Bruckmühl – Lachen und buntes Stimmengewirr erfüllen das Erdgeschoss der Bruckmühler Kulturmühle: Jeden letzten Montag im Monat veranstaltet die Asylhilfe Bruckmühl hier seit zwei Jahren das Café International. Bei Kaffee, Tee und selbst gebackenem Kuchen treffen sich hier Geflüchtete und alteingesessene Bruckmühler für einen gemütlichen gemeinsamen Nachmittag.
Mit dabei ist dieses Mal auch Bufdi Quirin Lehrer. Der Holzkirchener hat vor einigen Wochen seinen Freiwilligendienst bei der Bruckmühler Asylhilfe begonnen. Schon während der Schulzeit hat er seine soziale Ader entdeckt. Bei seinen beiden FOS-Praktika in einer heilpädagogischen Tagesstätte und einem Kindergarten „haben mich die Kinder überzeugt“, so Lehrer lachend.
„Die Arbeitssuche ist
wirklich eine Katastrophe“
Nach der zwölften Klasse war für ihn also klar: Er will soziale Arbeit studieren. Um die Zeit mit etwas praktischer Erfahrung zu überbrücken, suchte er nach einer Stelle für einen Bundesfreiwilligendienst. „Aber niemand wollte einen Bufdi“, erinnert er sich zurück. Umso größer war schließlich die Freude beiderseits, als sich der Holzkirchener bei der Asylhilfe in Bruckmühl meldete, die ohnehin händeringend nach einem Freiwilligen gesucht hatte.
„Quirin nimmt uns extrem viel Arbeit ab“, freut sich Freiwillige Brigitte Paul. Sie ist seit Jahren ehrenamtlich für die Asylhilfe tätig und weiß, wie viel Zeit und Energie die Unterstützung der Geflüchteten in Anspruch nimmt. Nicht zuletzt steckt in der Arbeit der Asylhilfe „viel Herzblut“, ergänzt Leiterin Christine Kaa.
Freiwillige und Geflüchtete verbindet seit Jahren eine enge Gemeinschaft. Man kennt die Geschichten des anderen, freut sich über ihre Erfolge, aber ist auch unglaublich erschüttert über schlechte Nachrichten, die die Bewohner der Unterkunft manches Mal ins Büro der Asylhilfe bringen. „Die Leute zählen auf mich”, weiß auch Bufdi Lehrer. Das Wissen, mit seiner Arbeit für die Menschen etwas bewegen zu können, denen er damit hilft, bereitet ihm große Freude.
Zu Lehrers Aufgaben zählt etwa die Jobsuche gemeinsam mit den Bewohnern der Container-Unterkunft. Er hilft den Geflüchteten, Lebensläufe zu schreiben, mit denen sie sich auf dem deutschen Arbeitsmarkt bewerben und recherchiert für sie geeignete Stellenangebote.
„Für Menschen aus dem arabischen Raum oder aus der Ukraine ist die Suche nach Arbeit in Deutschland extrem umständlich“, weiß Lehner: „Zuhause gehen sie einfach zum Chef, erzählen, was sie können und fragen ihn nach Arbeit. Entweder er stellt sie dann ein, oder eben nicht“, erklärt der Bufdi. Viele Geflüchtete sind darum zuerst einmal überfordert mit der Arbeitssuche in der neuen Heimat. Lebensläufe haben viele von Ihnen noch nie geschrieben. Auch das gesamte Bewerbungsverfahren, das in Deutschland üblich ist, ist ihnen völlig fremd.
„Gleichzeitig machen sich viele Geflüchtete großen Druck bei der Suche”, so Lehner weiter. Viele geflüchtete Männer sind mit der Erwartungshaltung groß geworden, eine Familie zu ernähren und als Alleinverdiener genügend Geld nach Hause zu bringen. Angekommen in Deutschland, finden sie jedoch keine passende Stelle. Das liegt vor allem daran, dass ihre Deutschkenntnisse nicht ausreichen, ihre Ausbildungen aus dem Heimatland nicht in Deutschland anerkannt werden oder am ohnehin sehr angespannten Arbeitsmarkt in Deutschland.
