Wohlfühlort der Selbstbefreiung

von Redaktion

Im Zeichen weiblicher Selbstermächtigung steht die Ausstellung „Frauen für Frauen“ der Künstlerinnengruppe „FrauenZimmer“. Vier Wochen lang verwandeln sie das Bruckmühler Atelier 303 in einen Ort der künstlerischen Selbstbestimmung und wagen manches feministische Experiment.

Bruckmühl – „Frauenzimmer“ nannte man im Mittelalter die wenigen Räume in den kalten, steinernen Ritterburgen, die ausnahmsweise beheizt wurden. Mit Vorliebe sollen sich dort die weiblichen Burgbewohner, darunter Herzoginnen, Zofen und Prinzessinnen, aufgehalten haben. Im 16. Jahrhundert wurde der Begriff ausgeweitet, fortan wurden auch die Damen selbst „Frauenzimmer“ genannt. Galt der Begriff damals Damen hohen sozialen Ranges, wandelte er sich über die Jahrhunderte. Schließlich wurde er zur geringschätzenden Abwertung von Frauen im Gegensatz zu den ihnen vermeintlich überlegenen Männern.

Kreativität und
Frauenpower in Bruckmühl

Einige Künstlerinnen aus der Region erobern sich diesen Begriff nun zurück und wollen ihm die positive Bedeutung zurückgeben. „FrauenZimmer“ nennen sich acht Künstlerinnen, die mit Gastkünstlerin Andrada Ababei anlässlich des Weltfrauentages eine Ausstellung im Bruckmühler Atelier 303 unter dem Titel „Frauen für Frauen“ eröffneten. Noch bis zum morgigen Samstag ist die Bruckmühler Künstler-WG vorübergehende Heimat weiblicher Kunst auf Leinwand, Papier, Textil oder in plastischer Form.

„Frauenzimmer“ bedeutet für die Künstlerinnen: „Mit weiblicher Kunst und Energie Räume gestalten und Menschen einladen, in diesen Räumen zu verweilen“, erklärt Künstlerin Lorita Bögl, die Gründerin der Gruppe.

Mit dem Arrangement ihrer Bilder und Skulpturen wollen die neun Frauen die Galeriebesucher „tiefer und tiefer in die Ausstellung hineinziehen“, erklärt Kunstpädagogin Ulrike Lachenmayr. Von den Wänden des langen Flures leuchten farbenfrohe Leinwandgemälde, während der Arm einer von Niki de Saint Phalle inspirierten Nana-Skulptur beim Betrachten eines der Bilder aus dem Augenwinkel zuzuwinken scheint.

Gerade einmal drei Wochen hatten die Frauen Zeit, ihre Ausstellung vorzubereiten: Über eine Bekannte der Gruppe sei das Projekt im Atelier 303 spontan zustande gekommen. Die Künstler-WG war gemeinsam mit dem Barkeeper aus dem „Bunten Hund“, der Bar in ihrem Zentrum, auf der Suche nach Ausstellerinnen für eine Kunstausstellung unter dem Motto „Frauen für Frauen“ zum Weltfrauentag. „Spontanität ist unsere Stärke“, erklärt Künstlerin Barbara Bertram lachend.

An der Bar und an manchen Wänden können Besucher außerdem Zahlen und Fakten rund um die Entwicklung der Rechte von Frauen in Deutschland nachlesen: Mit einer Mischung aus Belustigung und Unverständnis erzählen die Künstlerinnen, wie sie bei der Recherche auf das Frauenfußball-Verbot von 1955 gestoßen sind. Begründet wurde das Verbot vom DFB mit dem Verschwinden der weiblichen Anmut bei diesem Sport.

Anstelle weiblicher Diskriminierung wollen Bögel und ihre Kolleginnen „Räume gestalten und mit unserer Kunst einen Wohlfühlort für alle unsere Besucher schaffen“. Geschichte und Errungenschaften von Frauen in Deutschland sind ein wesentlicher Teil hiervon.

