Den Gefühlsrucksack gemeinsam leeren

von Redaktion

Caritas Kinderdorf am Irschenberg investiert in Traumasensibilität, um Kindern noch besser zu helfen

Bad Aibling/Irschenberg – Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen sehen sich mit einer bundesweiten Zunahme von Inobhutnahmen aufgrund von Kindeswohlgefährdung konfrontiert, wobei die Zahl traumatisierter Kinder und Jugendlicher steigt. Diese Entwicklung veranlasst Einrichtungen wie das Caritas Kinderdorf in Irschenberg, verstärkt in die Entwicklung von Traumasensibilität zu investieren. Durch neue Angebote und Schulungen sollen die pädagogischen Fachkräfte in den Kinderdorffamilien befähigt werden, den veränderten Bedarfen der Kinder noch besser gerecht zu werden.

Schwerwiegende
Risikofaktoren

Immer mehr Kinder und Jugendliche werden aufgrund schwerwiegender Risikofaktoren in ihren Herkunftsfamilien, wie Überforderung der Eltern, Vernachlässigung, körperliche oder psychische Misshandlungen, aus ihrem familiären Umfeld herausgenommen. Eine zunehmende Zahl von ihnen leidet aufgrund dieser Erlebnisse unter erheblichen Belastungen und Traumata, die sich negativ auf die psychische und physische Gesundheit auswirken.

Die Zahl der Kinder, die aus widrigsten Umständen in eine stationäre Einrichtung kommen, nimmt auch im Caritas Kinderdorf zu. Das stellen die Psychologen um Alexander Horzella fest, der derzeit eine Weiterbildung zum systemischen Traumatherapeuten absolviert.

Horzella erklärt: „Wir erkennen eine eindeutige Entwicklung und haben uns bereits auf den Weg gemacht, das Caritas Kinderdorf zu einer traumasensiblen Einrichtung weiterzuentwickeln. Dazu gehört, dass wir noch mehr Kompetenz aufbauen und Schulungen durchführen. Uns ist bewusst, dass es sich um einen langen Weg handelt, bis wir am gewünschten Ziel sind.“

Da sich die Bedürfnisse der Kinder kontinuierlich verändern, muss sich die stationäre Jugendhilfe laufend an neue Herausforderungen anpassen, weiß Pia Klapos, Leiterin und Geschäftsführerin des Kinderdorfes. Sie betont: „Mir ist es ein wesentliches Anliegen, den Kindern bestmögliche Unterstützung zu bieten. Daher entwickle ich fortlaufend in Kooperation mit den Jugendämtern neue, geeignete Angebote. Unser gesamtes Team setzt sich dafür ein, dass traumatisierte Kinder in unserer Einrichtung bleiben können.“

Die Fachdienste im Kinderdorf unterstützen die pädagogischen Fachkräfte in den Kinderdorffamilien beim Umgang mit Traumafolgen. Traumatische Erlebnisse äußern sich bei Kindern oftmals in Form von Störungen des Ess- und Schlafverhaltens. Außerdem zeigen sich Ängste, sozialer Rückzug sowie Wutausbrüche. Diese Verhaltensweisen werden im Kinderdorf nicht als störend verstanden, sondern als ehemals überlebenswichtige Strategie der Kinder, damit sie die lebensbedrohlichen Situationen in der Vergangenheit überhaupt aushalten konnten.

Ein Beispiel hierfür ist die heute achtjährige Marina (Name geändert). Sie kam mit ihren damals zwei und vier Jahre alten Brüdern im Sommer 2024 ins Kinderdorf. Alle drei Kinder hatten massive Misshandlungen erfahren müssen, waren bei ihrer Ankunft stark vernachlässigt und unterernährt.

Marina zeigte anfangs immer wieder heftige Wutausbrüche und war dabei für pädagogische Fachkräfte kaum erreichbar. Im Laufe der Zeit stellte sich heraus, dass sie sich als Älteste der drei Geschwister für die anderen verantwortlich fühlte. Einschränkungen sowie Kritik wurden als bedrohlich empfunden, was ihr Verteidigungssystem aktivierte.

Erzieherin Johanna Hopfgartner, die eine Fortbildung in Traumapädagogik abgeschlossen hat, führte mit Marina traumasensible Einzel- und später Gruppenstunden durch. Ziel war es, sie und die anderen Kinder dafür zu sensibilisieren, „warum sie einen unsichtbaren Gefühlsrucksack mit schweren Sachen aus ihrer Vergangenheit mit sich tragen und wie sie damit bewusst umgehen können“, erklärt Johanna Hopfgartner. Sie ergänzt: „In meinen Stunden geht es oft um starke Gefühle, wie Angst, Trauer und Wut.

