„Meine Frau hat sehr viel mitgemacht mit mir“

von Redaktion

Seit 40 Jahren ist Paul Stowe Berufsmusiker. 1986 gründete er mit seinem Freund Trevor Morriss die Folk-Band „Matching Ties“. Mit rund 4.000 Konzerten in vier Jahrzehnten feiert die Band nun ihr großes Jubiläum in Bruckmühl.

Tuntenhausen – Seit Mitte der 1980er-Jahre lebt der US-Amerikaner Paul Stowe in Bayern. Ungefähr genauso lange ist er hauptberuflich als Musiker tätig. Das sagen zu dürfen, ist für den heute 66-Jährigen „ein großes Geschenk“. Zusammen mit seiner Frau lebt er inzwischen seit 24 Jahren in Schönau bei Tuntenhausen. Niemals hätte er gedacht, dass er sein gesamtes Berufsleben lang Musiker sein darf und kann.

Musikerkarriere
statt BWL-Studium

Nach Deutschland verschlug es den Vollblutmusiker eher zufällig und über manchen Umweg. Nach dem Studium wollte er eigentlich nur zwei Monate durch Europa reisen. Als Straßenmusiker stand er während dieser Zeit auf dem Münchener Marienplatz mit seiner damaligen Bluesband – und wurde von einem Mann angesprochen, der ihm einen Job als Musiker in einem Skiort in Italien anbot. Schnell wurden aus zwei Monaten eineinhalb Jahre in Europa, bevor Stowe wieder in die Heimat zurückkehrte.

Musik liegt Stowe im Blut: Seine Mutter war Opernsängerin und später eine bekannte Musikjournalistin, sein Vater klassischer Geiger und seine Schwester tanzte Ballett aus tiefer Leidenschaft.

Doch ursprünglich wollte er selbst nach der Reise weiterstudieren: entweder Jura oder BWL. Aber eigentlich schlägt sein Herz bis heute für die Musik. Also entschied sich Stowe, wieder nach Italien zu gehen. In Europa sah er bessere Chancen, sich als Musiker etwas aufzubauen, als in den USA.

Schnell stellte sich heraus, dass das Musikgeschäft in Deutschland besser läuft als in Italien. Also machte er sich in den 80ern auf nach München. Hier lernte er schnell seinen bis heute besten Freund und Musikerkollegen Trevor Morriss kennen.

Dass die beiden musikalisch auf einer Wellenlänge sind, stellten sie schnell fest und gründeten 1986 ihre Band, die „Matching Ties”: „immer wieder hatten wir wechselnde Besetzungen, aber wir zwei sind bis heute immer mit dabei“, erinnert sich Stowe lächelnd an die vergangenen 40 Jahre zurück. Umso größer ist die Melancholie heute, denn Morriss hat bereits angekündigt, sich Ende des Jahres in den musikalischen Ruhestand zu verabschieden. Immerhin ist der Lebensstil als Musiker mit 76 Jahren für den gebürtigen Briten nicht mehr so einfach zu handeln, wie er es früher war.

Zwischen den Auftritten sind die Nächte kurz. Früher traten die Matching Ties bis zu fünfmal in der Woche auf: In Pubs, Bars oder Clubs spielten sie teilweise den gesamten Abend, sechs Stunden oder mehr, bis sich auch die letzten Besucher spät in der Nacht verabschiedeten. „Damals wurde auch noch in jeder Kneipe geraucht“, erinnert sich Stowe. „Obwohl niemand von uns selbst mitgeraucht hat, ging das jeden Abend sehr auf die Lunge.“

Musikalisch haben Stowe und Morriss in den vergangenen Jahrzehnten viel ausprobiert: von amerikanischem Blues, Swing und Bluegrass über Rock’n’Roll bis hin zu britischem, irischem oder schottischem Folk. Vor allem die Folkmusik hat es den beiden angetan: Mit den Matching Ties widmen sie sich dieser musikalischen Leidenschaft voll und ganz.

Kurze Nächte und
anstrengender Lebensstil

Seit 15 Jahren treten sie außerdem auf Konzerten mit einer hochkarätigen Folk-Tanzgruppe, den O’Brannlaig Rinceoir Irish Dancers, auf. „Wir haben uns von den traditionellen Riverdance-Shows inspirieren lassen“, erzählt Stowe: allerdings im Kleinformat mit vier bis fünf Tänzerinnen. „Folkmusik ist Tanzmusik, das wollen wir zum Teil unserer Show machen.“

Heute spielen die Matching Ties nur noch Konzerte, treten auf Kulturbühnen, in Konzerthallen oder auf Stadtfesten auf. „Wir sind sehr glücklich darüber, wie gut es inzwischen für uns läuft“, freut sich Stowe. Gut erinnert er sich an die ersten Jahrzehnte als Musiker, in denen er oft fürchtete, seinen Notgroschen anpacken zu müssen.

„Wir haben sehr sparsam gelebt und ich war immer viel unterwegs, meine Frau hat sehr viel mitgemacht mit mir“, erinnert er sich zurück. Viele Wochenenden musste er sie mit den beiden Kindern alleine lassen. Mit seinem Sohn will er bald als Musikerduo auf die Bühne, auf diesen neuen musikalischen Karriereabschnitt freut er sich nun sehr.

Als Stowe und Morriss mit den Matching Ties anfingen, spielten sie überall: in Clubs, Kneipen, Bars oder Pubs. In Deutschland, Österreich, Italien, teils sogar in Großbritannien oder in den USA. Rund 4.000 Konzerte, schätzt Stowe, hat er bis heute gespielt. „Vor allem in den vergangenen 15 Jahren lief das Geschäft wirklich gut“, freut er sich heute. Dass er immer noch von der Musik leben kann, sieht Stowe als großes Privileg. Viele Musiker verdienen sich bei Auftritten lediglich ein wenig dazu. Hauptsächlich arbeiten sie als Instrumentallehrer. Bei Stowe ist das umgekehrt.

Aber das Leben als Musiker ist anstrengend und „geht an die Substanz“, weiß der erfahrene Musiker. „Viele Freunde aus der Branche haben sich irgendwann selbst verloren“, erzählt Stowe. „Das Nachtleben kann einen verschlucken.“ Zwischen Zigarettenrauch und Alkohol hätten einige frühere Bekannte den Absprung nicht geschafft.

Viele Freunde haben
sich selbst verloren

Stowe selbst hat vor 15 Jahren aufgehört, Alkohol zu trinken. Auch dass Musik gerne „als Argument für Alkohol verwendet wird“, sieht er heute kritisch. „Oft sind wir in Bars gefragt worden: Wollt ihr denn nicht noch ’ne Stunde spielen? Das Geschäft läuft gerade so gut.“ Also ließen sich die Matching Ties manches Mal erweichen, noch ein, zwei Stunden länger zu spielen.

Doch waren die Musiker auch finanziell auf diese Jobs angewiesen und konnten nicht einfach ablehnen. Umso mehr Freude bereitet es den Matching Ties, auf der Bühne zu stehen, während sich ihr Publikum bewusst dazu entscheidet, sich ihre Musik anzuhören, mittanzt und aktiv dem Folk lauscht, den die Musiker so sehr lieben.

Ihr Jubiläumskonzert spielen die Matching Ties am morgigen Freitag in der Bruckmühler Kulturmühle.

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