BAIRISCH – WIRKLICH UNRETTBAR IM NIEDERGANG?

Prestigesache Dialekt

von Redaktion

von Helmut Berschin

In Berlin gibt es derzeit eine Debatte um Englisch sprechende Kellner: „Da sitzt man in der Flughafenstraße […] in einem Café“, berichtete der CDU-Politiker Jens Spahn, „und alle vier Bedienungen sprechen Englisch. Entschuldigung, hat hier jemand die Landessprache drauf?“. Landessprache im engen Sinn ist hier Berlinerisch, allgemein aber Deutsch, und das können die Bedienungen durchaus. Warum also Englisch? Weil es rentabler ist: In einem Lokal mit vielen ausländischen Gästen wird Deutsch häufig zu einer zeitraubenden Kommunikationsbarriere; Englisch hingegen verstehen mehr oder minder alle. Statistisch ausgedrückt: Die englische Sprache mit weltweit 1,5 bis 2 Milliarden Mutter- und Fremdsprachlern hat eine weit höhere Reichweite als das Deutsche, das 150 bis 200 Millionen Nutzer zählt.

In der Münchner Gastronomie wird der Gast zwar auf Deutsch angesprochen, aber kaum in der eigentlichen Landessprache, nämlich Bairisch. Auch hier ist die kommunikative Reichweite entscheidend: Das bairische Sprachgebiet mit Südtirol, Österreich (außer Vorarlberg), Ober- und Niederbayern sowie der Oberpfalz zählt nur 16 Millionen Einwohner, und wie viele darunter Bairischsprecher sind, lässt sich auch nicht annähernd sagen.

Umfragen, ob jemand auch „Dialekt“ spricht, helfen nicht weiter, weil man in der Umgangssprache unter „Dialekt“ auch eine regionale Färbung der deutschen Aussprache versteht. In diesem Sinne spricht die Mehrheit der Deutschen „Dialekt“; wissenschaftlich gesehen handelt es sich aber um regionales Standarddeutsch (Hochdeutsch). Richtiges Bairisch ist mehr als ein hörbarer bairischer Akzent, zum Beispiel folgender Vierzeiler des Oberpfälzers Eugen Oker (1919-2006) mit dem hochdeutschen Titel „Heimat“:

wensd niad fuaddgäisd

halzdas

dahoim

niad lang as

Auch ein geübter Bairischsprecher wird diese Zeilen langsam lesen – einfach deshalb, weil Bairisch normalerweise nicht geschrieben wird und deshalb die Leseroutine fehlt. Bairisch ist keine Schriftsprache, sondern kommt fast nur mündlich vor. Man kann es zwar schreiben, aber es gibt keine Standardform: Oker verschriftet eine nordbairische Aussprache (wensd, dahoim, niad usw.), nicht die mittelbairische (wansd, dahoam, need).

Schriftsprachen hingegen sind standardisiert, nicht nur in der Schreibung, sondern auch in Aussprache, Grammatik und Wortschatz. Kommunikativ ist eine solche Standardisierung ein enormer Vorteil: Man wird innerhalb des Sprachgebietes überall und schnell verstanden. Das erklärt, warum in der modernen Lebenswelt die Standardsprache Deutsch die mündlichen Dialekte zurückgedrängt und verändert hat.

Der Rückgang des Bairischen ist offensichtlich: Es wird an weniger Orten von weniger Personen bei weniger Gelegenheiten verwendet. München und sein Umland entwickeln sich zu einer bairischfreien Zone. Für Tutzing am Starnberger See bemerkt ein Einheimischer: „In den einundzwanzig Häusern der Straße, in der ich wohne, gibt es noch acht Familien […], in denen wenigstens eine Person Bairisch spricht. Diese gehört aber zum großen Teil der älteren Generation an.“ In Miesbach oder Plattling ist Bairisch zwar noch fester verankert, aber wie lange noch?

Die Konkurrenz von Standardsprache und Dialekt führt nicht nur zu einem Rückgang des Bairischen, sondern auch zu seiner Veränderung, genauer: Verhochdeutschung. Die früheren Unterschiede der Ortsmundarten schleifen sich ab, es bildet sich ein großräumiges Bairisch heraus mit geringerer Distanz zum Hochdeutschen.

Der Dialekt übernimmt viele Wörter und ihre Aussprache direkt aus der Standardsprache, zum Beispiel Düsenjäger, der altbairisch Disnjaga lauten müsste.

Sprache ist ein Kommunikationswerkzeug, etwa 6000 Einzelsprachen gibt es, die unter ihren Sprechern ein Identitätsbewusstsein ausbilden. Gemeinsame Sprache schafft Nähe und Vertrauen: Ein Kundenberater der Deutschen Bank – deren Firmensprache ja inzwischen Englisch ist – wird mit einem niederbayerischen Mittelständler kaum auf Englisch ins Geschäft kommen, sondern eher auf Deutsch und hier am besten mit bairischem Einschlag.

