Auszeichnung „Gerechte unter den Völkern“ verliehen

Mut zur Menschlichkeit

von Redaktion

Von Katrin Woitsch

München – Kreszentia Hummel hat die Verachtung ausgehalten. Auch das Getuschel hinter ihrem Rücken hat sie still ertragen. 1942, als vielen Menschen der Mut für Menschlichkeit fehlte, gab sie sich als Mutter einer unehelichen Tochter aus, um ein zehn Jahre altes jüdisches Mädchen vor dem Tod im Konzentrationslager zu bewahren. Für eine Bauerstochter in einem kleinen fränkischen Dorf alles andere als eine leichte Aufgabe. Und zu Zeiten des Nationalsozialismus lebensgefährlich – für sie und ihre Familie. Zenzi Hummel hat es trotzdem ohne Zögern getan, als der Vater des Mädchens, bei dessen Verwandten sie einst als Haushälterin gearbeitet hatte, sie um Hilfe bat. Nur der Dorfpfarrer war eingeweiht. Über ihr Geheimnis hat sie bis zur Kapitulation Hitler-Deutschlands nie gesprochen. Es sei eine GottesPrüfung gewesen, sagte sie später. Mit ihrem Mut hat Zenzi Hummel einem jüdischen Mädchen wahrscheinlich das Leben gerettet.

Dieses Mädchen ist inzwischen 84 Jahre alt. Seit 1945 ist sie nicht mehr Lotte Hummel, sondern trägt wieder ihren richtigen Namen: Charlotte Knobloch, geborene Neuland. Gestern stand sie nicht nur als Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern vor den Angehörigen Zenzi Hummels. Gestern war sie auch die Zeitzeugin, die wohl am besten beschreiben kann, was für eine Frau Kreszentia Hummel war. Wie sehr sie die Erinnerung an ihre Lebensretterin bewegt, ist sichtbar. Mit zitternder Stimme sagt sie: „Ich verneige mich vor ihr in tiefer Dankbarkeit. Es waren Menschen wie Zenzi Hummel, die mich immer an das Gute im Menschen haben glauben lassen.“

Für ihre Zivilcourage, für ihr Gewissen in einer Zeit der Unmenschlichkeit und für ihre Stärke bekam Zenzi Hummel gestern posthum eine besondere Auszeichnung verliehen. Sie wurde von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt – die höchste Auszeichnung, die der Staat Israel seit 1954 an Nichtjuden vergibt. Diese Würdigung ging bisher weltweit an 26 513 Menschen. Die meisten von ihnen sind stille Helden, deren Namen kaum bekannt sind. Sie alle haben während des Dritten Reichs aus selbstlosen Motiven Juden vor dem Holocaust gerettet. Für sie werden in Yad Vashem Ehrentafeln angebracht und Bäume gepflanzt. Die meisten Auszeichnungen gingen an Polen und Niederländer. Nur 601 Deutsche wurden bisher mit der Würdigung bedacht – unter ihnen nur etwa zwei Dutzend Bayern.

Seit gestern sind es drei Bayern mehr. Neben Zenzi Hummel wurde die Auszeichnung auch an Alois und Maria Elsner verliehen. Alois Elsner war ein Kaminkehrer aus Landsberg. In seinem Kehrbezirk lagen auch die Fabriken der Kauferinger Arbeitslager. Über viele Monate schmuggelte er mithilfe seiner Frau Essen, Medikamente und warme Kleidung für die Gefangenen in das Lager. Nach dem Krieg erhielt das Paar zahlreiche Dankesbriefe von Überlebenden. Sie zeugen davon, wie oft die beiden damals ihr Leben riskierten.

Alois Elsner ist 1971 gestorben. Für ihre selbstlosen Taten haben er und seine Frau nie eine Würdigung erhalten. Auch Zenzi Hummel ist für ihren Mut zu Lebzeiten nie ausgezeichnet worden. Sie wollte es nicht. Jahrzehnte, nachdem Charlotte Knobloch zu ihrem Vater nach München zurückgekehrt war, hatte sie ihre Lebensretterin für den Verdienstorden vorgeschlagen. Zenzi Hummel lehnte damals ab. Dass ihre Brüder aus dem Krieg heimgekehrt waren, empfand sie damals als Gottes Lohn für ihre Tat. „Ich weiß, dass ihr diese Auszeichnung heute auch nicht recht wäre“, sagt Knobloch. „Sie hätte sie nicht gebraucht. Aber die Welt braucht sie. Denn wir müssen beizeiten daran erinnert werden, wie zerbrechlich unsere Freiheit ist.“

Hummels Neffe Johann Graf und ihre Nichte Teresa Webel nahmen die Auszeichnung vom israelischen Botschafter Jeremy Issacharoff entgegen. Für Alois und Maria Elsner bedankte sich ihr Sohn Alois. Auch er war tief bewegt, als er ans Mikrofon trat. Mit brüchiger Stimme sagte er: „Ich bin stolz darauf, ein Kind solch mutiger Menschen zu sein.“

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