Zwischen Wehmut und Kasperletheater

von Redaktion

In Bad Aibling tritt am 7. Mai der neu gewählte Stadtrat erstmals zusammen. Zuvor beendete die letzte Sitzung die Amtszeit für mehrere Ratsmitglieder endgültig. Manche Abschiede fielen deutlich emotionaler aus als andere.

Richard Lindl übt zum Abgang Kritik. Foto Sinnesbichler

Bad Aibling – Am heutigen Donnerstag kommt zum ersten Mal der neu gewählte Stadtrat mit Neu-Bürgermeisterin Kirsten Hieble-Fritz zusammen. Eine Woche zuvor hielt das Gremium der vergangenen Wahlperiode seine letzte Sitzung im Rathaus – und für einige Mitglieder war es ein endgültiger Abschied von der ehrenamtlichen Aufgabe. So sprach nicht nur der scheidende Bürgermeister Stephan Schlier (CSU) seine letzten Worte als Rathauschef. Auch für sechs Stadträte war es der Abschluss einer teils langjährigen Politik-Karriere.

„Nicht unzufrieden
und nicht im Zorn“

Unter ihnen ein echtes Urgestein, der CSU-Stadtrat Erwin Kühnel, für den es nach insgesamt 30 Jahren im Gremium freilich ein besonderer Abschied war. „Ich habe ja schon länger beschlossen, aus Altersgründen nicht mehr zu kandidieren“, sagt der 78-Jährige, der seinen Abschied aus dem Amt unbedingt selbst bestimmen wollte. Er zieht insgesamt ein positives Fazit seiner Amtsjahre, in denen er unter anderem auch als Zweiter Bürgermeister, Fraktionssprecher, Sportreferent und Mitglied aller Ausschüsse nahezu alles erlebt hat. „Bis auf den des Ersten Bürgermeisters habe ich alle Posten mal besetzt“, schmunzelt Kühnel. Ihm habe der offene Austausch mit den Gremiumskollegen, insbesondere auch derer aus anderen Fraktionen, immer besonders am Herzen gelegen.

Der geborene Niederbayer wurde 1989 CSU-Ortsvorsitzender, 1996 zog er erstmals in den Stadtrat ein. Gemeinsam mit anderen Urgesteinen, „mit echten politischen Institutionen“, habe er in seiner Zeit viele Dinge auf die Reise gebracht, sagt der leidenschaftliche Hobbyfotograf. So war Kühnel etwa am ins Leben gerufenen Stadtmarketing entscheidend beteiligt. Auch der erste Internetauftritt der Stadtverwaltung oder die Entscheidung für wichtige Straßennamen seien mitunter „auf meinen Mist gewachsen“.

Und auch wenn es in den vergangenen Jahren Aspekte gab, an denen sich Kühnel stieß, scheide er nun „nicht unzufrieden und nicht im Zorn“. Er freue sich nun auf die gewonnene Zeit mit der Familie, wenngleich er weiterhin ein gefragter Mann in der Öffentlichkeit ist: „Ich habe ja jetzt unter anderem neu den Posten als Vorstand des Veteranenvereins und werde auch an anderer Stelle gefragt, was ich jetzt mit meiner Zeit anfangen will.“

Noch länger als Kühnel war SPD-Stadtrat Josef Glaser im Amt. „Die letzte Sitzung hat mich nach insgesamt 35 Jahren natürlich schon ein wenig nachdenklich gemacht“, sagt er gegenüber dem OVB. Eine solch lange Zeit sei „kein Pappenstiel“ und sie war stets mit richtig viel Arbeit verbunden. Glaser, den Fraktionskollegin und Aiblings SPD-Vorsitzende Petra Keitz-Dimpflmeier zuletzt als „Stimmenfänger“ bezeichnet hatte, habe sich zwar „manchmal auch über gewisse Dinge geärgert“. Insgesamt habe man als Stadtrat aber viel erreicht in den vergangenen Jahrzehnten. 1990 zog er für die SPD erstmals in das Gremium ein. Glaser saß in etlichen Ausschüssen und war zwölf Jahre lang Referent für Hilfsdienste.

Glaser war
35 Jahre lang dabei

Wie Kühnel zählte auch Glaser zu den Entscheidungsträgern, als die Bad Aiblinger Therme geplant und gebaut wurde. Auf Meilensteine wie diese kann der SPD-Rat nun zufrieden zurückblicken. „Da mein Gesundheitszustand nicht der beste ist, war es für mich eine leichte Entscheidung, nicht mehr anzutreten“, verrät er. Dennoch wolle er das politische Geschehen in der Kurstadt künftig interessiert mitverfolgen. „Ich werde am Donnerstag auch zur ersten Sitzung kommen und auch bestimmt immer wieder Stadtrats- oder Ausschusssitzungen besuchen.“