Häufigstes Kriterium für die Verwendung von Sprachen ist jedoch die kommunikative Reichweite. Hier steht Englisch vor allen anderen. In Deutschland lernen fast 90 % der Schüler Englisch, 18% Französisch und 8% (in Bayern 11%) Latein. Aber weshalb Latein? Der kommunikative Nutzen kann es nicht sein; denn Latein gilt als „tote Sprache“, weil sie keine Muttersprachler mehr hat. Trotzdem lebt Latein im Bildungswesen weiter. Im Mittelalter war es die europäische Bildungssprache schlechthin. Seit dem 15. Jahrhundert übernehmen zwar allmählich die Volkssprachen die kommunikativen Funktionen des Lateins, aber im höheren Schulwesen blieb es das A und O, auch weil es die Sprache des sozialen Aufstiegs war. Die Bildungskarriere eines Buben aus einfachen Verhältnissen begann in Altbayern bis in die 1950er-Jahre als Ministrant: Seine Begabung, die liturgischen lateinischen Texte im Gedächtnis zu behalten, fiel dem Pfarrer auf, der ihn dann für das Gymnasium oder ein kirchliches Seminar empfahl. Auch Franz Josef Strauß ging diesen Weg. Als Politiker hat er dann in seinen Reden gerne klassische Zitate verwendet und dies so begründet: „Ein Politiker, der ein guter Redner sein will, wird immer einiges sagen, was die Leute nicht verstehen. So kommt es, dass […] ich bei Massenveranstaltungen und anderen volkstümlichen Anlässen ausführlich griechische oder lateinische Zitate in meine Rede einflechte – nicht mühsam vorbereitet, sondern spontan.“ Heute würde Strauß seine Reden zumindest in Süddeutschland auch mit bairischen Zitaten würzen: Ob die Zuhörer Latein nicht verstehen oder Dialekt, macht ja grundsätzlich keinen Unterschied.

Einige bairische Redensarten sind auch als „geflügelte Worte“ Nichtbayern vertraut: Mia san mia, Basst scho! oder Ozapft is, dessen rituelle Wirkung vergleichbar ist einem lateinischen apertum est dolium („geöffnet ist das Fass“). Allerdings ist der Dialekt rhetorisch flexibler einsetzbar als Latein: Man kann ihn so dosieren, dass ein Deutschsprecher noch ungefähr versteht, was gesagt wird.

Wirkt Dialekt bei ernsten Themen wie der großen Politik nicht komisch? Früher ja; denn Dialekt galt als eine degradierte Form der Standardsprache und entsprechend wurden die Fähigkeiten seiner Sprecher bewertet. Das Oben und Unten der Gesellschaft spiegelte sich in der Sprache: Oben sprach man Standard, unten Dialekt. Heute ist die Sprachsituation tendenziell umgekehrt. Es gibt keine Nur-Dialektsprecher mehr, alle können die Standardsprache. Einige aber auch einen Dialekt. Der Dialekt ist somit ein sprachlicher Pluspunkt, der den Sprecher auszeichnet und Prestige gibt – wie einst Latein. Diese „Distinktion“ des Dialektsprechers wird in der Öffentlichkeit erst wenig wahrgenommen, weil hier noch die alte Bewertung des Dialekts als „mangelndes Hochdeutsch“ und „hinterwäldlerisch“ vorherrscht. Die Werbung ist da schon weiter: Ein T-Shirt mit der Aufschrift MINGA beeindruckt mehr als MÜNCHEN oder MUNICH.

Die untergeordnete Rolle des Dialekts muss nicht sein: Bei der diesjährigen Verleihung der „Bairischen Sprachwurzel“ an die Kabarettistin Martina Schwarzmann hielt der Präsident der Technischen Universität München, Wolfgang A. Herrmann, die Laudatio auf Bairisch. Die Dankesworte an Herrmann sprach eine Studentin auf Englisch – durchaus passend, weil die TU bis 2020 alle Masterstudiengänge von Deutsch auf Englisch umstellt. Das Beispiel zeigt: Die Weltsprache Englisch gefährdet nicht die Lokalsprache Bairisch, sondern die Nationalsprache Deutsch.

Vom mehrsprachigen Kaiser Karl V. (1519-1556), der auch König von Spanien war, wird der Ausspruch überliefert: „Ein Mensch mit zwei Sprachen zählt doppelt“. Gemeint ist damit der soziale Mehrwert, den Zweisprachige haben, und der gilt auch für Dialekt- und Standarddeutschsprecher. Aber wie soll ein Kind in einer nichtdialektalen Umgebung diese Zweisprachigkeit erwerben oder behalten? Das geht nur über Erziehung, und für den Dialekt als mündlicher Sprachform bietet sich in erster Linie der vorschulische Bereich an, also Bairisch im Kindergarten. Entsprechende Modellversuche haben sich bewährt, es gibt allerdings ein Problem: In Starnberg musste schon vor einigen Jahren ein Kindergarten dieses Angebot einstellen – nicht wegen mangelnden Interesses der Eltern, sondern aus Mangel an bairischsprachigen Kindergärtnerinnen.

Übrigens: Auch Hackern fehlt Fachpersonal mit Bairischkompetenz – Passwörter auf Bairisch sind deshalb kaum zu knacken.

Unser Autor

Helmut Berschin ist emeritierter Professor für Romanistik. Er lebt in Tutzing und Regensburg.

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