München – Den großen Wurf für das bayerische Bildungssystem, eine Komplettreform des Lehramtsstudiums für alle Schularten, fordert der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV). Die Lehrerbildung im Freistaat habe es fast gänzlich versäumt, auf die veränderten Anforderungen an die Schulen zu reagieren – das kritisierte Verbandspräsidentin Simone Fleischmann: „Es muss jetzt was passieren.“ Die Bildungsqualität in Bayern sei in Gefahr, die Unterrichtsversorgung langfristig nicht gesichert.
Was an der Uni künftig anders laufen soll, zeigt der Verband anhand eines Sechs-Punkte-Programms, das er gestern vorstellte. Prominentester Reformvorschlag: Alle bayerischen Lehramtsaspiranten sollen ihr Grundstudium künftig gemeinsam absolvieren – ganz gleich ob für Grund-, Realschule, Gymnasium, Förder- oder Berufsschule. Stattdessen soll eine erste Spezialisierung anhand der Einschreibung für zwei Unterrichtsfächer erfolgen. Erst, sobald sie sich auf ihren „Master of Education“ vorbereiten, legen sich die Studenten endgültig auf eine Schulform fest. Bis zum Bachelorabschluss unterscheidet das Modell nur zwischen Primar- und Sekundarstufe.
Die Einführung des Bachelor-Master-Systems und die damit verbundene Abkehr vom Staatsexamen ist die zweite Hauptforderung des BLLV. So sollen Lehramtsstudenten einen international vergleichbaren Abschluss erhalten. Außerdem sollen so ein Richtungswechsel während des Lehramtsstudiums und ein Umschwenken auf einen anderen Abschluss leichter werden. Bislang stünden Lehramtsstudenten, die am Staatsexamen scheiterten, ohne Abschluss da. „Wir müssen weg von der Einbahnstraße Lehramt“, so Fleischmann. Ein Masterabschluss stehe zudem für Qualität: „Der Lehrer muss Meister auf seinem Gebiet sein“, so die Präsidentin. „Wir brauchen die Besten.“
Ob sie für den Lehrerberuf geeignet sind, sollen Studenten nach dem Willen des BLLV in mehr Unterrichtspraktika als bisher herausfinden. Diese und das theoretische Studium sollten durch die Universität kontinuierlich betreut sein – nach dem Modell der „Lernentwicklungsgespräche“, wie sie an Grundschulen praktiziert werden. Mehr Praxisbezug, mehr Rückmeldung also. Denn bislang seien Lehramtsstudenten mangels Erfahrung oft nicht darauf vorbereitet, mit Beginn des Referendariats eigenständig mehrere Stunden die Woche zu unterrichten, das kritisierte Klaus Wild, Fachbereichsleiter für Hochschulen beim BLLV.
Bei anderen Lehrerverbänden sowie beim Kultusministerium erntete der BLLV-Vorstoß Kritik. „Völliges Unverständnis“ äußert der Bayerische Philologenverband (bpv), die Organisation der Gymnasiallehrer. Mit Verweis auf das Abschneiden des Freistaats in diversen Bildungsstudien verteidigt der bpv das nach Schularten gegliederte Studium. Auch der bayerische Realschullehrerverband (brlv) sieht in dem Lehrerbildungsmodell des BLLV „vielfältige Mängel“. Bei dem Prinzip „für alle das Gleiche“ würden die Profile der einzelnen Schularten leiden, es fehle dem BLLV an Kenntnis über die Rolle der Realschule.
Das Kultusministerium sieht in der Abwendung vom Staatsexamen „keinen Vorteil“, befürchtet dagegen bei dem Stufenmodell eine „verstärkte Verschulung“ des Studiums. Man nehme den Vorschlag zur Kenntnis und interpretiere ihn als Anregung, die bestehenden Möglichkeiten, während des Studiums die Schulart zu wechseln, „weiter in den Blick zu nehmen“. ja