Mühldorf – Anfang 1945 kommen im Waldlager des KZ Mühldorf zwei Kinder zur Welt. Ein Junge und ein Mädchen. Der Junge wird ertränkt, das Mädchen nicht. Sie überlebt und kennt lange ihre eigene Geschichte nicht.
81 Jahre später: Lynne Farbman steht zusammen mit ihrer Familie im Haberkasten. Dutzende Gäste heißen sie in Mühldorf willkommen. Elf Kilometer entfernt liegt ein dunkler Ort, ein schwarzer Fleck in der Geschichte Mühldorfs – und ihrer eigenen: das ehemalige Konzentrationslager Mühldorfer Hart, ein Außenlager des KZ Dachau.
„Baby Hannah“ übergibt
ihre Familienchronik
Lynne Farbman ist das Mädchen, das als Letztes im KZ Mühldorf geboren wurde und als „Baby Hannah“ bekannt ist. Inzwischen lebt sie in den USA und ist amerikanische Staatsbürgerin.
Kürzlich übergab die Amerikanerin aus Ohio dem Geschichtszentrum Mühldorf unter der Leitung von Korbinian Engelmann ihre Familienchronik. Farbmans Ziel ist es, ihre Daten im Stadtarchiv sicher aufzubewahren und vor Verlust zu schützen.
Auch Claudia Hungerhuber begrüßte – einen Tag vor ihrem Amtsantritt als Bürgermeisterin – Farbman. Sie tauschte sich mit der Zeitzeugin aus und betrachtete den Schaukasten über die Geschichte der „Senors“, Farbmans Geburtsname.
In der Dauerausstellung „Alltag, Rüstung, Vernichtung. Der Landkreis im Nationalsozialismus“ des Mühldorfer Museums entdeckt man bei genauerem Betrachten ein Foto der kleinen Lynne, 1949 in Heidenheim. Vor über zehn Jahren schrieb Farbman, deren jüdischer Name Chana Leah Senor ist, einen Brief an das Stadtarchiv Mühldorf. Das veränderte alles. Es entpuppte sich eine neue Wahrheit, viel mehr eine neue Identität. Alles, was sie zu dem Zeitpunkt weiß, ist, dass ihr Vater Isaak Senor und ihre Mutter Rachel Kachmer sich im Außenlager Mühldorf kennengelernt hätten. Nach deren Befreiung gingen diese nach Ampfing, wo Farbman angeblich am 16. Januar 1946 zur Welt gekommen sei.
Eine neue Identität
tut sich auf
Stadtarchivar Edwin Hamberger berichtet den OVB-Heimatzeitungen und innsalzach 24, dass Farbman im Jahre 2007 auf der Suche nach ihrer Geburtsurkunde zu Besuch im Stadtarchiv Mühldorf war. Erfolglos. „Mein Name ist Lynne Farbman, geborene Senor“, sagte sie zu ihm. Hamberger stieß daraufhin auf die Memoiren des Sylvain Kaufmann, ebenfalls Überlebender im KZ Mühldorf, der von einem „Baby Hannah“ schrieb, geboren am 16. Januar 1945.
Nach längeren Recherchen bestätigte sich dann sein Verdacht, dass Lynne „Hannah“ Farbman „Baby Hannah“ sein muss.