„Die Arbeitssuche ist im Moment wirklich eine Katastrophe“, findet Lehner. „Es tut mir unglaublich weh, den Geflüchteten oft nicht weiterhelfen zu können.” Die Frustration der Menschen, denen er eigentlich so gerne helfen möchte, lässt den Bufdi ganz und gar nicht kalt.
Dennoch bleibt die Stimmung, vor allem bei den jüngeren Geflüchteten, euphorisch: Zwei junge Männer unterstützt Lehrer gerade bei den Vorbereitungen auf die Abschlussprüfungen für den Mittelschulabschluss. Regelmäßig treffen sich die drei am Nachmittag zu gemeinsamen Nachhilfestunden. Außerdem lernen die Bewohner der Unterkunft gemeinsam mit ihrem neuen Bufdi Deutsch. „Viele der Jungs kommen einfach zum Quatschen vorbei“, freut sich Lehrer. Allein dadurch können beide Seiten viel voneinander lernen, weiß auch Asylhilfe-Leiterin Christine Kaa.
Einer von ihnen ist der 19-jährige Abdiaziz aus Somalia. Er lernt gerade für den Mittelschulabschluss. Mitte Mai beginnen seine Abschlussprüfungen. Seit eineinhalb Jahren ist der junge Mann inzwischen in Deutschland. Rund ein Jahr davon lebt er in Bruckmühl. Die ersten Monate in der Marktgemeinde verbrachte er in der Erstaufnahmeeinrichtung, damals noch in der Bruckmühler Schulturnhalle, bevor er in die Containerunterkunft umziehen konnte. Mit Lehrer verbindet ihn nach kurzer Zeit schon ein freundschaftliches Verhältnis. Häufig kommt er ihn im Büro der Asylhilfe besuchen, und auch im Café International steuert er zielstrebig auf den freien Platz neben dem Bufdi zu.
„Wenn ich Arbeit in Bruckmühl finde, bliebe ich hier”, so der junge Mann über seine Pläne für die Zeit nach den Abschlussprüfungen. Gerne würde er eine Ausbildung zum Elektriker machen, immerhin eine Praktikumsstelle hat er dafür schon bekommen.
Die Marktgemeinde sieht er inzwischen als sein Zuhause. „Ich habe hier so viele nette Menschen um mich, die mich bei allem unterstützen“, freut sich Abdiaziz. Die Hilfe der Freiwilligen ist für den 19-Jährigen eine große emotionale Stütze. Kaum volljährig, musste er vor eineinhalb Jahren alleine aus seiner Heimat flüchten und kam nach Deutschland.
Neuer Bufdi
ab September gesucht
Sein Vater wurde getötet, seine Mutter und Geschwister mussten in der Heimat bleiben. Bis vor sieben Monaten hatte er noch regelmäßig Kontakt zu seiner Familie. Doch dann mussten auch sie flüchten. Seitdem hat er keine Verbindung mehr zu Mutter und Geschwistern. Das Wissen um die Hilfe, die er von Menschen wie Lehrer bekommt, vertreibt zumindest zeitweise das lähmende Gefühl der Einsamkeit, mit dem er oft kämpft, wenn er an seine Heimat und seine Familie denkt.
„Viel mehr Menschen sollten zu uns kommen und einfach mit den Geflüchteten sprechen“, findet Lehrer. Angebote, wie das Café International, sieht er als ideale Gelegenheiten für mehr Austausch und gesellschaftliches Miteinander. Überdies sucht die Asylhilfe ab Mitte September nach einem Bufdi-Nachfolger für Lehrer, für den dann sein erstes Semester im Studium beginnt.