Rosenheim – Der Tagesablauf des 17. August war wie die neun Tage zuvor. Lesen, fernsehen, essen, schlafen. Und doch sollte es der letzte Tag sein, der so war, wie die Tage zuvor. Denn es ist nicht ihr Schlafzimmer, in dem sie schläft. Es ist nicht ihr Bett, in dem sie liegt. Sie liegt in einem Krankenhaus. Einzel-Intensivzimmer. Ist als „High-Urgency“-Patientin 24 Stunden an Blutdruckmessgerät und EKG angehängt. Seit Tagen hat sie diese Station nicht verlassen. Denn hier wartet Uta Rataj auf ihr neues Herz.
Die 65-Jährige war jahrzehntelang Krankenschwester, als ihr die Arbeit vor neun Jahren immer schwerer fiel. Schnell stand die Diagnose fest: Herzmuskelentzündung. Sie braucht ein neues Herz. Doch die Transplantationslisten in Deutschland sind lang, ihr Zustand bereits kritisch. Nach acht Monaten dann die erlösende Nachricht: Es gibt ein Herz für die Frau.
Vom Kontrolltermin beim
Hausarzt ins Krankenhaus
Als es in der Nacht auf den 18. August 2018 an der Tür ihres Intensivzimmers klopft, nimmt Uta Rataj alles wie durch Watte wahr. Etwa, dass die Ärztin ihr sagt, dass es jetzt losgehe. Sie will sich aufrichten, wird zurückgehalten. Ja nicht anstrengen. Schnell schwirren Ärzte und Pflegekräfte um sie herum. Die Patientin wird für den Transport vorbereitet. Auf die Liege. In den Sanka. Ab ins Lehrkrankenhaus Großhadern. Auf eine neue Liege. Durch einen Gang. Ihr Körper ist müde. Rohre und Lichter an der Klinikdecke ziehen an ihr vorbei. Rhythmisch, wie die Produktionsteile auf einem Fließband. Die Situation ist angespannt. „Keiner hat geredet“, sagt sie. Auf Station. Ausruhen, bevor die OP am frühen Vormittag losgeht.
Im Herbst zuvor wurde Uta Rataj während der Arbeit immer schlapper. Langsamer. Müder. Seit 25 Jahren arbeitete Uta Rataj in der Rosenheimer Romed- Klinik, lange Zeit auf der chirurgischen Privatstation, zuletzt in der normalen Chirurgie. Doch seit einiger Zeit rang die Rosenheimerin selbst nach den leichtesten Aufgaben nach Luft. Nach einem Spätdienst im Dezember 2017 ging sie zu ihrem Hausarzt. „Dann saß ich sofort im Rettungswagen“, erinnert sich die Rosenheimerin heute.
Heute sitzt sie an ihrem Esstisch und erzählt vom Weg zu ihrem neuen Herzen. Im Krankenhaus fanden die Ärzte damals bald eine Erklärung für ihren Zustand. Ihr Herz ist sehr groß. Ein vergrößertes Herz entsteht, wenn der Herzmuskel versucht, eine dauerhafte Überlastung durch ein größeres Herz zu kompensieren, erklärt der Ratgeber Herzinsuffizienz. So verliert es aber mit der Zeit an Pumpkraft und kann den Körper nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgen.
Die endgültige Diagnose lautet Myokarditis – Herzmuskelentzündung. Sie ist so schwer, dass sich ihr Herz nicht mehr von allein erholen wird. Die Ärzte vermuten, eine verschleppte Infektion oder genetische Veranlagung seien der Grund dafür. „Keine Klappe hat mehr richtig geschlossen“, erinnert sich Rataj heute. Die einzige Lösung: ein neues Herz. Die Diagnose war ein Schock für Uta Rataj, ihren Mann und die Tochter. „Ich hatte Silvester noch Gäste eingeladen, hatte unseren Wintergarten geschmückt“, erinnert sich die 65-Jährige.
Stattdessen verbringt sie den Jahreswechsel im Krankenhaus. „Es war sehr einsam.“ Im Klinikum wurde sie komplett durchgecheckt. Wanderte auf die Warteliste von Eurotransplant, die die Organe nach strengen Kriterien vergibt. Ratajs Vorteil: Sie ist Blutgruppe AB, also Universalempfängerin. Das bedeutet, egal welche Blutgruppe der potenzielle Spender hat – ihr Körper bildet keine Antikörper. Im Frühjahr 2018 wurde Rataj aus dem Krankenhaus entlassen. Mit einer Anordnung: Ruhe geben. Keine Anstrengung.
