München – Hauptschulsterben, Ausbluten ganzer Landesteile – das scheinen, zumindest wenn man die Schulstatistik betrachtet, Phänomene aus der Vergangenheit zu sein. Die „Talsohle“ bei der demografischen Entwicklung ist wohl durchschritten, stellte Kultusminister Ludwig Spaenle am Freitag fest. Insgesamt beginnt das Schuljahr am Dienstag für 1,681 Millionen Schüler. Das sind nur 4000 Schüler oder 0,2 Prozent weniger als im Vorjahr.
Auffallend ist, dass die Schülerzahl „von unten“ her wieder wächst – es gibt zum dritten Mal in Folge mehr Grundschüler. In diesem Jahr sind es 437 500 – 1,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Sowohl in Oberbayern als auch im strukturschwachen Oberfranken gibt es Zuwachs. Ein Grund, aber nicht der alleinige, sind die Flüchtlingskinder. Dass die Schülerzahl insgesamt noch sinkt, liegt an der (noch) abnehmenden Schülerzahl an den weiterführenden Schulen. Eine Trendumkehr bei der Schülerzahl insgesamt erwartet das Kultusministerium im nächsten Schuljahr 2018/19.
Schon jetzt ist der Bedarf vor allem an Grundschullehrern groß. Spaenle betonte erneut, das Ministerium habe alle Junglehrer bis zu einer Examensnote von 3,5 angestellt. Behauptungen der GEW, dass trotzdem noch 400 Stellen unbesetzt seien, wies er als „Nonsens“ zurück.
Bei der Frage, ob das Grundschul-Lehramts durch eine Angleichung der Bezahlung attraktiver werden könne, verwies Spaenle auf die Uneinigkeit der Lehrerverbände bei diesem Thema. In der Tat verweist zum Beispiel der Bayerische Philologenverband auf die höhere wissenschaftliche Qualifikation und die längere Studienzeit der Gymnasiallehrer. Immerhin habe Bayern die sogenannte funktionslose Beförderung eingeführt, sagte Spaenle – 30 Prozent der Grund- und Mittelschulpädagogen könne so bis zur Stufe A 13 kommen. Das ist die Stufe, die Gymnasiallehrer gleich im ersten Berufsjahr erzielen.
Neben der Grundschule wird die Gestaltung des neunjährigen Gymnasiums das Thema der bayerischen Bildungspolitik werden. Ab dem nächsten Schuljahr beginnt offiziell das G9 für einen Doppeljahrgang: die 5. und 6. Klassen. Also werden auch die heutigen Fünftklässler neun Jahre zur Schule gehen, obwohl für sie in diesem Schuljahr noch der G8-Lehrplan gilt. Zusätzlich kompliziert wird es, weil die Fünftklässler erstmals nach dem neuen „Lehrplan Plus“ unterrichtet werden. Er setzt auf eine andere Lehrmethode, mehr Kompetenzen, weniger bloße Wissensvermittlung. Die praktischen Änderungen im Unterricht sollen freilich gering ausfallen.
Noch im Fluss ist der Entwurf einer neuen Oberstufe am Gymnasium und die Definition der „Überholspur“ – es ist erklärter Wille der CSU-Staatsregierung, dass ein sichtbarer Anteil der Schüler, vielleicht 20 Prozent, das neue 11. Schuljahr am Gymnasium überspringt und so G8-Schüler bleibt. Die SPD sät schon grundsätzliche Zweifel am Erfolg der G9-Umstellung. „Wir hätten die Chance, das Gymnasium neu aufzustellen – doch die wird im Moment versemmelt“, sagte der Vorsitzende des Landtags-Bildungsausschusses, Martin Güll (SPD).
Neben dem G9 gibt es etliche kleinere Neuerungen. Beispiele: ein bilingualer Schulversuch an zehn Grundschulen, drei davon (unter anderem Iffeldorf) in Oberbayern, die auch Französisch unterrichten. Für Mittelschüler ist es jetzt Pflicht, am Ende der 6. Klasse 10-Finger-Tastaturschreiben zu können.
Schulartübergreifend versprach Spaenle mehr Digitalisierung, konkret wurde er aber nur in einem Punkt. Zum nächsten Schuljahr, also ab 2018, soll es mehr Informatik-Stunden an der Mittelschule geben. „Bisher gibt es nur wenige Inseln der Digitalisierung an Bayerns Schulen“, lästerte der Grünen-Bildungsexperte Thomas Gehring. Auch die Vereinigung der bayerischen Wirtschaft mahnte, dies müsse unbedingt Schwerpunkt von Spaenles Arbeit werden.
Den Schulbesuch von 70 000 jungen Flüchtlingen in Bayern stellte Spaenle als „Erfolgsgeschichte“ dar. „Darüber redet man fast gar nicht“, ärgerte er sich. Fakt sei aber, dass der erste Jahrgang nun die zweijährigen Berufsintegrationsklassen absolviert habe – mit gutem Erfolg: 60 bis 70 Prozent der ersten 2000 Absolventen hätten in einen Ausbildungsberuf vermittelt werden können.