Bruckmühl – Seit 7 Uhr sind Claudia Vill und ihre ehrenamtlichen Kollegen an diesem Donnerstag bereits für die Tafel in Bruckmühl und Feldkirchen im Einsatz. Gemeinsam bereiten sie im Keller des Diakonischen Sozialkaufhauses die Lebensmittelausgabe vor.
„Bei uns sieht es aus, wie in einem Tante-Emma-Laden“, findet Tafelleiterin Vill, wenn sie den Blick durch den Raum schweifen lässt. Bunte Kisten mit Obst und Gemüse, Brot oder Joghurt reihen sich an den Wänden aneinander. Zu Ostern hat die Tafel außerdem noch ein paar besondere Schokoladen- und Spielsachen-Spenden für die rund 60 Kinder bekommen, die hier versorgt werden.
Arbeitsteilung
ist wichtig
Jeder Helfer hat hier seine feste Aufgabe: Die einen räumen die Regale ein, während die ehrenamtlichen Fahrer noch die letzten frischen Obst- oder Gemüselieferungen vorbeibringen. Wieder andere füllen Kisten für diejenigen Personen, die nicht zur Ausgabe kommen können.
„Viele kranke oder ältere Menschen bekommen regelmäßig Lebensmittel von uns“, erklärt Vill. Doch können sie aus unterschiedlichen gesundheitlichen Gründen nicht selbst vorbeikommen, oder die schweren Taschen im Anschluss nach Hause tragen. Einige Geflüchtete besuchen außerdem regelmäßig am Donnerstagvormittag Deutschkurse. Deshalb werden auch für sie Kisten vorbereitet.
Die Richtlinien für die Lebensmittelvergabe legt die Tafel selbst fest. In Bruckmühl und Feldkirchen-Westerham bedeutet das: Jeder, der nachweislich Sozialleistungen bezieht, darf zur Lebensmittelausgabe kommen. Das sind in Bruckmühl und Feldkirchen aktuell 320 Menschen. Zwischen 170 und 180 Personen kommen wöchentlich zu den beiden Ausgabestellen in Bruckmühl und Feldkirchen, um Lebensmittel für sich und ihre Familien abzuholen.
Die Tafel organisiert sich weitgehend selbst, unterliegt jedoch der Diakonie Rosenheim als Trägerverband. „Wir arbeiten wie eine Firma“, weiß Vill: Wie auch für Gastronomiebetriebe oder Supermärkte gelten für die Tafel strenge Hygienevorschriften, Kühlketten müssen eingehalten oder Personalpläne für die freiwilligen Helfer müssen erstellt werden.
Entsprechend viel Zeit investiert sie jede Woche aufs Neue für ihr Ehrenamt. Schließlich ist es das Ziel jeder Donnerstagsausgabe, die Regale leer zu machen. Am Freitag ist bei der Tafel Ruhetag, bevor ab Montag wieder übrig gebliebene Lebensmittel, Reste oder Ausschussware für die bevorstehende Ausgabe gesammelt und aufbereitet werden. So herrscht stetig reges Treiben.
Valentina H. ist eine von rund 50 Helfern der Tafel. Die Ukrainerin lebt seit rund dreieinhalb Jahren in Bruckmühl. Damals hat sie von der Tafel erfahren und das Angebot der Freiwilligen dankbar angenommen. „Es ist so schön, zu sehen, wie viele Menschen hier zusammenhelfen und Gutes tun möchten“, findet sie.
Deshalb hat sich die Ukrainerin vor einiger Zeit selbst dazu entschlossen, als Freiwillige bei der Tafel mitzuhelfen. Jeden Donnerstagvormittag steht sie deshalb im Keller des Sozialkaufhauses, macht Kisten sauber oder räumt Regale ein. Vier Tage in der Woche ist sie außerdem als Mittagsbetreuung an einer Bruckmühler Schule tätig und hat eine Ausbildung als Assistenzkraft im Kindergarten begonnen.
Leiterin Vill ist sehr dankbar für ihre Unterstützung: „Valentina übersetzt für uns, wenn Verständigungsprobleme auftauchen. Außerdem versteht sie sehr gut aus eigener Erfahrung, was viele Geflüchtete erleben und durchmachen.“
Wichtig ist Tafelleiterin Vill, dass die Tafel „sich nicht politisch positioniert“. Das bedeutet: „Bei uns ist jeder gleich, egal, woher er oder sie kommt. Wer bedürftig ist und Hilfe benötigt, bekommt sie bei uns, soweit das eben möglich ist.“
Viele der regelmäßigen Tafelbesucher kennt sie seit Langem. Häufig kommen Mitarbeiter und Bedürftige bei der Essensausgabe ins Gespräch. Die Besucher erzählen hier von ihren Problemen. Auch wenn die Tafelmitarbeiter selbst nicht weiterhelfen können, so sind sie zumindest eng mit verschiedenen ehrenamtlichen Hilfsorganisationen vernetzt und lassen die Menschen, die zu ihnen kommen, nicht allein.