Nach einigen Stunden Wartezeit in Großhadern bringen die Pfleger Uta Rataj gegen 9 Uhr in den OP. Sie hat mittlerweile begriffen, dass ihr neues Herz endlich da ist. Es ist der Moment, auf den sie seit Monaten gewartet hat. Gleichzeitig will sie nur noch weg. Zu groß ist die Angst davor, nicht mehr aufzuwachen. Dass irgendetwas während der OP nicht so läuft, wie es sollte. „Da ging mir die Muffe“, erinnert sie sich. Während sie mit ihrer Angst kämpft, geht es in den ausgeleuchteten OP-Saal. Eine Herztransplantation ist kein Routineeingriff. Jede einzelne ist höchste chirurgische Kunst. Unter Vollnarkose wird der Brustkorb auf etwa 20 Zentimeter Länge geöffnet, erklärt das Transplantationszentrum der Münchner LMU den Ablauf. Der Patient wird an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen. Diese übernimmt die Pumpfunktion während der Operation. Zwar wurden seit 1981 gut 1.400 Herzen am Uniklinikum Großhadern transplantiert, durchschnittlich 31 im Jahr. Das sind aber nur 0,08 Prozent der 40.000 jährlichen Operationen dort.
Normalerweise dauert eine Herztransplantation drei bis sechs Stunden. Uta Rataj ist den ganzen Tag im OP. Denn es blutet in einen Herzbeutel hinein. Sie braucht mehrere Dutzend Blutkonserven. „Da habe ich schon eine Ehrenrunde gedreht“, sagt sie. Auf zehn Stunden OP folgen zehn Tage Koma. Mit Beatmung. Ihre Tochter, Freundinnen und ihr Mann besuchen sie. Weinen. Bangen. „Für meine Familie war es eine Zitterpartie. Man wusste nicht, wie ich aufwache – oder ob.” Uta Rataj hat keine Erinnerungen an diese Zeit. Alles was sie weiß: Sie hatte fürchterliche Albträume.
Zehn Tage nach der Transplantation wirken die Betäubungsmittel nur noch schwach. Uta Rataj wacht auf. Mit einer Narbe auf der Brust und einem neuen Herzen darunter. Zuerst denkt sie, sie ist zwangs-operiert worden. Denn es dauert, bis die Erkenntnis ankommt, dass nun ein neues Herz in ihrem Körper schlägt. Pfleger schieben sie ein paar Tage später in ihrem Bett erstmals in den Park. Uta Rataj hat Tränen der Dankbarkeit in den Augen.
Doch es liegt noch ein anstrengender Weg vor ihr. Nach der Transplantation und dem Koma waren ihre Gliedmaßen schwach: „Ich konnte nicht einmal mein Handy anheben oder schreiben.“ Ein halbes Jahr tägliches Training braucht es, bis sie wieder richtig laufen kann. Ihr Rollator, damals die Stütze bei jedem Schritt, steht heute im Keller. Die Monate nach der Transplantation verbringt sie in Krankenhäusern und Reha-Einrichtungen. Hat großes Heimweh. Es wird wieder Winter. Ein Jahr nach ihrer Diagnose darf sie an Heiligabend aus der Früh-Reha nach Hause und genießt die alltäglichsten Dinge. Eine lange Dusche. Selbst Lebensmittel einkaufen.
Mit der Genesung kommen auch die Gedanken an den Spender ihres neuen Herzens. Wer ist gegangen? Nach dem Transplantationsgesetz herrscht strikte Anonymität. Uta Rataj wird also nie erfahren, von wem ihr Herz stammt. Dennoch spricht sie viel mit Ärzten und Freundinnen darüber. „Der Prozess dauerte ein bisschen, aber jetzt ist es meins“, sagt sie.
Uta Rataj: „Jetzt
ist es mein Herz“
Dann legt sie beide Hände auf ihr Herz. Der Tag der Transplantation, der 18. August 2018, ist „ein magisches Datum“ für die 65-Jährige. Denn er ist jedes Jahr eine Erinnerung an eine zweite Chance. „Wenn es den Tag nicht gegeben hätte, wäre ich seit acht Jahren nicht mehr hier”, sagt sie.
Auch wenn Uta Rataj ihr Leben lang Tabletten schlucken muss und nicht mehr arbeiten kann, ist sie dankbar für ein zweites Leben. Für ihr neues Herz. Denn andere Menschen bekommen keine zweite Chance. Gut 8.000 Menschen standen Ende 2025 auf der Warteliste für ein neues Organ. Für 290 Patienten dauerte das Warten zu lange. Sie sind gestorben.