Die Jubiläums-Ausgabe von „Das Gedicht“ – eine Kurzkritik

von Redaktion

Was müsste in einem zeitgenössischen Glaubensbekenntnis vorkommen? Natürlich der Urknall und die „kosmische Hintergrundstrahlung“, von denen uns die Physiker immer erzählen und die wir ihnen unbesehen glauben. Weil wir ihr Formel-Hokuspokus sowieso nicht nachprüfen können. Als nächste Zutat kommt etwas Philosophie hinein, Immanuel Kant etwa mit seiner Ehrfurcht vor dem „ewigen Gesetz in mir“. Und als Grundwürze braucht man eben ein paar Überreste traditioneller Religion: den Glauben an einen „unwahrscheinlichen Vater“ und an die Worte „seines so genannten Sohnes Jesus von Nazareth,/verdreht und vermarktet von der Kirche Roms“. „Ketzerisches Credo“ heißt dieses Gedicht von Judith-Katja Raab, in dem sehr ehrlich jenes vage Gemisch beschrieben ist, das die Weltsicht vieler gläubiger wie ungläubiger Menschen von heute ausmacht. Der Text findet sich in der jüngsten Ausgabe der Jahresschrift „Das Gedicht“, die sich zur Feier ihres 25-jährigen Bestehens dem Thema Religion widmet. Neben einigen poetischen Beschwörungen mystischer Entgrenzung dominieren in dem Heft naturgemäß Texte, die, teils in schmerzlichem Ringen, die Gottesferne der Gegenwart behandeln.

Weil es aber ganz untypisch für diese Zeitschrift wäre, wenn sie nur feierlich und existenziell-vergrübelt daherkäme, gibt es in der Jubiläums-Ausgabe auch etliche witzige Gedichte, die beweisen, dass man den schweren Brocken Religion wohltuend leichtfüßig angehen kann. Gott sei Dank, möchte man da ausrufen, etwa wenn Anna Breitenbach an „Früher“ erinnert, „als man Gott/noch anrufen/konnte, einfach“. Anton G. Leitner, José F. A. Oliver (Hrsg): „Das Gedicht“, Heft 25, A.G. Leitner Verlag, Weßling 2017, 224 Seiten, 14 Euro. Alexander Altmann

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