Schüler vor der Bundestagswahl

„In der Schule wird zu wenig diskutiert“

von Redaktion

München – Gina, Florian und Matthias wissen, für wen sie bei der Bundestagswahl stimmen werden. Im Gespräch mit unserer Zeitung ist das Schüler-Trio trotz unterschiedlicher Ansichten sofort beim Du – auch mit den Journalisten. Die drei sind seit Jahren politisch aktiv. Gina Merkl ist bei der Grünen Jugend, Florian Egginger in der Jungen Union, Matthias Weigl beim Landesschülerrat. Die wenigsten ihrer Altersgenossen engagieren sich so intensiv. Ein Gespräch über die Bedeutung von Politik und wie sich mehr junge Menschen dafür begeistern könnten.

-Ihr seid unter Merkel groß geworden. Könnt ihr euch einen anderen Bundeskanzler vorstellen?

Florian: In diesem Jahr tatsächlich: Nein. Ich glaube nicht, dass irgendjemand anderes die großen Probleme lösen könnte.

Gina: Mich stört, dass nur anhand von Prognosen schon jetzt gesagt wird, wie es ausgehen könnte. Ich finde es falsch, dass man nur Merkel und Schulz hinstellt, als gäbe es nur die zwei.

Matthias: Ich kann mir sehr wohl jemand anderes vorstellen, vor allem einen Jüngeren. Wie in Frankreich, wo Emmanuel Macron gewonnen hat oder in Österreich, wo Sebastian Kurz mit unter 30 Außenminister geworden ist.

-Was ist denn eure Wunsch-Koalition?

Gina: Ich würde mir Rot-Grün wünschen, aber das wird wohl schwierig.

-Kannst du dir auch Schwarz-Grün vorstellen?

Gina: Nein.

Florian: Ich theoretisch ja, auch wenn es nicht mein Wunsch ist. Das ist eher Schwarz-Gelb. Eine Jamaika-Koalition ist bestimmt schwierig.

-Gina, warum bist du skeptisch?

Gina: Weil wir Grüne uns selbst verraten müssten. Grüne Ideen wären mit der Union nicht umzusetzen.

-Es heißt immer, die jungen Leute interessierten sich kaum für Politik. Seid ihr Ausnahmen oder sogar Außenseiter?

Gina: Außenseiter nein. Die Leute müssen aber mehr abgeholt werden. Wenn man sie direkt anspricht, kommt raus, dass die meisten eben schon Interesse an Politik haben.

Florian: Ich habe schon viele angeworben. Viele Jugendliche möchten was bewegen, auf kommunaler Ebene vor allem. Aber im Gemeinderat bei uns im Ort sind junge Leute die Minderheit.

-Bist du der Jüngste im Gemeinderat?

Florian: Ich bin noch nicht im Gemeinderat, möchte mich 2020 aber aufstellen lassen. Kürzlich hatten wir einen Wahlstand vor Ort. Da waren viele ältere Leute, die mir gesagt haben, sie seien zu alt für Politik oder um wählen zu gehen. Da frage ich mich schon, was los ist.

Matthias: Es gibt auch viele Jüngere, die sagen, sie seien noch zu jung, hätten keinen Plan vom Leben und kennen sich eh nicht aus. Bevor sie ihr Kreuzchen falsch setzen, warten sie lieber noch. Das ist ein schwaches Argument, weil man sich in kurzer Zeit doch informieren kann.

-Florian, besteht dein Freundeskreis im Wesentlichen aus Gleichgesinnten?

Florian: Nein. Im Gegenteil, wir diskutieren ja gern.

-Gina, hast du unter deinen Freunden jemanden, der wohl CSU wählt?

Gina: Sicherlich. Da unterscheide ich aber zwischen politischer Meinung und Mensch.

Matthias: Wir sind zwölf Landesschülersprecher, und politisch sind wir ziemlich bunt gemischt. Bei mir im Bekanntenkreis ist es ähnlich, das geht von der Antifa bis zu AfD-Sympathisanten. Aber dass deswegen Freundschaften zerbrechen würden – so was habe ich noch nie erlebt. Die meisten sind ohnehin politisch desinteressiert.

