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„Der Spindler“ ist Geschichte

von Redaktion

Eine Sisyphusarbeit: Ein Handbuch zu den Ursprüngen Bayerns

„Der Spindler“ – das ist ein feststehender Begriff unter Bayern-Historikern. Gemeint ist das Handbuch der bayerischen Geschichte. Ein Pfund in der Geschichtsschreibung. Fünf Bände, geschrieben 1967 bis 1975, benannt nach seinem Initiator, dem Historiker und langjährigen Direktor des Instituts für bayerische Geschichte in München, Max Spindler (1894–1986). Es ist eine historische Meistererzählung, die Bayern vom Beginn bis zur (damaligen) Gegenwart erklärte.

Aber Geschichtserkenntnis schreitet stetig voran, und so kommt es, dass nach einer grundlegenden Neuauflage in den Jahren 1981 bis 2007 das Unternehmen nun zum dritten Mal von vorne begonnen wurde. Soeben ist der erste Band eines neuen Handbuchs der bayerischen Geschichte erschienen: „Das Alte Bayern“. Der über 700 Seiten starke Band, herausgegeben von Alois Schmid, stellt Bayern von den Anfängen in der Steinzeit bis zum 12. Jahrhundert vollkommen neu dar. In gewisser Weise ist es eine Sisyphusarbeit – kaum ist Bayerns Geschichte fertig erzählt, rollt die Historie wie ein Fels wieder runter und das ganze Unternehmen beginnt von vorne.

Unter Experten herrscht kein Zweifel, dass der nunmehr dritte „Spindler“ Sinn macht. „Gerade die Anfänge Bayerns sind uns in den vergangenen Jahren regelrecht entgegengesprungen aus der Baggerschaufel“, sagt Ferdinand Kramer, als Münchner Institutsleiter einer der Nachfolger Spindlers. Die zahlreichen jüngeren Ausgrabungen zur Römerzeit und dem Frühmittelalter eröffnen für die Geschichtsschreibung ein neues Kapitel.

Beim Blättern durch den Band wird rasch deutlich, was Kramer meint. Die Anfänge Bayerns werden, fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit, gerade neu vermessen, das Kapitel dazu im neuen Handbuch ist sinnigerweise mit „Die Herkunft der Bayern: Mythen und Theorien“ überschrieben. Während die Ursprünge der Bayern oder Baiuvaren im 6. Jahrhundert früher mal auf die Einwanderung eines bestimmten Stammes, etwa der Kelten, zurückgeführt wurden, stellt sich die Sachlage heute anders dar. Ausgrabungen von Reihengräberfriedhöfen, unter anderem in Altenerding-Klettham, Barbing bei Regensburg oder Aubing bei München, brachten stets dasselbe Ergebnis: „Diese Friedhöfe wurden kontinuierlich vom 5. bis zum 7. Jahrhundert benutzt, ohne dass sich in diesem Zeitraum ein Einschnitt erkennen ließe, der auf die Zuwanderung einer gänzlich neuen Bevölkerung hindeuten würde“, schreibt der Autor Roman Deutinger. Der Münchner Historiker macht sich fast ein wenig lustig darüber, auf welche Volksstämme die Bayern alles schon zurückgeführt wurden: Quaden, Juthungen, Alemannen, Thüringer und sogar auf die Ostgoten.

Nichts davon ist wohl wahr. Stattdessen ist davon auszugehen, dass zwischen Alpen und Donau auch nach dem Abzug der römischen Garnisonen im 5. Jahrhundert eine ursprünglich römische Bevölkerung zurückblieb, die hier siedelte. Deutinger nennt sie „bayerische Romanen“, die im Umkreis ehemaliger Kastelle siedelten. Dazu kam nun eine Ansiedlung germanischer Stämme, die sich zum Teil romanisierten, zum Teil aber auch eigenständig entwickelten. Unter diesen Neu-Besiedlern waren auch die Agilolfinger, deren Herrscher Garibald (Tod nach 590) unbestritten als erster Bayern-Herzog gilt.

Das ist nur eine Erkenntnis aus dem neuen Handbuch. Es unterscheidet sich von den Vergängern auch durch eine zu Recht deutlich gekürzte Literaturliste – wer Spezialliteratur sucht, wird kaum zum Handbuch greifen, sondern einfach googeln. Hauptaufgabe des Handbuchs müsse „die möglichst problemlose Orientierung im uferlosen Meer der Einzelheiten einer Wissenschaftsdisziplin sein“, schreibt Alois Schmid im Vorwort. Manchmal mag die Lektüre etwas trocken sein, aber auch das rechtfertigt Schmid: „Die literarisch ambitionierte Darstellung hat hinter dem verlässlichen Informationsauftrag zurückzutreten.“

„Das Alte Bayern“ soll kein Solitär bleiben. Als nächste Bände werden Bayern im Hochmittelalter (herausgegeben von Dieter Weiß) und in der Frühneuzeit (Ferdinand Kramer) in Angriff genommen werden. Es gibt derzeit erste Gespräche über die Autoren der einzelnen Kapitel. Bis die Bände auf den Markt kommen, werden noch Jahre vergehen.

Einer der Autoren im zweiten „Spindler“ ist Karl-Ulrich Gelberg, der damals Bayern in der Nachkriegszeit beschrieb. Er sagt selbst, sein Beitrag (der damals bis zur Ära Stoiber reichte) sei teilweise schon wieder überholt. So gibt es zu den in den 1970er-Jahren gegründeten Hochschulen zahlreiche Festschriften und Aufsätze, die nun tiefere Einblicke erlauben. Wann Bayerns jüngste Geschichte für das Handbuch neu vermessen wird, ist noch nicht absehbar. Sicher ist, dass dann auch ein Ministerpräsident Horst Seehofer Geschichte sein wird.

Eines fehlt allerdings bei der jetzigen dritten Auflage: der Name Spindler prominent auf dem Buchrücken, wie es bei der ersten Neuauflage noch gute Tradition war. dirk walter

Das Alte Bayern

Von der Vorgeschichte bis zum Hochmittelalter, hrsg. von Alois Schmid. C.H. Beck Verlag, 768 S., 49,95 Euro

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