„Es war schon eine lange Zeit“, blickt auch Anita Fuchs auf drei Wahlperioden als Grünen-Stadträtin zurück. „Nächstes Jahr werde ich 70, da fühlt sich das jetzige Ausscheiden sehr richtig an“, sagt sie und freut sich nun auf mehr Zeit für die Familie, für das Leben in „einer Art Mehrgenerationenhaus“ und vor allem auf mehr Freizeit mit dem Enkelkind. Ohnehin wird die „Naturschützerin“, Sprecherin der Steuerungsgruppe Fairtrade-Stadt und Beauftragte des Bund Naturschutzes Bad Aibling, auch künftig genug zu tun haben, wie sie versichert. Dennoch sei die letzte Stadtratssitzung auch „ein Stück weit emotional“ für sie gewesen. Als „Zugereiste“ – Fuchs kam als gebürtige Hessin 1991 nach Bad Aibling – habe sie mittlerweile eine tiefe Verbindung zur Kurstadt, was insbesondere auch mit ihrem Engagement für die hiesige Natur zu tun habe.

Mit ihren Stadtratskollegen habe sie so manche Spur hinterlassen, sagt Fuchs und nennt beispielsweise etwa die Tatsache, dass das Weitmoos nicht zum Industriegebiet umgewandelt wurde. Auch der Verzicht auf die Nordspange mache sie in der Nachbetrachtung froh. „Es war eine ganz tolle Zeit und gerade mit meiner Fraktion bin ich sehr gut zurechtgekommen“, betont Fuchs, die mit „großer Neugier“ den neuen Stadtrat und die Arbeit der neuen Bürgermeisterin verfolgen will.

Überaus sachlich äußert sich der scheidende CSU-Stadtrat Thomas Höllmüller, für den die letzte Sitzung keine sentimentale Komponente bot. „Ich bin da überhaupt nicht emotional, ich habe mich ja selber so entschieden“, sagt er. Insgesamt gehörte er 24 Jahre dem Stadtratsgremium an. „Viermal langt doch, jetzt sollen mal die Jüngeren ran“, schmunzelt Höllmüller. In seiner Stadtratszeit war er 18 Jahre lang Vorstand des Rechnungsprüfungsausschusses, was viel Arbeit, aber auch viel Spaß bereitet habe, betont er. Und so ziehe er nun ein „überwiegend positives“ Fazit.

Anita Fuchs
„ein Stück weit emotional“

Nun wolle er die freie Zeit, die durch den Wegfall des aufwendigen Ehrenamtes hinzukommt, nutzen. „Ich habe eine elektrische Eisenbahn und wir haben einen relativ großen Garten“, sagt Höllmüller, dem die Beschäftigungen nicht ausgehen werden. Dennoch schließt er nicht aus, die ein oder andere Sitzung künftig auch noch im Rathaus zu verfolgen.

Das Ende ihrer Stadtratszeit erlebte nun auch Gerlinde Deininger (die Basis), die 2024 für Grünen-Stadtrat Sebastian Uhl nachrückte, der sich aus gesundheitlichen Gründen zurückzog und später verstarb. „Für mich war es jetzt schon emotional, auch wenn ich nur zwei Jahre dabei war“, sagt Deininger gegenüber dem OVB. Sie hätte durchaus gerne noch weitergemacht, da es sich um eine „sehr interessante Tätigkeit“ gehandelt habe. So sei sie durchaus überrascht darüber gewesen, auch als Einzelperson ohne Fraktion etwas bewirken zu können. „Mit meinen Beiträgen konnte ich dann doch immer wieder etwas Einfluss nehmen“, blickt sie zurück. Nun werde sie das Geschehen im Rathaus weiterhin interessiert mitverfolgen.

Richard Lindl übt harsche
Kritik am Gremium

Gänzlich ohne traurige Gefühle erlebte Grünen-Stadtrat Richard Lindl seine letzte Sitzung. „Natürlich war es für mich persönlich besonders, weil es die letzte Sitzung war, aber an sich war sie wie jede andere auch.“ Nach sechs Jahren habe er entschieden, nicht weitermachen zu wollen. „Und ich habe auch den Kollegen der CSU gesagt, dass ich nochmal sechs Jahre mit ihnen nicht aushalte“, wird Lindl deutlich. Er blickt kritisch auf die Arbeit im Gremium und spricht insgesamt von einem „Kasperletheater“. Lindl: „Es geht da zu wie im Kindergarten. Alle sind sofort eingeschnappt, ein guter Umgang im ganzen Gremium hat nie funktioniert“, sagt er.

Mit der Arbeit in seiner Fraktion sei er hingegen sehr zufrieden gewesen. „Und mit manchen Kollegen außerhalb auch.“ Für den neu gewählten Stadtrat werde es mit sieben verschiedenen politischen Gruppierungen nun nicht einfacher. „Ich werde das natürlich weiterhin verfolgen und auch am Donnerstag die erste Sitzung besuchen.“

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