Rehkitze vor dem Mähdrescher retten

von Redaktion

Freiwillige der Rehkitzrettung Mangfalltal sind frühmorgens im Einsatz, um junge Wildtiere vor dem Mähtod zu bewahren. Mithilfe von Drohnen mit Wärmebildkameras spüren sie die im hohen Gras versteckten Kitze auf und bringen sie rechtzeitig vor der Mahd in Sicherheit.

Bruckmühl/Vagen – Der Morgennebel hängt noch in den Tälern und die Sonne kämpft sich allmählich durch den Dunst, wenn zwischen fünf und sechs Uhr morgens der Arbeitstag von Miriam Hinreiner beginnt. Die Vagenerin muss zwar erst gegen neun in der Arbeit sein, aber vorher hat sie noch eine andere wichtige Mission: Rehkitze vor dem grausamen Mäh-Tod retten. Seit 2021 ist sie als Rehkitzretterin im Verein Rehkitzrettung Mangfalltal aktiv.

Allmählich trudelt das Team für den Einsatzmorgen ein: Treffpunkt ist eine kleine Parkbucht bei den Höglinger Weihern. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Kathi Schulz aus Götting und der Bad Feilnbacherin Barbara Huber wartet Hinreiner hier auf die Rückmeldung ihres Drohnen-Piloten. Mit einer in der Drohne verbauten Wärmebildkamera sucht dieser gerade noch die für den Tag angemeldeten Wiesen nach Wärmepunkten ab.

„Ich rette gerade
einem Tier das Leben“

Schulz und Huber sind in dieser Rettungs-Saison neu zum Verein dazugestoßen, in den vergangenen Wochen waren beide schon bei einigen Einsätzen mit dabei. Das erste Mal selbst ein Kitz von der Wiese zu retten, war für die beiden Tierfreundinnen ein besonderes Erlebnis. „Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wenn man die kleinen Kitze hochhebt und sich bewusst macht: Ich rette hier gerade einem Tier das Leben“, findet Huber.

Landwirte, die ihre Wiesen mähen wollen, melden sich kurz zuvor bei der Rehkitzrettung, damit die Retter die Wiesen nach den kleinen Wildtieren absuchen können. „Immer mehr Landwirte werden auf unser Angebot aufmerksam und melden sich bei uns, bevor sie ihre Wiesen mähen“, freut sich Hinreiner: die Nachfrage zeigt schließlich ein steigendes Bewusstsein für den Schutz von Wildtieren im Mangfalltal.

Denn ohne Rettungsaktionen wie die von Hinreiner und ihren beiden Helferinnen, verschwinden die schutzlosen Kitze im hohen Gras und werden im Schlaf von den großen landwirtschaftlichen Mähdreschern überrollt. Von dort oben hat der Fahrer keine Chance, die kleinen Tiere zu entdecken. Andererseits haben auch Fressfeinde wie Dachs oder Fuchs große Mühe, die kleinen Kitze hier zu finden. Darum verstecken die Rehe ihre Jungen auch gerne auf diesen weiten Wiesen.

Gemäß der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft sterben jährlich rund 100.000 Rehkitze einem grausamen Mähtod. Hinzu kommen zahlreiche weitere Wildtiere, die sich auf den landwirtschaftlichen Wiesen aufhalten und von den Maschinen erfasst werden.

Viele der Rehkitzretter haben Berührungspunkte mit Waldwirtschaft oder Jagd. So auch Schulz und Hinreiner. „Dass unsere Jäger aber nicht nur da sind, um das Wild zu schießen, sondern auch für dessen Hege, das ist vielen Leuten nicht bewusst“, sind sich die beiden Tierfreundinnen einig. Dabei sind Jäger in Deutschland gemäß Bundesjagdgesetz (§1) zur Wildhege verpflichtet. Unter dem Begriff „Hege“ werden laut dem Bayerischen Jagdverband „Maßnahmen zusammengefasst, die die Lebensgrundlage von Wild betreffen“. Dazu gehört auch der besondere Schutz von Jungtieren, wie Rehkitzen, vor menschengemachten Gefahren, wie der landwirtschaftlichen Mahd.

Die Rehkitzrettung Mangfalltal unterstützt die Jäger der Region mit ihrer freiwilligen Arbeit. Allerdings gibt es in vielen angrenzenden Regionen Jäger, die selbst mit der Drohne über die Wiesen der Landwirte fliegen, um nach versteckten Wildtieren zu suchen.