Zusammengefunden haben sich die „FrauenZimmer“-Künstlerinnen während der Corona-Zeit. Bei einem privaten „Kreativworkshop“ unter Freundinnen wurde die Idee geboren, gemeinsam „etwas Größeres“ zu schaffen, erinnert sich Bögl. Seitdem unterstützen und inspirieren sich die kreativen Frauen in ihren künstlerischen Schaffensprozessen.

Inspiration wollen sie auch den Besuchern ihrer Ausstellung schenken. Umso mehr freuen sie sich, dass so „viele Gäste gerne und lange vor den Bildern verweilen“. Sie sind in der Ausstellung nicht nur Betrachter, sondern dürfen die Skulpturen auch berühren. Schließlich sei „das haptische Erleben der Kunst ein ganz zentrales Element“ ihrer Komposition, erklärt Bertram.

Vor allem das plastische Formen der teils überlebensgroßen Nana-Skulpturen war für die Künstlerinnen eine unkonventionelle Erfahrung. Als Schaffende müssen sie ihre Kunstwerke an unfertigen Körperstellen anfassen, bei denen man sich schon fragt: „Darf ich das einfach so machen?“ Mancher Künstlerin trat dabei auch mal die Schamesröte ins Gesicht, erinnert sich Bertram, wie sie ihre erste Nana formte.

Doch stehen die Frauen nun vor ihren Werken und wundern sich über ihr anfängliches Unbehagen: Alles, was ihre Hände geformt haben, ist Kunst, inspiriert von der Vielfalt weiblicher Körper. So gesehen gleicht der Schaffensprozess der Nanas der Entdeckung und Anerkennung diverser Körperformen. Er steht symbolisch für das „Feiern des Frau-Seins und des Frau-Sein-Dürfens“, findet Bögel.

Der Blick auf den menschlichen Körper, ob angezogen oder nackt, ist seit Jahrhunderten Teil der europäischen Kunst: Er nahm seinen Anfang in den antiken Tempel-Skulpturen griechischer Götter oder manifestierte sich während der italienischen Hochrenaissance in Michelangelos Jüngstem Gericht in der Sixtinischen Kapelle.

Unmittelbar zeigten die Künstler damals menschliche Körper ohne jede Hülle. Beinahe prüde könnte man daneben die bunt gekleideten Nanas oder die floralen Symbol-Motive der Weiblichkeit nennen, die auf Papier und Leinwänden an den Wänden prangen.

Für die „FrauenZimmer“-Künstlerinnen ist die Kunst nicht nur etwas, was sie mit ihren Händen schaffen, sondern sie „passiert oft einfach“, weiß Lachenmayr. Im Schaffensprozess befindet sie sich in einem Strudel aus Formen, Farben, Pinselstrichen und plastischer Formung. Doch nicht jede Bewegung schafft auch die Form, die man damit bezwecken wollte. Diese blinden Flecken machen die Kunst zu etwas Aufregendem, Unvorhersehbarem. So stehen die Künstlerinnen oft staunend vor ihren eigenen Werken.

Kunst erleben
durch Berührung

In ihrem Schaffen fühlen sich die Künstlerinnen frei. Maßgeblich trägt hierzu bei, dass ihre Gruppe ausschließlich aus Frauen besteht. „Bei uns herrscht eine ganz besondere, schwesterliche Energie”, findet Bertram. „Das ist allein dadurch möglich, weil wir als Frauen viele Erlebnisse miteinander teilen und nachfühlen können. Wir verstehen die Ausdrucksformen der anderen und können uns in die Beweggründe für diese Ausdrucksweisen hineinfühlen.“

Neben Leinwandkunst und Skulpturen befindet sich im Zentrum der Ausstellung eine kleine Bühne für Lesungen, Musik oder Kabarett. Schließlich wollen die Künstlerinnen hier „Kunst und Erlebnisse miteinander verbinden”, erklärt Bögl.

Noch am morgigen Samstag ist die Ausstellung von 17 bis 22 Uhr im Atelier 303 in Bruckmühl-Heufeldmühle, Gewerbepark Gwb 29, im zweiten Obergeschoss geöffnet.

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