Integration in den bergen

Aufgestiegen, um anzukommen

von Redaktion

Von Katrin Woitsch

Garching/Hausham – Die letzten Meter haben es in sich. Der schmale Waldpfad wird immer steiler, der Regen immer stärker. Die Tropfen fühlen sich auf der Haut an wie feine Nadelstiche. Bayern zeigt sich an diesem Tag von seiner ungemütlichsten Seite. Und Rawan Mustafa ist glücklich darüber. Sie lächelt, während sie sich unter ihrem Regenschirm Meter für Meter weiter Richtung Gipfel kämpft. Es ist ein Lächeln, das an diesem grauen Tag leicht zu übersehen ist. Der Grund für ihr Lächeln hat mit ihrer Heimat zu tun. Die 17-Jährige kommt aus Damaskus. „In Syrien gibt es Regen nur sehr selten“, sagt sie. So selten, dass es im Arabischen für Regen und Winter nur ein einziges Wort gibt: alshita almatar. Es gibt sehr viele Sonnentage – und sehr wenig Alshita-almatar-Tage im Jahr. „Das hier ist für uns wirklich etwas Besonderes“, sagt Rawan. Sie hätte sich für ihren ersten Tag in den Bergen kein schöneres Wetter wünschen können.

Ihrem Vater Ahmad, ihrem 19-jährigen Bruder Wael und ihrem 27-jährigen Onkel Amer geht es ähnlich. Als sie nach zwei Stunden Aufstieg auf der Gindelalm im Kreis Miesbach ankommen, posieren sie nacheinander auf der Almterrasse für ein Foto. Im Hintergrund: eine dicke, graue Nebelwand. An schönen Tagen sieht man von hier aus ein gigantisches Alpenpanorama, manchmal sogar bis nach München – an Regentagen wie heute gerade ein paar Meter weit. Die Syrer sind die Einzigen, die hier heute ein Erinnerungsfoto machen.

Und das, obwohl fast alle Plätze auf den großen Holzbänken besetzt sind. Wirtin Anneliese Grimm hat an diesem Tag mehr als ein Dutzend Nationalitäten zu Gast. Das ist natürlich kein kurioser Zufall. Der Integrationsbeirat aus Garching (Landkreis München) hat einen Ausflug hierher organisiert. Für Flüchtlinge, für Garchinger, für Garchinger mit Migrationshintergrund. Diese interkulturellen Ausflüge gibt es schon seit fünf Jahren. Damals hat der Garchinger Integrationsbeirat gemeinsam mit dem örtlichen Bund Naturschutz und dem Alpenverein das Projekt gestartet, vergangenes Jahr sind sie für ihre Idee mit dem Bayerischen Integrationspreis ausgezeichnet worden. „Seitdem haben wir viele Anfragen von Helferkreisen bekommen“, berichtet Claudio Cumani. Diese Ausflüge werden inzwischen in vielen bayerischen Gemeinden organisiert.

Die Idee dahinter ist so einfach wie effektiv: Menschen, die neu in Bayern sind, sollen gemeinsam mit Einheimischen entdecken, an welch schönem Ort auf der Welt sie gelandet sind. Sie wandern, lernen heimische Tiere oder Pflanzen kennen, sprechen über Bräuche und Sitten in Bayern, besuchen Bauern oder Handwerker. „Integration kann so furchtbar einfach sein“, sagt Cumani. Manchmal passiert sie ganz nebenbei – während man Zeit miteinander verbringt.

Er weiß selbst gut, wie es ist, sich fremd zu fühlen. Er kam vor Jahrzehnten aus beruflichen Gründen aus dem italienischen Triest nach München. Ihm wurde es damals leicht gemacht, anzukommen – deshalb ist er bis heute geblieben. Viele der Garchinger Integrationsbeiräte haben einen ähnlichen Hintergrund. Und helfen deswegen nun neuen Bürgern in ihrer Stadt, Bayern lieben zu lernen.

