Ausbruch aus dem kleinsten Gefängnis

von Redaktion

Mia Stiegler aus Tuntenhausen hat sich mit 46 Jahren als Transfrau geoutet. Der Weg bis dahin war nicht einfach. Lange überdeckte sie den inneren Druck mit viel Arbeit und Action, bis es nicht mehr weiterging. Nun erzählt sie ihre Geschichte.

Tuntenhausen – Lemmy, der braune Labrador, wuselt durch den Eingangsbereich. In der großen Garage stehen mehrere Motorräder. Durch die offene Garagentür scheint die Sonne. Bienen summen umher. Im Garten steht ein weiteres rotes Motorrad. Daneben, unter einem Sonnenschirm, sitzt Mia Stiegler auf einer gemütlichen Bank an ihrem Holz-Gartentisch. Die Frau aus Tuntenhausen will ihre Geschichte erzählen. Sie will damit anderen Mut machen, sagt sie. Denn Mia hat sich vor zwei Jahren als Transfrau geoutet.

Mia kam 1976 in Zwiesel als Bub zur Welt. Schon früh habe sie gespürt, dass sie „irgendwie anders“ ist. „Mit acht oder neun Jahren habe ich gemerkt, dass irgendetwas komisch ist“, sagt sie. „Aber in den 70er- Jahren konntest du nicht im Internet nachschauen, also an wen wendest du dich? Mit wem redest du?“ Weder beim Fußballspielen mit den Jungs noch bei Unternehmungen mit den Mädels fühlte es sich für Mia richtig an. „Ich habe nicht gewusst, was mit mir los ist“, sagt sie. „Nur dass etwas anders ist.“

„Habe mein Leben
so vollgepackt“

Von der Mutter sei sie zum Lernen für die Schule getrieben worden. Vom Vater zum Sport. Mia habe währenddessen keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken, was genau „anders“ mit ihr war. Mit 17 Jahren fing sie in München an zu studieren. Mit 22 war sie Ingenieurin. Während des Studiums gab es einen speziellen Moment, erinnert sich Mia. „Ich habe mir ein Kleid gekauft, aber ich habe mir da noch selbst im Weg gestanden. Ich habe gedacht, dass das komisch an mir ausschaut“, sagt sie. Also schmiss sie das Kleid weg.

In ihr habe es eine „innere Zerrissenheit“ gegeben. Doch dann entdeckte sie im Internet den Begriff „Transidentität“. Mia habe sich immer mehr damit auseinandergesetzt. Immer wieder kam die Frage auf: „Gibt es das wirklich?“ Doch auch hier habe sie sich selbst im Weg gestanden. Sie habe sich „gefügt“. Ihr Leben weitergelebt. „Die Gedanken sind einfach übertüncht worden durch viel Arbeit, 100-Stunden-Wochen, Haus, Ehe und meine beiden Kinder“, erklärt Mia. „Ich habe mein Leben so vollgepackt, dass ich einfach an nichts anderes mehr denken konnte.“

Nur in der Früh, nach dem Aufstehen, und am Abend, wenn Mia ins Bett ging, hatte sie keine Ablenkung mehr. Dann kamen die Gedanken. „Das waren die zwei Phasen des Tages, wo du sagst, schauen wir mal, ob es am Morgen anders ist“, erklärt Mia. Doch nach dem Aufwachen die Erkenntnis: „Mist, wieder in dem Körper aufgewacht.“ Um sich abzulenken, suchte sie nach immer mehr Action, musste den ganzen Tag aktiv sein und kam nie zur Ruhe. „Im Grunde genommen kann man sagen, man ist im kleinsten Gefängnis der Welt gefangen“, sagt die Frau aus Tuntenhausen.

