Ungewöhnliches Musikertrio aus dem Lechrain

„Wir reizen die Volksmusik voll aus“

von Redaktion

Von Klaus Mergel

Epfach – Es sind die dreckigen Schuhe, die die Leidenschaft verraten. Wenn Fabian Eglhofer auf seiner „Ziach“ – der Steirischen Harmonika – abgeht, dann steckt sein ganzes Herz in der Musik – und sein Körper verrenkt sich. Der Kopf dreht sich nach rechts. Senkt sich runter. Als ob er sich mit dem Ohr ins Instrument reinschrauben wollte. Und sein rechter Fuß stellt sich schräg auf den linken. Immer wieder. Und hinterlässt Lehmspuren am Haferlschuh.

Eglhofer ist Teil der „Dreieckmusi“. Das junge Trio mit Ziach, Gitarre und Tuba mischt derzeit die bayrische Volksmusik auf. Richtig gelesen: Volksmusik. Nicht Heimatsound, Volkspunk oder Alpenrock. Es geht auch nicht um die leicht vertrocknete Zither-Musi bayrischer Museumskapellen. Noch viel weniger um den volkstümlichen Brei, den uns Borg, Lindner und Silbereisen auftischen. Es geht um Musik, die echt ist. Die lebt.

Wenn Fabian Eglhofer (20), Daniel Schmid (26) und Uli Linder (20) sich zum Proben treffen, hat das was von einem Stammtisch. Heute sitzen sie in Eglhofers Elternhaus in Epfach (Kreis Landsberg am Lech). Eine gemütliche Bauernstube mit Kachelofen. Holz ist Trumpf, Kassettendecke, Schnitzereien, alles selbst gefertigt. Die Eglhofers betreiben seit vier Generationen eine Schreinerei, auch Fabian ist gelernter Schreiner. Linder dagegen studiert Agrarmarketing und Agrarmanagement in Weihenstephan. Schmid arbeitet als Referendar am Weilheimer Gymnasium. „Wir sind ganz normale bodenständige Kerle“, sagt Eglhofer und grinst. Und dann legen die drei los.

Eglhofer, rotblond, fast zierlich, Brille, nimmt seine Steirische auf den Schoß: ein wunderschönes Stück hölzerne Handwerkskunst. Er legt die Riemen um und entlockt seiner „Ziach“ einen wogenden Zweivierteltakt – eine Polka. Während seine Linke die Bässe bearbeitet, baut die Rechte eine flotte Melodie auf. Neben ihm Linder, ein 1,90-Meter-Mann – da wirkt das riesige Messinginstrument wie maßgeschneidert. Er setzt das Mundstück der Tuba an. Und schiebt mit dem erdigen Bass den Rhythmus druckvoll an. Währenddessen sorgt Schmid auf einer Konzertgitarre für den perkussiven Klangteppich. Neuerdings tut er das gelegentlich auf einer älteren Jazzgitarre. Die F-Löcher haben es ihm angetan. Klingt etwas blechern – ist aber ein Hingucker.

Was die drei spielen, reißt mit, da juckt es in den Füßen. Ein bayrisch-traditionelles Stückl, keine Frage. Aber dann was anderes: Eglhofer hat das Motiv der Titelmelodie von „Michel aus Lönneberga“ eingeschmuggelt, nur für einige Sekunden. Manche nennen das Weltmusik. Für die „Dreieckmusi“ ist es der „Lausbua Boarische“. „Wir probieren alles aus“, sagt Linder, „schmeißen alles in einen Topf und reizen die Volksmusik voll aus.“ Da kommt schon mal eine Prise Bossanova oder Balkan-Ska mit in die Suppe.

Doch letztlich spielen die drei traditionelle Landler, Zwiefache oder Walzer. Überliefertes, aber frisch interpretiert – oder eben Neukompositionen. Musik für den Tanzboden, genau genommen. Keine Popmusik, wie das etwa LaBrassBanda macht. „Das ist einfach nicht unsere Musik.“

Eglhofer fing mit sechs Jahren mit Klavier an, wechselte mit zwölf auf die Steirische Harmonika, nebenbei spielte er Schlagzeug. Linder ist mit der Posaune seit der dritten Klasse dabei. „Du bist zu klein für die Tuba“, hieß es immer. „Irgendwann hab ich mir die von meinem Onkel geschnappt“, sagt er, „ein unbeschreibliches Gefühl.“ Schmid ist unter den dreien der Autodidakt. Er spielt erst seit einigen Jahren Gitarre, selbst beigebracht. Bekennender Nicht-Notenleser – benützt aber als Gedächtnisstütze Tabulaturen. „Da lachen mich die anderen gern aus“, sagt er. Denn die können Noten lesen – spielen aber auswendig.

Auf der Bühne brauchen sie keine Noten. Wie etwa im Flößermuseum in Lechbruck: Die rund 80 Zuschauer müssen eng zusammenrücken. Teilweise sitzen sie auf der Treppe. Altersdurchschnitt 30 bis 40, manche in Tracht. Eglhofer jagt seine Mitmusiker mit Titeln wie „Dampfnudelblues“ oder „Mi hoscht ghaut“ die Tonleiter rauf und runter. Linder dagegen: die Mensch- und blechgewordene Rhythmusmaschine. Ein Charlie Watts der Volksmusik, unerschütterlich. Auch wenn er „zwei Stunden am Stück Witze erzählen kann“, wie Eglhofer verrät, überlässt er das Reden lieber Gitarrist Schmid. Der wiederum tut das mit Charme. Vielleicht musikalisch der schwächste Part im Trio. Aber unverzichtbarer Entertainer, der zu jedem der „Stückl“ eine Geschichte liefert.

Wer sich ein wenig im Genre auskennt, erkennt bei der Dreieckmusi Spuren eines bekannten Südtiroler Virtuosen: Ziach-Gott Herbert Pixner ist Eglhofers Vorbild, etliche Seminare hat er bei ihm absolviert. Einige seiner Lieder hat das Trio im Repertoire, inzwischen überwiegen jedoch Eglhofers Kompositionen.

2014 fing alles an mit dem Trio, das sich nach dem Dreieck ihrer Heimatdörfer benannte: Reichling (Schmid), Epfach (Eglhofer) und Apfeldorf (Linder) liegen im Lechrain, der idyllischen Landschaft am Lech zwischen Landsberg und Schongau. Schon bei ihrem allerersten Auftritt 2014 im Herzkasperlzelt der „Oidn Wiesn“ rutschten sie dem Bayerischen Rundfunk zufällig vor die Kamera – und spielten so souverän, als ob sie seit Jahren nichts anderes gemacht hätten. 2016 die erste CD: „Horch a Moll“. Inzwischen sind sie schwer gebucht. Sie treten nicht in Stadthallen auf, eher bei Musikerstammtischen oder in charmanten Wirtschaften. Eine Trophäe hat das Trio auch schon eingeheimst: den Kulturförderpreis der Stadt Landsberg. Axel Flörke, Kulturbürgermeister der Stadt, gesteht bei der Verleihung: „Fast hätte ich einen Dolmetscher gebraucht.“ Denn die drei reden ausschließlich das eigentümliche Idiom der Lechroaner: Oberbairisch mit einem Schlag Allgäuerisch drin. Aus ihrer Heimat wollen sie trotz des Erfolgs keinesfalls weg.

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