Interview zum Tag des offenen Denkmals

Wo die Heimat wohnt

von Redaktion

München – Bayern ist ein Land der Schlösser und Burgen. Aber wenn es um das Thema „Macht und Pracht“ geht, gibt es noch hunderte andere Orte, an denen Vergangenheit und Gegenwart sich begegnen. Um diese Orte geht es dieses Jahr beim Tag des offenen Denkmals, der am Sonntag in ganz Deutschland stattfindet. Mathias Pfeil, der Generalkonservator des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege, erklärt, wie viel Pracht ein Denkmal braucht, um wahrgenommen zu werden – und was das Interesse für die Vergangenheit mit Suche nach Identität zu tun hat.

-Der Tag des offenen Denkmals steht dieses Jahr unter dem Motto „Macht und Pracht“. Muss ein Denkmal denn prachtvoll sein, um wahrgenommen zu werden?

Nein, muss es nicht. Natürlich gibt es Denkmäler, die Macht und Pracht repräsentieren – wie die Königsschlösser und die Burgen. Aber die Denkmäler, die man gar nicht sofort als Denkmal wahrnimmt, sind meiner Meinung nach mindestens genauso wichtig – eigentlich wichtiger. Weil sie unsere Umgebung prägen. Das ist in München zum Beispiel die Alte Münze, aber auch die Denkmäler des Wiederaufbaus.

-Wie lenken Sie Sonntag den Blick auf die unauffälligeren Denkmäler?

Am Sonntag sind auch Denkmäler zugänglich, die nicht sofort mit Macht und Pracht in Verbindung gebracht werden – aber zeigen, wie München einmal ausgesehen hat. Zum Beispiel die Alte Ziegelei in Oberföhring. Das ist eine Industriearchitektur, die dafür steht, was in München passiert ist. Es gab im 19. Jahrhundert einen Bevölkerungszustrom, der viel größer war als heute. Es entstanden massenhaft Neubauten, dafür wurden Ziegel gebraucht. Die Alte Ziegelei steht beispielhaft für diese Zeit. Genau wie der Derzbachhof in Forstenried. Das ist einer der ältesten Bauernhöfe, der sehr schön zeigt, wie ein Dorf zur Stadt geworden ist.

-Reicht ein Tag aus, um die Bedeutung historischen Erbes zu vermitteln?

Nein, auf keinen Fall. Aber der Tag ist eine Chance, Dinge genauer zu betrachten, die man sonst nicht sehen kann. Er bietet eine Möglichkeit, sich mit Denkmälern intensiv auseinanderzusetzen. Man kann Gebäude besuchen, die sonst nicht zugänglich sind. Für die Denkmalpflege ist der Tag des offenen Denkmals ein Feiertag.

-Nimmt das Interesse an Denkmälern ab?

Im Gegenteil, würde ich sagen. In München nimmt es spürbar zu. Das hat man in den vergangenen Tagen bei dem Abriss in Obergiesing gemerkt. Die Menschen nehmen besonders in Großstädten wahr, wie rasend schnell sich ihre Umwelt verändert. Dadurch wächst das Interesse an Heimat, an Identität.

-Und wie steht es um das Interesse der Politik? Bekommen Sie die Unterstützung, die Sie brauchen?

Ich kann immer mehr brauchen, als ich bekomme. Aber das Thema steht auf der politischen Agenda. Ich muss der Politik nur helfen, es richtig anzugehen.

-Wie können Sie junge Menschen für die Vergangenheit begeistern?

Ich unterrichte an der Technischen Universität München und bin immer wieder fasziniert, wie viele junge Menschen interessiert Fragen stellen. Man muss versuchen, Denkmalpflege als dynamischen Prozess darzustellen. Das Thema darf nicht verstaubt klingen, dann reißt es auch junge Leute mit.

-Was ist Ihr Geheimtipp für Sonntag?

Der früherer Sitz des Kardinals, das Schloss Suresnes in der Werneckstraße. Ein unglaublich hübsches kleines Schlösschen. Es zeigt einen Teil Münchens, den sich wahrscheinlich die wenigsten vorstellen können.

Interview: Katrin Woitsch

Das gesamte Programm

ist auf www.tag-des-offenen-denkmals.de veröffentlicht.

Artikel 1 von 11