Innerer Druck
wurde immer mehr

Aus diesem Gefängnis kam Mia erst raus, als der innere Druck zu groß wurde. Vor ihrem engsten Freundeskreis outete sie sich. Doch ihr „wahres Ich“ zeigte sie dennoch nur am Wochenende, nach dem Feierabend oder im Urlaub. „Es war immer wieder schlimm, wenn ich dann nach dem Wochenende, am Montagfrüh, wieder in die alte Rolle schlüpfen musste“, sagt Mia. „Aber ich wusste noch nicht, wo das alles hingehen soll, wie das auch beruflich funktionieren soll.“ Schließlich ist Mia selbstständig, führt ein Vermessungsbüro und hatte Angst um ihre Existenz. Doch der innere Druck sei immer größer geworden. „Irgendwann gab es dann den Punkt, dass ich mit dem Motorrad gegen den Baum fahren wollte“, sagt sie. „Doch das wollte ich meinen Kindern nicht antun.“

Im November 2022, als Mia 46 Jahre alt war, outete sie sich endlich. „Das war magisch: Jetzt kann ich sagen, dass ich bin und in keine Rolle mehr schlüpfen muss“, sagt sie. Sie habe ausschließlich positive Rückmeldungen bekommen. An einen Moment kann sie sich noch gut erinnern: „Das war kurz nach dem Outing. Da kam jemand von der Baustelle auf mich zu und sagte: „Mensch Junge, äh Mädel, komm her, lass dich drücken.“

Als Mia sich outete, war ihre Tochter Valerie 15 Jahre alt. Ihr Sohn Hans 13. Für beide kam das Outing nicht überraschend. Von klein auf hätten sie Mia daheim mit gemachten Nägeln und im Kleid und Rock gekannt. „Als ich ihnen alles erklärt habe, haben sie nur gesagt: Ja und? Für uns ändert sich nichts.“ Dennoch habe ihr Sohn Hans etwas auf dem Herzen gehabt.

Outing im
November 2022

„Er fragte mich, ob er jetzt keinen Papa mehr hat, und da habe ich schon schlucken müssen“, sagt Mia. „Ich hab ihm dann gesagt, dass ich sein Papa war, der bin ich noch, und der werde ich immer sein. Daraufhin sagte Hans nur: ‚Ja gut, dann nenne ich dich jetzt Frau Papa.‘“

Nach dem Outing hat sich vieles im Leben von Mia verändert. So sei sie empathischer geworden und verlor 40 Kilogramm, weil das Frustessen aufhörte. Nachdem ihre Ehe zerbrach, lernte sie ihre Partnerin Martina Wagner kennen, die sie immer unterstützt. Doch mit dem Outing begann auch ein langer Prozess der Geschlechtsangleichung. Dieser startet mit psychologischen Terminen bei Spezialisten, die zu einem Gutachten führen. Darauf folgt eine mindestens zweijährige Hormontherapie beim Endokrinologen. Erst danach kann die Kostenübernahme beim medizinischen Dienst beantragt werden, worauf eine Wartezeit von etwa einem halben Jahr folgt. Nach der Operation sind Behördengänge notwendig, um den Personenstand in der Geburtsurkunde zu ändern und Versicherungen umzuschreiben.

„Wollen einfach
nur frei sein“

Mit ihrer Geschichte möchte Mia aufklären und anderen Menschen Mut machen. Vor allem jungen Menschen und deren Eltern. Denn seit ihrem Outing hat Mia selbst keinen Kontakt zu ihren Eltern. „Ich möchte anderen Eltern versuchen zu erklären: Hey, verdammt noch mal, das ist dein Kind, du musst es nicht verstehen, du musst ihm aber zuhören und mit ihm reden. Und du musst verdammt nochmal zu deinem Kind stehen“, so Mia. Das Wichtigste in einer Familie sei der Zusammenhalt. Generell seien ein Outing und der Prozess der Geschlechtsangleichung nicht einfach, weshalb Unterstützung wichtig sei.

Noch mehr wünscht sich Mia aber, dass jeder in dieser Situation selbstbewusst ist und sich zeigt, wie er ist. „Ich möchte andere dazu ermutigen, dass sie ihren Weg gehen und sich von keinem engstirnig denkenden Menschen unterbuttern lassen“, sagt Mia. Ihr ist es egal, was andere von ihr denken. „Wenn jemand ein Problem mit mir hat, dann ist das nicht mein Problem, sondern deren Problem“, sagt sie. „Wir tun niemandem etwas, wir nehmen niemandem etwas weg. Wir wollen einfach nur frei und wir selbst sein.“

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