Auf einer eigens für die Rehkitzrettung konzipierten App können die Freiwilligen den Drohnenflug auf der Karte mitverfolgen. Entdecken die Piloten auf der Wärmebildkamera der Drohne einen „warmen Punkt”, geben sie seine GPS-Daten in der App ein, damit der Rettertrupp das Kitz suchen kann. 52 Felder auf einer Fläche von 126,7 Hektar suchen die Ehrenamtlichen an diesem Morgen ab.

Schnell macht sich eine freudige Aufregung breit, als der Drohnenpilot gleich drei kleine Rehkitze auf einer Wiese entdeckt haben will. Prompt machen sich die drei Retterinnen auf den Weg.

Handschuhe gehören
zur Grundausrüstung

Angekommen an der Einsatzwiese werden erst mal Gummistiefel und Regenhose angezogen: Immerhin ist das Gras vom Morgentau noch völlig durchnässt. Mit zur Rehkitz-Retter-Ausrüstung gehören außerdem Handschuhe, damit die Jungen nicht den Geruch ihrer Retter annehmen.

In dem Fall wäre ihnen mit der Rettung nicht viel geholfen. Denn schnell nimmt das kleine Tier den Geruch eines Fremden an, weil es keinen intensiven Eigengeruch besitzt.

Das ist überlebenswichtig für die Kleinen, weiß Hinreiner: Geruchlos und unauffällig im hohen Gras sind die Rehkitze vor Fressfeinden wie Fuchs oder Dachs bestens geschützt. Sie erschnüffeln sie nicht und sehen sie auch nur, wenn sie zufällig über die eingerollten kleinen Tierchen stolpern. Nimmt das Kitz den Geruch des Menschen an, wird es von der Mutter nicht mehr als ihres erkannt und nicht mehr versorgt.

Vier bis sechs Stunden liegen die Kitze alleine im Gras, solange sie noch ganz klein sind. Die Mutter schaut nur ab und an kurz vorbei, um nicht zu viel Aufmerksamkeit auf ihre Jungen zu lenken. Meistens, wenn die Retter die Kitze finden, schlafen sie eingerollt im Gras. „Das ist wie eine Schnitzeljagd für Erwachsene“, witzelt Hinreiner, bei der GPS-Suche nach dem versteckten Rehkitz im Grünen.

„Hier liegt es!” flüstert Retterin Schulz auf einmal ganz aufgeregt. Aber nicht zu laut, um das Kitz nicht zu erschrecken. Mit behandschuhten Händen und ganz vorsichtig hebt sie das kleine, weiß-gepunktete Fell-Knäuel hoch. Verschlafen und ein wenig verwirrt blickt es sich um. „Was passiert hier gerade mit mir?“ Scheint es verängstigt fragen zu wollen.

Routiniert stapfen die drei Retterinnen schnellen Schrittes zum Rand der Wiese, wo sie das Kitz in Sicherheit bringen wollen. Dort angekommen, setzt Schulz das Kitz ab. Mit schnellen Handgriffen stülpen Hinreiner und Bauer einen Wäschekorb darüber und befestigen ihn mit Zeltheringen, damit das Kleine bloß nicht wieder zurück auf die Wiese läuft, bevor der Mähdrescher seine Arbeit getan hat.

18 Kitze und
drei Feldhasen gerettet

In der Retter-App markieren sie nun den Punkt, an dem sie das Kitz in Sicherheit gebracht haben. Ist der Landwirt fertig mit der Arbeit, werden die geretteten Tiere freigelassen. Mit insgesamt vier Teams haben die Rehkitzretter an diesem Tag 18 Kitze und drei Feldhasen vor dem drohenden Tod durch Mähdrescher gerettet.

Für ihre Suchaktionen ist die Rehkitzrettung Mangfalltal immer auf der Suche „nach motivierten und tierlieben Freiwilligen, die uns bei unserer Arbeit unterstützen“, merkt Miriam Hinreiner an: Wer sich engagieren möchte, kann sich dafür jederzeit beim Verein melden.

Ebenso können Landwirte aus der Region, die ihre Wiesen von den Rettern absuchen lassen wollen, ihre Flächen auf der Website des Vereins registrieren.

Artikel 8 von 11