Die Natur als Lehrmeister entdecken

von Redaktion

In der Wildnisschule Chiemgau lernen 15 angehende Wildnispädagogen in einem Intensivkurs, wie man in der Natur überlebt. Sie erfahren, welche Pflanzen heilende Wirkung haben und welche giftig sein können, wenn man auf sich allein gestellt ist.

Bad Feilnbach – Der Bach plätschert, die Blätter rascheln im Wind und die Vögel zwitschern um die Wette, wenn man in diesen Tagen den Steig am Jenbachtal mit Blick auf den Wendelsteingipfel hochwandert. Knappe 15 Minuten dauert es, bis man vom Wanderparkplatz aus eine abenteuerlich schmale Brücke über den Jenbach erreicht. Versperrt ist sie vom Pfad aus mit einem Seil, versehen mit einem hölzernen Schild: „Wildnisschule Chiemgau. Betreten auf eigene Verantwortung”, liest man darauf.

Mutige Wanderer, die diese Verantwortung tragen wollen, erreichen auf dem anderen Ufer eine kleine, märchenhaft friedliche Parallelwelt. Sie unterscheidet sich im Grunde nicht von der Natur um sie herum. Doch scheint die Atmosphäre, von der dieser Ort erfüllt ist, anders – ruhiger – als die, die noch auf dem Wanderweg herrschte.

Ostereiersuche
in der Wildnisedition

15 Mutige verbrachten hier eine ganze Woche draußen in der Natur, gemeinsam mit den drei Kursleitern Dirk Schröder, Mirijam Steidle und Viola Vogelmann. Für sie begann am Ostermontag die einjährige Wildnispädagogen-Ausbildung beim Verein Wildnisschule Chiemgau.

Es riecht nach Lagerfeuer auf der sonnenbeschienenen Wiese neben dem Jenbach. In der Mitte des „Spielplatzes“, wie Kursleiter Schröder sein Camp liebevoll nennt, ertönt ein fremdartiger Laut – für das ungeschulte Ohr eines Wildnis-Anfängers klingt es nach irgendeinem Vogel. Doch kommt der Laut aus Schröders Kehle, verstärkt um ein Rohr, zu dem er seine Hände vor dem Mund geformt hat. Es ist das Signal für die angehenden Wildnispädagogen, sich für die nächste Kurseinheit zu versammeln.

Fehler machen,
um Neues zu lernen

Die Lektion lautet: essbare Pflanzen in der Natur erkennen. Wenige Sekunden haben die Kursteilnehmer Zeit, sich die Konturen der Blätter und Blüten einzuprägen, die sie gleich sammeln sollen. Aus dem Gedächtnis sollen sie diese dann mit Bleistift zu Papier bringen. Anhand der Zeichnungen suchen sie dann den Spielplatz nach besagten Kräutern ab.

Es ist 12.30 Uhr, die Kursteilnehmer sind hungrig und zu essen gibt es, was sie nun auf der Wiese finden. Getrieben von Neugier und leerem Magen streifen die 15 angehenden Survival-Experten über die Wiese, vergleichen ihre Zeichnungen und finden mal die richtige, mal die falsche Pflanze.

„Fehlerfreude“ nennt Experte Schröder das Gefühl, bei dem er sich ertappt, wenn ein Kursteilnehmer ihm auch mal ein anderes, als das gesuchte Blatt zeigt. „Jeder Fehler hilft uns dabei, etwas Neues zu lernen”, weiß der Campchef. Manchmal wartet er schon auf die vermeintlichen Fehler und freut sich auf die kreativen Möglichkeiten, die sich aus ihnen eröffnen.

Das Gehirn prägt sich diese Situationen intensiver ein, als diejenigen, in denen alles nach Plan läuft. Dadurch wird effektives und nachhaltiges Lernen möglich, weiß Steidle. Das ist auch das Credo der Wildnispädagogik: Im Laufe eines Lebens folgen in stetem Wechsel Versuch und Irrtum aufeinander. Bei jedem praktischen Versuch arbeiten beide Gehirnhälften intensiv und aktiv zusammen.

Mit jedem Irrtum lernt man dazu und versucht daraufhin umso zielgerichteter, einen erneuten Fehlversuch zu vermeiden. „So lernen auch wir seit 20 Jahren mit jedem Kurs dazu“, freut sich Schröder über die kontinuierliche Bereicherung durch die Erfahrungen der Kursteilnehmer. Deshalb verstehen er und seine Kolleginnen sich auch nicht als Lehrer im dogmatischen Sinne, sondern eher als Wegbereiter oder Begleiter für individuelle Naturerfahrungen.

