Lindberg – Nein, Angst haben müsse keiner. Trotzdem findet Wolfsexperte Ulrich Wotschikowsky die Entscheidung des Nationalparks Bayerischer Wald richtig, auf die sechs entkommenen Wölfe mit scharfer Munition zu schießen. „Diese Tiere sind im Gehege aufgewachsen, das heißt, sie sind Menschen stärker gewöhnt als wilde Rudel es sind – deshalb sind sie oft durchaus selbstbewusster, trauen sich weiter vor“, erklärt er.
Wie berichtet, waren die sechs Tiere in der Nacht zum Freitag aus ihrem Gehege bei Lindberg (Kreis Regen) entkommen, weil ein Tor offen stand. Ob es mutwillig geöffnet wurde, ist nach wie vor ungeklärt. Ein Wolf war kurz nach dem Ausbruch von einer Regionalbahn erfasst und getötet worden. Nach den anderen suchten die über 30 Mitarbeiter des Nationalparks in kleinen Teams das ganze Wochenende über – doch alle Versuche, die Tiere einzufangen, scheiterten. So entschied man sich, die Tiere, die nicht gefangen werden konnten, zu erschießen. „Wir werden hier zum Schutz der Menschen kein Risiko eingehen“, sagte Parkleiter Franz Leibl gestern. Ein Tier wurde gestern bereits aufgespürt und getötet.
Am Samstag soll ein Wolf Spaziergänger angeknurrt haben. Bei dem Aufeinandertreffen sei aber nichts weiter passiert. Angeknurrt? Ulrich Wotschikowsky bezweifelt das. „Man interpretiert das Verhalten von Wölfen immer gleich als aggressiv, weil man das von den Tieren erwartet. Klar kann es sein, dass sie geknurrt haben, das glaube ich aber eher nicht. Diese Beschreibung drückt eher die übertriebene Angst, die vor Wölfen vorherrscht, aus.“
Was also tun, wenn man einem der Tiere plötzlich über den Weg läuft? „Ich würde energisch auftreten, man kann in die Hände klatschen oder Steine schmeißen.“ Also nicht weglaufen wie es damals der kleine Roman Frisch aus Angst vor einem ausgebüchsten Wolf getan hat (s. Bericht unten). „Und unter gar keinen Umständen darf man den Tieren etwas zu Essen hinschmeißen“, betont der Experte. „Die Tiere dürfen mit Menschen keine angenehmen Erfahrungen machen – sonst kommen sie immer näher heran.“ Hundebesitzern rät er, in der Gegend, in der die Wölfe vermutet werden, nicht Gassi zu gehen. Und wenn überhaupt nur mit Leine. „Der Wolf könnte Interesse haben, weil er den Hund als einen Artgenossen erkennt. Das kann zu Aggressionen führen.“
Ein Wolf soll bereits in Tschechien gesichtet worden sein. „Der wird dort jetzt ein schwieriges Leben haben“, prophezeit Wotschikowsky. Denn auf tschechischer Seite lebt ein wildes Rudel – das den Fremden attackieren könnte. „Vielleicht kommt er davon oder er stirbt bei der Attacke.“ Der arme Wolf? „Nein. Das ist die Natur! Und uns wäre es so ganz recht: Wir wollen eigentlich keine Wölfe in der Wildnis. Wenn uns das wilde Rudel diese Arbeit abnimmt, wäre das umso besser.“ Katja Kraft