München – Wenn Walter Haefeker über den Chemieeinsatz in der Landwirtschaft spricht, wirkt er oft, als würde er einen zynischen Witz erzählen. Ein bitteres Grinsen dringt dann durch seinen Vollbart, so absurd erscheint dem Chef der europäischen Berufsimker das, was sich auf Bayerns Feldern abspielt. Haefeker, dessen Bienenstöcke im Kreis Weilheim-Schongau stehen, ist sich sicher: „Das ganze Anbausystem ist in einer Sackgasse.“
Schädlinge und Unkraut würden gegen die gängigen Bekämpfungsmittel entweder resistent oder es kämen nach und nach verheerende Nebenwirkungen der Pestizide ans Licht. Deshalb bringe die Chemieindustrie immer neue, noch wirksamere – oder schlimmere – Nachfolgeprodukte auf den Markt. Ein Hin und Her, das längst außer Kontrolle ist, findet Haefeker. Denn bei dem chemischen Wettrüsten blieben die Insekten auf der Strecke – darunter auch die als Bestäuber für die Landwirtschaft so wichtigen Honig- und Wildbienen.
Das bekräftigt Hubert Weiger, Bayern-Vorstand des Bund Naturschutz (BN). Er nennt den flächendeckenden Einsatz des Unkrautvernichters Glyphosat den „größten Anschlag auf die Biodiversität, den man sich vorstellen kann“. Die Auswirkungen der chemischen Keule – gepaart mit dem zunehmenden Flächenverbrauch – auf die Insektenvielfalt im Freistaat lasse sich ganz einfach beobachten: „Die Autofahrer brauchen ihre Windschutzscheiben nicht mehr von toten Insekten zu säubern.“ Es gebe schlicht nicht mehr so viele. „Die Realität hat unsere schlimmsten Befürchtungen übertroffen“, konstatiert Weiger.
Diese Beobachtung untermauert der BN mit amtlichen Zahlen: Von den 506 einst in Bayern beheimateten Wildbienenarten sind demnach mehr als die Hälfte ausgestorben oder unterschiedlich stark gefährdet, 79 sind vom Aussterben bedroht. Höchste Zeit für einen Bienenaktionsplan seitens der Politik – diese Forderung erneuerten Naturschützer und Imker gestern in München.
Ziel müsse sein, die Bienen als Bestäuber besser vor Pestiziden zu schützen. Dazu gehöre ein Komplettverbot von Glyphosat sowie der Neonikotinoide, über deren bereits seit 2013 existierendes Teilverbot derzeit die EU-Kommission neu verhandelt. Diese Schädlingsvernichter seien für Bienen tausendfach gefährlicher als DDT. Zudem gelte es, Insekten mehr Lebensräume zu verschaffen.
Unterm Strich heißt das: Die Naturschützer fordern eine Kehrtwende in der Agrarpolitik. „Wir brauchen eine Landwirtschaft, die mit der Natur wirtschaftet, statt gegen sie“, heißt es im „Nationalen Bienenaktionsplan“ des BN. „Das heißt nicht, dass wir die Landwirte an den Pranger stellen“, betont Chef-Naturschützer Weiger. Der Fehler liege in einer Politik, die darauf abziele, die Landwirtschaft durch Billigproduktion wettbewerbsfähig zu halten. Besonders die CSU setze auf ein „Weiter so“. Zu Pestiziden und Artensterben finde sich im Wahlprogramm kein Wort. Allerdings lobte er Agrarminister Brunner, der sich für ökologische Landwirtschaft einsetze.
Der Wandel müsse aber auch in Form „digitalen Pflanzenschutzes“ kommen – einer Entwicklung, die bereits auf dem Vormarsch sei und auf digitale Bilderkennung und in der Folge punktuelle Unkraut- und Schädlingsbekämpfung durch Agrarroboter setze. Die Politik laufe Gefahr, dies zu verschlafen. Gefragt seien im Kampf gegen die Chemie-Lobby die Bürger, so Weiger. Vorbildlich sei da beispielsweise das Vorgehen gegen Glyphosat im Kreis Miesbach, wo der Unkrautvernichter auf Flächen im Kreisbesitz nicht mehr eingesetzt werden darf: „Wenn der Druck vor Ort da ist, bewegt sich die Politik.“