ausbruch aus nationalparkzentrum

Sabotage: Wölfe entlaufen aus Gehege

von Redaktion

von simon nutzinger

Ludwigsthal – Das Nationalparkzentrum Falkenstein im Bayerischen Wald ist ein Eldorado für Tierliebhaber. Luchs, Wolf, Wildpferd und Auerochs lassen sich hier in Ruhe bestaunen – eingezäunt, versteht sich. Doch jetzt ist das Zentrum Sperrgebiet. Denn: In der Nacht von Donnerstag auf Freitag stand ein Gatter am Wolfsgehege offen. Sechs der neun sich im Gehege befindenden Wölfe nutzten die Gelegenheit und brachen aus. Fünf befinden sich noch in freier Wildbahn.

Während der sechste Wolf bereits gestern Mittag tot an einer nahe gelegenen Bahnstrecke in Ludwigsthal gefunden wurde – ein Zug der „Waldbahn“ hatte ihn offenbar erwischt –, ist die Suche nach den fünf verbliebenen Ausbrechern in vollem Gange. Die Nationalparkverwaltung hat gemeinsam mit Polizei, der Regierung von Niederbayern, dem Landratsamt Regen und dem Bayerischen Umweltministerium einen Krisenstab ins Leben gerufen. Vom Besucherzentrum „Haus der Wildnis“ aus koordinieren sie die Maßnahmen. „Wir setzen mit höchstem Personaleinsatz alles daran, die Tiere wieder einzufangen“, sagt Nationalparkleiter Franz Leibl.

Schaffen wollen Leibl und Co. das mit einer Futterschleppe. Heißt: Sie legten eine Spur aus Rindfleisch, die die Wölfe zurück in ihr Gehege locken soll. Misslingt der Plan, kommen womöglich Narkosegewehre zum Einsatz, erklärt Leibl. Scheitert auch das, ist ein Abschuss der Tiere mit scharfen Waffen „das letzte Mittel“.

Wieso das Gatter am Wolfsgehege offen stand und die Tiere ausbrechen konnten, ist nicht gänzlich geklärt. Laut Gregor Wolf, Pressesprecher der Nationalparkverwaltung, wurde das schwere Tor vermutlich mutwillig geöffnet. „Es ist nahezu ausgeschlossen, dass es von alleine aufgegangen ist“, sagt er. Ein Vorhängeschloss sowie zwei große Riegel waren geöffnet worden.

Über allem steht natürlich die eine Frage: Wie gefährlich sind die Wölfe für den Menschen? Um dies zu beantworten, muss man laut Wolfsexperte Claus Obermeier eines bedenken: „Es handelt sich um Tiere, die ihr Leben lang unter Zoo-Bedingungen gehalten wurden. Sie zeigen keinerlei Wildtierverhalten“, sagt der Vorstandschef der Gregor-Louisoder-Umweltstiftung. Zu jagen, hätten sie nie gelernt. Allerdings seien sie den Kontakt zu Menschen gewöhnt und verknüpfen das mit der Fütterung im Gehege. „Es kann also durchaus sein, dass sie den Kontakt zu Menschen nicht prinzipiell scheuen werden.“

Eine Einschätzung, die Andreas von Lindeiner bestätigt. Er ist Wolfsexperte beim Landesbund für Vogelschutz und kennt die fünf gesuchten Tiere. Mehrere Male schon war er in ihrem Gehege. „Sie haben eine klare Sozialstruktur und werden zusammenbleiben“, betont er. Ein großer Vorteil für den 35 Mann starken Suchtrupp. Gegen Nachmittag konnten sie die fünf Wölfe bereits zum ersten Mal sichten.

Dass die erwachsenen Wölfe, die in etwa so groß sind wie ein Schäferhund, eine Gefahr für die Bevölkerung darstellen, vermutet er nicht. Auch wenn er einräumt: „Zu behaupten, ein Beutegreifer, der in der Lage ist, einen Hirsch zu erlegen, ist für den Mensch gänzlich ungefährlich, wäre unverantwortlich.“

Damit es aber gar nicht erst zu einem Aufeinandertreffen von Mensch und Wolf kommt, appelliert von Lindeiner an die Vernunft der Bürger. „Ich hoffe, niemand kommt auf die Idee, die Wölfe zu füttern oder versucht, ein Foto von ihnen zu machen.“ Zurückhaltung sei gefragt. Auch im Sinne der Tiere. Von Lindeiner erinnert an Menschen, die Braunbär Bruno, der 2006 durch Bayern streifte, mit Fressalien in die Dörfer und zu den Hühnerställen lockten. Brunos Schicksal ist bekannt.

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