„Wenn‘s einem selbst gut geht im Leben, sollte man nicht vergessen, dass viele Menschen völlig unverschuldet in große Notlagen geraten”, findet Tafelchefin Vill. Die 69-Jährige kam vor 20 Jahren zur Tafel. „Ich war auf der Suche nach einer sinnstiftenden Aufgabe, nachdem meine Kinder langsam älter wurden. So bin ich auf die Bruckmühler Tafel gestoßen.“ Gegründet wurde diese im Jahr 2005 von Vills Vorgängerin Christine Stieber. Die 79-Jährige hilft immer noch jede Woche donnerstags bei der Ausgabe mit. Inzwischen zählt auch ihre Enkelin zu den regelmäßigen Helferinnen.
Nachdem Stieber in Rente ging, wollte sie sich ehrenamtlich engagieren und stieß auf das Tafel-Projekt: In Bruckmühl gab es die Organisation damals noch nicht, also war die Idee geboren, auch hier und in Feldkirchen-Westerham bedürftige Menschen mit Lebensmitteln zu versorgen.
„Dieses Ehrenamt macht unglaublich Spaß und es ist ein schönes Gefühl, anderen Menschen helfen zu können“, findet Stieber. Das und das „schöne Miteinander“ in der Tafel-Gruppe lassen die Seniorin jeden Donnerstag gerne die Stufen zum Kellergeschoss im Sozialkaufhaus hinuntersteigen. „Hier wird viel gelacht, sich ausgetauscht und geholfen“, erzählt die Seniorin. Daran habe sich in den vergangenen 21 Jahren nichts geändert.
Im kommenden Jahr steht der Tafel jedoch eine große Veränderung bevor: Aus Altersgründen möchte Leiterin Vill ihren Posten abgeben. Darum sucht sie schon jetzt nach Verstärkung für die Leitung der Organisation. Schließlich will sie die Tafel auch weiterhin in guten Händen wissen.
Außerdem sucht die Tafel Unterstützung für das gesamte Team: Neben der Ausgabe am Donnerstagvormittag werden freiwillige Fahrer gesucht, die die Lebensmittel von Montag bis Donnerstagfrüh von Warenlager oder Supermärkten zur Ausgabestelle bringen können, sowie Mitarbeiter, die am Mittwochnachmittag beim Aussortieren und Aufbereiten der eingetroffenen Lebensmittel helfen.
Aktuell zählt die Tafel 53 freiwillige Helfer. Viele von ihnen sind bereits mehr als 80 Jahre alt. Vill muss darum damit rechnen, dass jederzeit ein Ehrenamtlicher auch mal länger krankheitsbedingt ausfällt. „Eine Krankheit oder eine Verletzung steckt man in diesem Alter nicht mehr so einfach weg“, weiß die Tafelchefin. Helfen darf allerdings jeder, der zuverlässig ist und sich körperlich fit genug dafür fühlt, ergänzt die 69-Jährige.
Sie erinnert sich dabei an ein Gespräch, das sie jüngst mit einer Kollegin führte. Besorgt fragte diese, ob sie mit ihren 90 Jahren denn schon noch mitmachen dürfe. „Aber natürlich darf jeder kommen und helfen, so lange er kann und möchte“, so Vill lachend.
Hoffnung auch auf
jüngere Neuzugänge
Schwierig sei es dennoch geworden, Menschen zu finden, die sich ihrer Verantwortung als Ehrenamtliche bewusst sind, wissen Vill und Vorgängerin Stieber. Auch wenn man bei der Tafel freiwillig hilft, ist es wichtig, die Termine einzuhalten, für die man sich bereit erklärt.
„Wenn wir keine Zeit haben, benötigen die Bedürftigen aus der Gemeinde trotzdem Hilfe und Lebensmittel“, so die Chefin. Vor allem würde sie sich ein paar jüngere Neuzugänge zur Tafel wünschen, die ihre Kollegen entlasten. „Das bedeutet nicht, dass man jede Woche Zeit haben muss, man kann auch regelmäßig alle zwei Wochen oder auch nur einmal im Monat vorbeikommen und mitanpacken.“
Wer mithelfen möchte, kann sich bei Tafelleiterin Claudia Vill unter Telefon 0171/3783301 oder per E-Mail an info@bruckmuehler-tafel.de melden.