Dabei ist es wichtig, dass diese nicht unterdrückt werden, sondern als Signal für Bedürfnisse verstanden werden, auf die eingegangen werden muss.“ Dass ihre Arbeit auf fruchtbaren Boden fällt, sieht sie daran, dass sie von Marina und den Kindern als ihre „Gefühlsbeauftragte“ gesehen wird. Marina hat die Therapie sehr gut angenommen und sie hat ihr sichtlich gutgetan. Heute geht es ihr besser, und sie kann das Aufwachsen in ihrer Kinderdorffamilie genießen.

Johanna Hopfgartner gibt ihre Erfahrungen im Kinderdorf weiter und führt der Reihe nach in allen Wohngruppen traumasensible Fallbesprechungen durch. Zudem vermittelt sie den Kollegen die Grundlagen der Traumapädagogik.

Einen weiteren Bereich deckt die Psychologin Mascha Lenger ab. Sie ist systemische Therapeutin und hat eine Ausbildung zur S-O-S-Trainerin nach dem Konzept von Helpers Circle absolviert und gibt nun auch ihr erworbenes Wissen sukzessive an die pädagogischen Fachkräfte in den Wohngruppen weiter. Zudem bietet sie therapeutische Gruppen an. Die dort angewendeten „Schmetterlingsübungen“ stammen aus Geschichten der Autorin Kati Bohnet. In diesen und in ihren Videos verbindet die Traumatherapeutin Geschichten mit Atem- und Wahrnehmungsübungen sowie Klopftechniken, die den Kindern helfen, Ruhe zu finden.

„Regulation des Nervensystems“ nennt das Mascha Lenger, die die Kinder anleitet, die erlernten Übungen auch selbstständig anzuwenden, wenn sie mit großen Gefühlen, wie Angst oder Wut, allein klarkommen müssen. Mascha Lenger zeigt sich überzeugt: „Ich finde es schön, zu sehen, wie die Schmetterlingsübungen die Kinder in ihrem Inneren erreichen. Bei all ihrer Trauer, Wut und Verzweiflung, die mit dem Trauma einhergehen, sind sie etwas, mit dem die Kinder ihre Gefühle beruhigen können.“ Sie rät: „Diese Methode kann eine effektive Ressource zur Stabilisierung des Nervensystems sein und von jedem zur Selbstfürsorge im Alltag, zum Beispiel bei Stress, eingesetzt werden.“

Während ihrer Gruppentherapien wendet sie altersgerechte Psychoedukation an und setzt ihre Übungen auf spielerische Weise unterschiedlich um. Mal wird das Buch vorgelesen, mal lesen die Kinder selbst oder sie machen eine „Kinostunde“ und schauen ein S-O-S-Video an. Das verlängerte Ausatmen, durch das, neben den anderen S-O-S-Übungen, das Nervensystem beruhigt werden kann, wird zum Beispiel durch Blubbern mit dem Strohhalm in ein Getränk, Pusten von Konfetti durchs Zimmer, Aufblasen von Luftballons oder anderen Puste-Utensilien, wie Luftschlangen, geübt. Das macht den Kindern sehr viel Spaß.

Sicherheit
und Verbundenheit

Die Expertin freut sich: „Im Laufe der Therapie können viele der Kinder Sicherheit und Verbundenheit erleben und deutlich sichtbar länger ausatmen. Zudem wenden sie die Übungen auch außerhalb der Therapie an.“ Auch Marina kann diese Übungen immer besser für sich nutzen und integriert diese bereits selbstständig in ihren Alltag. Ihre Wutausbrüche kommen inzwischen immer seltener vor und Marina ist schneller in der Lage, sich zu beruhigen, wenn sie große Wut empfindet.

Erfolge wie diese sind für Kinderdorf-Leiterin Klapos eine Bestätigung ihrer Arbeit. Klapos erklärt: „Unser Ziel ist eindeutig: wir möchten eine traumasensible Einrichtung werden. Wir verfügen bereits über gute Schulungen, und Traumasensibilität sowie Bindungs- und Haltequalität stehen im Kinderdorf Irschenberg ganz oben auf der Agenda. Uns ist bewusst, dass noch Arbeit vor uns liegt und wir weitere Ressourcen bereitstellen müssen. Vielleicht finden sich Unterstützer.“

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