traumasensible Einzel- und später Gruppenstunden durch. Ziel war es, sie und die anderen Kinder dafür zu sensibilisieren, „warum sie einen unsichtbaren Gefühlsrucksack mit schweren Sachen aus ihrer Vergangenheit mitsichtragen und wie sie damit bewusst umgehen können“, erklärt Johanna Hopfgartner.
Dass ihre Arbeit auf fruchtbaren Boden fällt, sieht sie daran, dass sie von Marina und den Kindern als ihre „Gefühlsbeauftragte“ gesehen wird. Marina hat die Therapie sehr gut angenommen und sie hat ihr sichtlich gutgetan. Heute geht es ihr besser, und sie kann das Aufwachsen in ihrer Kinderdorffamilie genießen.