Mohammads große Chance

von Redaktion

von Katrin Woitsch

Puchheim – Jürgen Frankholz mag den jungen Mann, der ihm gegenübersitzt, auf Anhieb. Obwohl er schüchtern ist und das Reden lieber seiner Betreuerin überlässt. Doch einen Satz sagt er immer wieder: „Ich will arbeiten.“ Und dieser Satz reicht, um Frankholz zu überzeugen. „Dahinter steckt ein starker Wille“, das spürt er sofort. Deshalb gibt der Hoteldirektor dem jungen Mann eine Chance – und bietet ihm einen Praktikumsplatz an.

Seit dieser ersten Begegnung ist ein gutes Jahr vergangen. Jürgen Frankholz und Mohammad Al Talha, der junge Mann von damals, sitzen wieder im Hotel zusammen. Dieses Mal ist der 20-jährige Syrer kein bisschen schüchtern. Er spricht inzwischen fehlerfrei Deutsch. Und er hat vor wenigen Tagen einen Ausbildungsvertrag unterschrieben. Er hat sie genutzt, die Chance von damals. Und wie.

Seit mehr als einem Jahr hatte Mohammad Al Talha kaum einen Tag frei. Er hat eisern für seinen Mittelschulabschluss an der Berufsschule gelernt und nebenher Praktika gemacht. Auch in den Ferien und am Wochenende. Auch nach der Schule. Als er im Hotel Seidl in Puchheim (Kreis Fürstenfeldbruck) alle Arbeitsbereiche kennengelernt hatte, hat er erst mal mit einem Mini-Job weitergemacht. Obwohl damals schon feststand, dass er hier eine Ausbildung beginnen kann. „Es war uns wichtig, dass er erst seinen Schulabschluss macht“, sagt Jürgen Frankholz. Mohammad Al Talha hat nicht damit aufgehört, ihn zu beeindrucken. Und es scheint, als ob er hier im Hotel genau den Beruf gefunden hat, den er sich gewünscht hatte.

Dass Jürgen Frankholz und Mohammad Al Talha zusammengefunden haben, verdanken sie auch der Praktikumsbörse „Sprungbrett into Work“. Auf der gleichnamigen Internet-Plattform werden bayernweit 1300 Praktikumsplätze für Flüchtlinge angeboten. Interessierte Betriebe und junge Asylbewerber können sich dort suchen und finden. Das Projekt ist deutschlandweit einzigartig – und sehr erfolgreich. Auch Mohammads Betreuerin wusste davon. So kam der Kontakt mit dem Hotel Seidl zustande.

Als der 20-Jährige „Hotel“ hörte, war er sofort begeistert. „Ich mag den Kontakt mit Menschen“, sagt er. Deshalb arbeitet er auch am liebsten im Service im Restaurant mit. Lernen will er aber alles. Vom Spülmaschine einräumen übers Betten machen bis hin zum Organisieren von Tagungen. Seine Ausbildung wird er nun erst mal als Fachkraft im Gastgewerbe machen. Das dauert zwei Jahre. „Darauf kann er dann aufbauen und Hotel- oder Restaurantfachmann werden“, erklärt Frankholz.

Mohammad Al Talha ist nicht der einzige Azubi, der im Hotel Seidl heute seine Ausbildung beginnt. Auch ein Jugendlicher aus der Region hat eine Stelle bekommen. „Bürokratisch gibt es da schon große Unterschiede“, berichtet Frankholz. Bei seinem zweiten Azubi war der Ausbildungsvertrag nach einem ersten Gespräch schnell abgeschlossen. Für Mohammad Al Talha musste er deutlich mehr Papiere ausfüllen – trotz hervorragender Zusammenarbeit mit dem Jobcenter, wie er betont. Den Papierkram hat er gerne auf sich genommen. Weil er zu hundert Prozent sicher ist, den richtigen Azubi gefunden zu haben. „Wir profitieren alle von ihm“, betont Frankholz und lächelt Mohammad Al Talha dabei zu. Als Hoteldirektor möchte er, dass all seine Mitarbeiter offen mit fremden Kulturen und Religionen umgehen. „Schließlich haben wir auch Gäste aus aller Welt.“ Frankholz würde sich wünschen, dass mehr Hotelbesitzer den Mut haben, jungen Flüchtlingen eine Chance zu geben, aus der sie mit Fleiß und Ehrgeiz etwas machen können. Vielleicht sogar einen Ausbildungsvertrag.

Als der 20-Jährige unterschrieben hatte, rief er seine Eltern an, die momentan in einem Flüchtlingslager in Jordanien sind. Er hat sie seit sechs Jahren nicht mehr gesehen. „Richtig vorstellen können sie sich nicht, wie meine Arbeit hier im Hotel aussieht“, erzählt er. Aber sie sagten ihm, wie stolz sie auf ihn sind. Mohammad Al Talha lächelt, als er das erzählt. Stolz – das ist er auch.

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