Bruckmühl – „Ein Haus ohne Bücher ist arm, auch wenn schöne Teppiche seine Böden und kostbare Tapeten und Bilder die Wände bedecken“, soll Hermann Hesse einmal gesagt haben. Demnach dürfte das Elternhaus von Bibliothekarin Petra Divko ein sehr reiches gewesen sein: Aus frühester Kindheit erinnert sie sich heute noch gerne an den massiven, stets gut bestückten Bücherschrank ihrer Mutter.
„Als Kind habe ich viel vorgelesen bekommen“, erzählt die Leiterin der Bruckmühler Gemeindebücherei. Ihren Eltern sei stets wichtig gewesen, dass das Lesen auch einen wichtigen Platz im Leben ihrer Kinder einnimmt – und das hat es in Divkos Fall bis heute: sowohl privat als auch beruflich.
Ein weinendes und
ein lachendes Auge
Seit 18 Jahren arbeitet sie in der Bruckmühler Gemeindebücherei, seit 2012 in leitender Funktion. Auch den Umzug der Bibliothek von der Kirchdorfer Straße in die Kulturmühle hat Divko 2023 mitgemacht. Groß war damals die Freude im Team über den neuen Standort und den neu gewonnenen Platz. Anfang Juli beginnt nun jedoch ein ganz neuer Lebensabschnitt für die Diplom-Bibliothekarin: „Mit einem weinenden und mit einem lachenden Auge“ blickt sie auf ihren bevorstehenden Ruhestand.
Angefangen hat ihre eigene Leseratten-Karriere mit den Kinder- und Jugendromanen von Enid Blyton. Auch wenn die Veröffentlichung ihrer bekanntesten Werke, darunter die Fünf Freunde (Original: The Famous Five) oder Hanni und Nanni (Original: The Twins at St. Clare’s), inzwischen mehr als 80 Jahre zurückliegt, kommen bis heute wohl nur wenige junge Lesebegeisterte an Blytons mehr als 700 Buchveröffentlichungen vorbei.
„Später habe ich die Werke von Hermann Hesse förmlich verschlungen“, erinnert sich Divko zurück. Als Jugendliche war sie Stammgast in der heimatlichen Dorfbibliothek. Dabei wurden die dortigen Bücherregale schnell zu klein für Divkos Lesedurst: Unter Freunden wurden deshalb gekaufte Bücher, die es nicht in die Dorfbücherei geschafft haben, hin und her getauscht, damit bloß nicht der Lesestoff ausgeht.
Was früher Blyton und Hesse geschafft haben, das machen bei Divko inzwischen vor allem Thriller: „Da darf es schon auch mal so richtig zur Sache gehen“, findet die Bücher-Expertin. Inzwischen ist sie dabei aber auch auf Hörbücher umgestiegen. Nach einem anstrengenden Arbeitstag, zwischen Sport und der Pflege ihrer Mutter, wurde die Zeit fürs Lesen mit den Jahren immer weniger.
Immer eine gute
Geschichte im Ohr
„Ich habe immer ein Hörbuch offen“, erklärt Divko: ob beim Kochen, bei der Hausarbeit oder beim regelmäßigen Joggen – mit einer spannenden Geschichte im Ohr macht all das noch mehr Spaß. Außerdem will sie ihre Bibliotheksbesucher auch gut beraten können, was ihre Bücherauswahl betrifft. Bei der Fülle an Büchern, die Divko in der Bibliothek umgeben, scheint das dennoch ein Ding der Unmöglichkeit, das musste sich schließlich auch Leseratte Divko eingestehen.
Während heute sämtliche Systematisierung und Ordnung von Bücherbeständen digital abgewickelt wird, erinnert sich Divko noch an eine Zeit, in der die Bibliotheksbestände auf Bücherkarten im Karteikarten-System dokumentiert wurden: Zahllose Karten-Schubladen reihten sich in den Bibliotheken an und türmten sich aufeinander, denn jedes Buch in der Bücherei bekam hier seine eigene Karte – mit allen wichtigen Daten darauf.
„Die Technik verändert
die Geschichte nicht“
Heute gibt es digitale Systeme dafür – Divko erlebte während ihrer Karriere viele technische Entwicklungsschritte mit. So gehört das nostalgische Bild des Bibliothekars, der mit dicker Hornbrille in analogen Karteikästen nach der gefragten Bücherkarte sucht und mit dieser durch die Regale streift, der Vergangenheit an.
Doch digitalen Bücherei-Katalogsystemen oder Bücher-Onleihe kann die erfahrene Bibliothekarin durchaus Positives abgewinnen: Viele Bibliotheksbesucher nutzen etwa die Onleihe zusätzlich zu ihren regelmäßigen Büchereibesuchen. Und auch Divko selbst ist begeistert von ihrem E-Book-Reader. „Die Technik verändert schließlich die Geschichte nicht“, macht sie aber leichter zugänglich, findet die Bücherei-Chefin.
„In Bruckmühl haben wir alles Mögliche im Sortiment: Reiseführer, Wanderlektüren, Geschichte oder Sozialwissenschaften. Aus dem Gymnasium kommen außerdem immer wieder Anfragen für Fachbücher über Fern- oder Onleihe, und auch der Young-Adult-Bereich ist bei uns breit aufgestellt.“
Mindestens genauso wichtig wie das Lese-Sortiment ist für Divko die Atmosphäre in der Bücherei: „Die Bibliothek ist ein Wohlfühlort: ein Platz, an dem man sich gerne aufhält, liest oder sich weiterbildet.“ Das ist es auch, was Divko in den vergangenen Jahrzehnten an ihrem Beruf sehr schätzte. „Meine Arbeit ist eine sehr positive.“
Oft kommen Leute zu ihr, um dem Alltag mit einer schönen Geschichte zumindest für eine kleine Weile zu entfliehen – und lassen sich von ihr als Expertin beraten. Für manchen guten Buchtipp bedanken sich die Bibliotheksbesucher schon mal überschwänglich bei Divko. Denn der Sog der Zeilen eines gut geschriebenen Romans geht viel tiefer, als es die Szenen eines Films jemals schaffen können, ist sich die Bibliotheksleiterin sicher.
Von Roman-Verfilmungen
oft enttäuscht
Zu oft sei sie schon enttäuscht worden von Buchverfilmungen, die die Handlung gänzlich veränderten und gar nicht zu dem passen wollten, was sie sich beim Lesen ausgemalt hatte. Oder Protagonisten sahen völlig anders aus und wurden mit ganz anderen Charaktereigenschaften ausgestattet, als die, die sie im Buch kennengelernt und sich vorgestellt hatte.
Aber dass Ausnahmen die Regel bestätigen, räumt die Bücher-Expertin auch hier ein: Lebhaft erinnert sie sich daran, wie sie die Herr-der-Ringe-Filme herbeisehnte, nachdem sie in den 80er-Jahren Tolkiens Bücherreihe verschlang. Regisseur Peter Jackson enttäuschte sie Anfang der 2000er schließlich keineswegs.
Trotzdem bleibt Divko lieber bei den Büchern – oder bei den Hörbüchern: Für beides hofft sie ab Juli wieder mehr Zeit zu finden – genauso für den ein oder anderen spontanen Urlaub, viel Sport und für ihre beiden Enkelkinder. „Ich bin unglaublich dankbar für meine Gesundheit“, erklärt die angehende Rentnerin. Nach einer einschneidenden, längeren Krankheitsphase vor einigen Jahren weiß Divko diese umso mehr zu schätzen und möchte die arbeitsfreie Zeit, die ihr nun bevorsteht, so intensiv wie möglich für sich nutzen.