Spielerisches Lernen ist Schröders Konzept dabei: „Wir wollen die Menschen neugierig machen“, denn diese Neugier sei Voraussetzung für das natürliche Lernen.

Natürliches Lernen – bedeutet für Schröder, aktiv die Welt um sich herum zu erkunden und wertvolle Schlüsse für das eigene weitere Handeln daraus zu ziehen. Im Grunde handele es sich hierbei um dieselbe Art und Weise, auf die jedes Kleinkind die Welt beginnt zu erfahren und zu begreifen, findet Steidle: mit allen Sinnen, mit Händen und Füßen, über Geräusche, Geruch oder Geschmack.

Wichtig für das Überleben von Naturvölkern in der Wildnis ist die Kommunikation miteinander. Sie ist darum wesentlicher Bestandteil der Ausbildung zum Wildnispädagogen. Jedes Mitglied der Gemeinschaft prägt sich andere Dinge intensiv ein. Was dem einen wichtig und wesentlich erscheint, hat ein anderer möglicherweise nicht einmal bewusst wahrgenommen. Das macht die Realität um uns herum zum Flickenteppich der Perspektiven. Unser eigener Blickwinkel ist dabei nur ein kleiner, unvollständiger Teil des Ganzen.

Die Welt ist eine
Frage der Perspektive(n)

Die Ausführungen von Wildniscoach Schröder erinnern an das platonische Höhlengleichnis: Der Philosoph zeichnete damit das Bild einer Gruppe von Menschen, die in einer Höhle ausharren. Das Einzige, was sie dort sehen können, sind die Schatten der Gegenstände oder Lebewesen um sie herum, die vom Schein der Flammen eines Lagerfeuers an die Wand vor ihnen geworfen werden. Das ist ihre Perspektive. Es ist der einzige Blickwinkel, aus dem sie die Welt je wahrgenommen haben und kennen.

Solange sie ihren Platz in der Höhle nicht verlassen, werden sie nie eine andere Perspektive kennenlernen. Darum werden sie auch bis dahin nicht erfahren, dass Schatten und Gegenstand eine Einheit bilden. Bis dahin werden sie im Glauben gelassen, der Schatten sei der Gegenstand. Der eigentliche Gegenstand, von dem der Schatten geworfen wird, existiert für ihre Augen nicht.

Auf ähnliche Weise sollen sich die angehenden Wildnispädagogen in ihrem Wissen und Wahrnehmen der Natur um sie herum gegenseitig ergänzen. In Teams marschieren sie deshalb los, um die Kräuter zu finden, die sie gezeichnet haben. Als Gemeinschaft bereiten Sie deshalb das Mittagessen zu, machen Feuer oder bauen ihre Lagerplätze. Fokus auf Gemeinschaftssinn und gegenseitige Bereicherung sind das pädagogische Konzept der Wildnisschule.

„Die Wildnisschule Chiemgau ist für Bad Feilnbach ein großer Gewinn“, so die Stellungnahme seitens der Bad Feilnbacher Kur- und Gästeinformation. „Mit ihrem Wildniscamp am Jenbach bringt sie Menschen aus ganz Deutschland zu uns, die hier übernachten, unsere Natur erleben und unseren Ort kennenlernen. Die Angebote stärken den sanften Tourismus, den wir bewusst fördern.“ Außerdem schätzt die Gemeinde die Wertevermittlung, die in der Wildnisschule stattfindet: „Der respektvolle Umgang mit unserer einzigartigen Landschaft ist ein Wert, der uns in Bad Feilnbach besonders wichtig ist.“

Die Kursteilnehmer sollen lernen, sich auch im Alleingang bestmöglich in der Natur zurechtzufinden: essbare Pflanzen und Kräuter mit heilender Wirkung finden, war dafür die erste Lektion. Ihre giftigen Gegenstücke, teils trügerisch ähnlich aussehende Doppelgänger der essbaren Kräuter zu finden, wird die Aufgabe der nächsten Tage sein.

Die Natur als
Geschenk begreifen

Um das Überleben in Einklang mit der Natur zu üben, leben die Kursteilnehmer zu Beginn ihrer einjährigen Ausbildung gemeinsam mit den Kursleitern eine Woche draußen – egal bei welchem Wetter und welchen Temperaturen. Sie erfahren am eigenen Körper unmittelbar, was es bedeutet, der Natur ausgesetzt zu sein. Diese ursprüngliche Abhängigkeit von der natürlichen Wildnis zu erfahren, empfindet Kursleiter Schröder als „großes Geschenk“. Eben dieses weiterzugeben, ist das letztendliche Ziel der Ausbildung zum Wildnispädagogen.

Geschichte der Wildnispädagogik

Wie wird man Wildnispädagoge?

Artikel 1 von 11