-Es gab nicht nur das Kanzlerduell, sondern auch Wahlkampf im Netz. Merkel und Schulz wurden von vier Bloggern und Youtubern interviewt. Habt ihr das gesehen?

(Einhellig): Nein.

-Wir fragen deshalb, weil es heißt, die Jugend lese keine Zeitung mehr und informiere sich nur noch im Netz. Wir lesen euch mal die vier Namen der Blogger vor. Die erste heißt Lisa Sophie.

Gina: Wer ist das?

-Ischtar Isik, Alexander Böhm, Mirko Drotschmann?

Florian: Mirko Drotschmann sagt mir was, ist das nicht der mit dem Geschichtskanal?

(Drotschmann wurde unter anderem bekannt mit seiner Serie „Historische Ereignisse mit Mirko Drotschmann“)

-Wenn ihr den Youtubern nicht folgt, wo holt ihr euch sonst euer Wissen?

Matthias: Zeitungen, Apps. Radio, Tagesschau. Ich habe auch Push-Meldungen der Zeitungen aufs Smartphone abonniert, von der Süddeutschen zum Beispiel. Ich bin auch ein großer Fan der Bundeszentrale für politische Bildung. Da schätze ich die gedruckten Sachen, die haben eine riesige Bandbreite an politischen Themen.

-Das klingt jetzt aber sehr gediegen.

Gina: Es ist aber wirklich so. Ich habe im Sozialkundeunterricht mitbekommen, dass es die Bundeszentrale gibt. Als Erstes habe ich alles bestellt, was gratis war. Das war auch hilfreich für meine Seminararbeit, die ich gerade über Pressefreiheit in Russland schreibe. Viele Nachrichten kommen einem dazu auf der Facebook-Timeline unter, wo man die Quellen liken, also abonnieren kann, die einen interessieren.

Florian: Ich bin nicht so ein Freund von Facebook. Lieber mal eine Zeitung aufschlagen, meist habe ich dafür am Nachmittag Zeit. Mein Opa hat den Merkur. Bei uns an der Schule liegt auch eine Tageszeitung aus, meistens unberührt. Mich interessieren außerdem die Bundestagsdebatten. Die sollten ab und zu in ARD oder ZDF übertragen werden.

-Ist es aber nicht so, dass die meisten Jugendlichen nicht eher auf den Beauty-Kanal von Lisa Sophie abonniert sind?

Gina: Hm. Jeder hat andere Interessen, bei uns dreien ist Politik natürlich ein gewisses Hobby.

-Warum tut ihr euch das an?

Gina: Bei mir hat’s so angefangen, dass mich ziemlich viele Sachen in der Welt genervt haben. Zum Beispiel Lebensmittelverschwendung oder wie wir mit unserer Umwelt umgehen. Wenn man für seine Überzeugungen aufsteht, merkt man, dass Leute das auch annehmen. Dann kann sich durchaus was verändern.

-Wir lesen euch mal drei Fragen aus dem Wahl-O-Mat vor. Erstens: „Der kontrollierte Verkauf von Cannabis soll generell erlaubt sein.“ Ja oder nein?

Gina: Ja.

Florian: Nein.

Matthias: Ja, die Kriminalisierung führt zu nichts.

-„Bei der Terrorismusbekämpfung soll die Bundeswehr im Inland eingesetzt werden dürfen.“ Ja oder nein?

Florian: Ja.

Gina: Nein.

Matthias: Hm. Ich überlege gerade, wie schlimm es sein muss, dass die Bundespolizei nicht mehr ausreicht. Die Möglichkeit sollte schon bestehen.

-„Sollten Kinder auch unter 14 bei Straftaten verurteilt werden?“

Gina: Nein.

Florian: Ich habe gezögert. Auch Leute mit 16 sind ja noch nicht die Schlausten, auch nicht mit 18. Aber wenn ich an meinen Bruder denke, er ist 13. Eher nein.

Matthias: Nein, das bringt nichts.

-Sollten Jugendliche mit 16 wählen dürfen?

Florian: 18 ist völlig ausreichend.

Gina: Da stimme ich zu.

Florian: Auf kommunaler Ebene wäre Wählen mit 16 okay.

Matthias: Finde ich auch.

-In knapp zwei Wochen ist die Wahl. Wisst ihr eigentlich, was ihr da macht? Wird das in der Schule genügend erklärt?

