Bad Aibling – Wie breche ich eine Tür auf? Wo lande ich mit einem Schlagstock den wirksamsten Treffer? Warum ziele ich mit einer Pistole oder einem Elektroschocker auf andere? Allesamt Fragen, mit denen sich nun 25 Schülerinnen aus dem Landkreis im Alter von 13 bis 18 Jahren in Bad Aibling beschäftigt haben. Anlässlich des bundesweiten Girls’ Day, an dem Mädchen berufliche Bereiche kennenlernen können, in denen sie bislang unterrepräsentiert sind, besuchten sie die Polizeidienststelle in der Kurstadt (parallel dazu findet in manchen Unternehmen auch ein Boys’ Day statt) und erfuhren dabei, dass Polizeiarbeit keineswegs nur Männersache ist.
Schlagstock, Taser
und ein „Generalschlüssel“
„Mich interessiert der Beruf einfach, ich will später unbedingt etwas mit Menschen machen und Menschen helfen“, sagt die 14-jährige Sophia, während sie im Hof der Dienststelle einen Eindruck von dem abwechslungsreichen Beruf gewinnt. Ihr Ziel, sollte sie später mal tatsächlich bei der Polizei arbeiten: „Die Welt ein bisschen friedlicher machen.“
Ähnlich wie der Schülerin geht es an diesem Tag vielen Mädchen, die den Aktionstag für einen Besuch in der Polizeidienststelle nutzen wollten. Angst davor, sich etwa durch körperliche Nachteile gegenüber männlichen Kollegen Gefahren auszusetzen, spielt im Gespräch mit den Teilnehmerinnen keine Rolle.
„Wir machen als Dienststelle zum zweiten Mal mit und die Nachfrage bei den Mädchen ist groß“, erklärt Polizeioberkommissar Manuel Schlosser von der PI Bad Aibling. Unter den 56 Kollegen befänden sich in Bad Aibling rund 40 Prozent Frauen. Dass man sich einem ausgeglichenen Frauen-Männer-Anteil mehr und mehr annähere, sei laut Schlosser ein „sehr positiver Aspekt“. Schließlich könnten sowohl weibliche als auch männliche Polizisten in verschiedenen Situationen unterschiedliche Stärken einbringen. Und: „Wir befinden uns in einem Zeitalter, in dem man bei der Polizei Beruf und Familie gut unter einen Hut bringen kann“, sagt Schlosser. So stellten Schwangerschaften, Elternzeiten oder grundsätzlich Teilzeitbeschäftigungen keine Karrierehindernisse mehr dar.
Auch spiele das Argument, Frauen könnten sich körperlich im Gegensatz zu Männern nicht zur Wehr setzen, keine Rolle. Schlosser spricht hier von einer spezialisierten Ausbildung, geschulter Selbstverteidigung und von zahlreichen Aspekten, die vermeintliche körperliche Unterlegenheit ausgleichen. „Frauen können genauso hinlangen“, versichert der Polizeioberkommissar, der den Girls’ Day in Absprache mit dem Polizeipräsidium Oberbayern Süd begleitet. Zudem sei die Polizeiarbeit oftmals ein „Moderationsjob“, bei dem Beamte idealerweise Eskalationen gar nicht erst aufkommen lassen.
Weitere Hilfsmittel, etwa die Bodycam, die von Polizisten sichtbar getragen wird und die bei Bedarf Einsätze aufzeichnet, Beweise sichert und vor Übergriffen schützt, wirken laut Schlosser im Arbeitsalltag deeskalierend. „Und ohnehin treten wir immer als Team auf.“ Ein Aspekt, der Schülerin Anna begeistert. „Ich wollte früher schon mal ein Praktikum bei der Polizei machen, aber meine Mama hatte da etwas Sorge“, sagt die 13-Jährige. Sie ist sich jedoch sicher, dass gezieltes Training die Beamten auf jede Situation gut vorbereiten könne.
An diesem sonnigen Nachmittag sind auf der Aiblinger Dienststelle auch Beamte des Zentralen Einsatzdienstes (ZED) zu Gast, die, dem Präsidium untergeordnet, 2024 von Rosenheim in das B&O-Gelände im Bad Aiblinger Technologiepark umgezogen waren. Sie unterstützen umliegende Dienststellen und sind beispielsweise mit „geschlossenen Einheiten“ bei Demonstrationen, Großereignissen oder Fußballspielen im Einsatz. Auch ihre Arbeit und das spezielle Equipment stellten sie beim Girls’ Day den interessierten Teilnehmerinnen vor.
Dazu zählten unter anderem die liebevoll als „Generalschlüssel“ bezeichnete Türramme, mit der Beamte Türen wirksam und schnell aufbrechen können. Oder aber auch der bekannte Schlagstock, den die ausgebildeten Einsatzkräfte im Bedarfsfall überall, nur nicht gegen den Kopf, einsetzen dürften. Auch folgten die Teenagerinnen gebannt der Vorstellung des Distanz-Elektroimpulsgerätes, umgangssprachlich Taser oder Elektroschocker-Pistole genannt, womit Angreifer durch Stromstöße kampfunfähig gemacht werden können. Zudem durften die Mädchen die Ausrüstung anfassen und sogar selbst in Einsatzhelm und Schutzweste schlüpfen.
Polizeiarbeit mit Pferden:
„Ich finde es einfach cool“
Große Begeisterung lösten bei den Schülerinnen auch zwei Polizeipferde aus. Die Tiere, die bei Großereignissen, Vermisstensuchen oder Natur- und Umweltschutzstreifen eingesetzt werden, sind durchaus eine besondere Seltenheit, da es in Oberbayern nicht viele Pferdestaffeln oder -gruppen gibt. „Ich finde es einfach cool, viel draußen zu sein und mit Pferden und Hunden zusammenarbeiten zu können“, sagt Teilnehmerin Clara (14).
Eine Sichtweise, die auch Polizeioberkommissar Manuel Schlosser von der PI Bad Aibling gut nachvollziehen kann. Dennoch betont er, müsse man vielen Interessierten, denen es etwa überwiegend die Arbeit mit Pferden angetan hat, hierbei auch die Illusion ein Stück weit nehmen. „Manche Kollegen spezialisieren sich irgendwann darauf.“ Das Kerngeschäft sei jedoch zunächst die Arbeit bei der Bereitschaftspolizei oder im Streifendienst. Alles in allem biete der Polizeidienst jedenfalls viele Möglichkeiten und einen attraktiven Arbeitgeber – für Frauen und Männer, betont Schlosser. Und davon sind nun sicher auch ein paar Mädchen mehr aus der Region überzeugt.