Nicht nur für die syrische Familie Mustafa ist es der erste Ausflug in die Berge. Auch Kader Diedhouie aus Somalia ist ausgestattet mit geliehener Regenjacke und Regenhose den breiten Pfad zur Hütte hinaufgestiegen. „Ich mag die Natur“, sagt er. „Aber ich habe ein bisschen Angst vor dem Abgrund.“ Deshalb geht er langsam und vorsichtig. So richtig geheuer sind ihm die bayerischen Berge noch nicht. Oben auf der Almterrasse wartet bereits die nächste Herausforderung auf ihn: die Speisekarte. Kader Diedhouie spricht bereits gut Deutsch, er ist seit mehr als zwei Jahren in Bayern. Doch von den Gerichten, die hier oben angeboten werden, kennt er kaum eines. Kaiserschmarrn, Gulaschsuppe, Zwetschgendatschi, Würstl mit Kraut. „Was ist Kraut?“, fragt er. Alle Erklärungsversuche am Tisch helfen ihm nicht weiter, sodass Kader beschließt, einfach Kraut zu bestellen. Und dazu einen schwarzen Tee mit Zitrone. Damit stellt er Hüttenwirtin Anneliese kurzzeitig vor eine kleine Herausforderung. Schwarzer Tee wird hier zwar selten, aber doch gelegentlich bestellt. Nach einer Zitrone muss sie erst mal suchen. Aber sie findet sie. Wenig später isst Kader zum ersten Mal Würstl mit Sauerkraut. Er ist zufrieden mit seiner ersten Wanderung auf eine Berghütte.

Dieser Ausflug ist auch für Claudio Cumani und seine Frau Sara etwas Neues. „Durch das Geld, das wir mit dem Integrationspreis bekommen haben, können wir dieses Mal auch auf der Hütte übernachten“, berichtet die 43-jährige Garchingerin. Bisher haben die Ausflüge immer nur einen Tag gedauert und mussten ohne große Kosten organisiert werden. Die Nacht hier oben soll für alle etwas Besonderes werden.

Wirtin Anneliese hat halal für ihre Gäste gekocht. Es gibt Gulasch mit Rindfleisch – sodass es auch Muslime essen können. Und es gibt an diesem Abend etwas, das Sara Hoffmann-Cumani bei den Vorbereitungen nicht hätte planen können. Abends wird auf der Gindelalm eine bayerische Hochzeit gefeiert. Als Hoffmann-Cumani davon erfuhr, organisierte sie schnell noch ein kleines Herz aus Holz als Geschenk. In elf Sprachen schreibt die 25-köpfige Gruppe aus Garching gemeinsam Glückwünsche für das Brautpaar auf die Rückseite.

Bevor Amer Mustafa an diesem Abend ins Bett geht, unterhält er sich lange mit Hüttenwirtin Anneliese. Sie erzählt ihm von ihrer Reise nach Damaskus vor vielen Jahren. Und dann von ihrem Leben hier oben auf der Alm. Für einen Abend scheinen diese beiden Welten gar nicht so unvereinbar zu sein. Als sich Amer am nächsten Tag von der Wirtin verabschiedet, sagt er: „Wenn wir eines Tages wieder zurückgekehrt sind nach Syrien, werden Sie unser Gast sein. Dann werden wir Ihnen unser Land, unsere Natur und Kultur zeigen.“ Das ist sein großer Wunsch: ein klein wenig davon zurückzugeben, was er und seine Familie an diesem Tag hier oben unter dem verregneten bayerischen Himmel geschenkt bekommen haben.

Familie sucht Wohnung

Rawan Mustafa und ihre Familie leben seit anderthalb Jahren in Deutschland und sind bereits anerkannt. Sie sprechen sehr gut Deutsch. Seit Monaten suchen sie vergeblich nach einer Wohnung in Oberbayern, um aus der Asylunterkunft in Garching ausziehen zu können. Unsere Redaktion kann für potenzielle Vermieter einen Kontakt zu der Familie herstellen (Telefon 089/5306-467).

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