Gina: In der 10. Klasse wird das behandelt. Aber Interesse an Politik kann man schlecht über Frontalunterricht vermitteln. Es gibt alternativ zum Beispiel Politik-Planspiele. Den Politikbetrieb mit Klassen durchzuspielen, würde sehr helfen. Da würden Schüler erkennen, dass einer unter 80 Millionen auch was verändern kann.

Florian: Sozialkunde ist eines der wichtigsten Fächer. Wir haben das in der Oberstufe aber nur eine Stunde in der Woche. Das ist zu wenig. Dafür haben wir zwei Stunden Religion. Klar, ist auch wichtig. Aber eine Stunde würde reichen.

Matthias: Interessant, dass der Vorschlag gerade von einem JU-ler kommt.

Florian: Ich hätte auch kein Problem damit, wenn man eine Stunde Mathematik abschaffen würde. Aber das ist ein Hauptfach. Noch mal: Religion ist wichtig. Aber Sozialkunde muss gegenüber den Nebenfächern aufgewertet werden. Man bräuchte mindestens zwei Wochenstunden, damit man auch mal diskutieren kann. In der Schule wird zu wenig diskutiert.

Gina: Ich find’s falsch, Religion oder Ethik zu kürzen. Es ist ja nicht so, dass man da keine Kompetenzen vermittelt bekommt, die wichtig fürs Leben sind.

Matthias: Die Forderung nach mehr Sozialkunde gibt es schon seit Jahrzehnten. Wir brauchen mehr Aktualitätsbezug, Raum für Diskussionen, Zeit für Planspiele, Zeit, um mal einen Abgeordneten einzuladen. Das Fach ist nicht dazu da, damit man Sachverhalte auswendig lernt. Sondern es soll begeistern für Politik.

Florian: Ich finde zum Beispiel schon, dass Schüler die Unterschiede zwischen den Parteien kennen sollten. Was ist denn jetzt eigentlich der Unterschied zwischen der CSU und den Grünen – so was werde ich gefragt.

Matthias: Manche scheitern schon an den banalsten Dingen. Da sieht man, dass reines Fachwissen, dieser Frontalunterricht, zu nichts führt.

-Die Hauptthemen beim Wahlkampf sind Flüchtlinge, Europa, Dieselaffäre, etwas Trump, Türkei und Nordkorea. Fehlt euch was, hättet ihr andere Themen?

Gina: Ja. Zum Beispiel Agrarpolitik. Unsere Böden werden permanent vergiftet und zubetoniert. Ökologie im Allgemeinen, das kommt zu kurz. Das sollte einen höheren Stellenwert haben.

Florian: Es wird zu wenig Augenmerk auf Politik in Deutschland gelegt. Es gibt zum Beispiel so viele alte Menschen bei uns, denen es wirklich schlecht geht – das fehlt mir im Wahlkampf.

Matthias: Das Thema Bildung geht mir nicht tief genug. Alle sagen, man müsse mehr in die Schulen investieren und das Kooperationsverbot von Bund und Ländern lockern. Keiner spricht darüber, dass wir von den Alpen bis rauf nach Schleswig-Holstein über ein Dutzend verschiedene Bildungssysteme haben und inhaltlich, etwa in Mathe, völlig Unterschiedliches unterrichtet wird. Darüber müssen wir reden.

-Gibt es Reizfiguren in der Politik?

Gina: Gauland.

Florian: Da stimme ich zu. Er reizt es sehr aus.

Matthias: Unsere Rechtspopulisten. Die sind ein Problem, das uns noch länger begleiten wird, fürchte ich.

-Und habt ihr Vorbilder oder Idole?

Matthias: Emmanuel Macron gefällt mir menschlich gut, auch wenn ich nicht mit allen Inhalten übereinstimme.

Florian: Mir imponieren junge Politiker, die zielstrebig sind. In diese Richtung möchte ich auch gehen, jetzt bin ich jung, jetzt kann ich etwas erreichen.

Gina: Der Begriff Vorbild klingt für mich falsch. Am Ende muss jeder seinen eigenen Weg finden. Es ist nicht das beste, anderen nachzueifern.

Das Gespräch führten Dirk Walter und Josef Ametsbichler.

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