Anton G. Leitner, 56, hat sein Leben der Poesie verschrieben. Das klingt romantisch, nach einem Leben abseits unserer hektischen Welt. Gut passt dazu, dass er in Weßling im Kreis Starnberg wohnt. In diesem Dorf mit Postkarten-idylle, in das es schon viele Künstler verschlug, einst verbrachte der Maler Auguste Renoir einen Sommer dort. Man stellt sich den Dichter vor, auf einer Bank sitzend, Stift und Block im Schoß. Ruhe liegt über dieser Szene.
Und dann kommt Anton G. Leitner auf einen zu, lockiges Haar, Jeans und legerer Blouson. Nur 1,70 Meter groß, aber energiegeladen. Er begrüßt überschwänglich, lädt mit vielen Worten in seinen Keller ein. Ein Computer, die Wände voller Bücherregale: Das ist der Ort seines Schaffens. Hier arbeitet er in der Regel jeden Tag zwölf Stunden, sieben Tage in der Woche, erzählt er. Seit 25 Jahren gehe das so. Leitner nennt es sein „gerettetes Vierteljahrhundert“.
Dieses Jahr im Februar feierte er Silberhochzeit mit seiner Frau Felizitas. Im Oktober 1992 erschien die erste Ausgabe seiner Jahresschrift „Das Gedicht“. Knapp neun Monate nach der Eheschließung. Jetzt wird sein Baby 25 Jahre alt. „Ich habe das auch meiner Frau zu verdanken“, sagt er. Schnell räumt er einen Stapel Bücher vom Tisch. Kartons stehen bereit, die Jubiläums-Ausgabe kommt bald aus dem Druck – Auflage wenige tausend – und geht an Buchhandel und Abonnenten. „Wir verpacken und verschicken alles selbst“, sagt Leitner. Er muss die Kosten im Blick behalten. Mit Lyrik wird man nicht reich, Lyrik muss man sich leisten können.
Es gab einen Deal, damals vor 25 Jahren. Seine Frau habe sich bereit erklärt, als Hausärztin für den Lebensunterhalt zu sorgen. „Als Dichter braucht man eine Frau, die das Geld verdient“, sagt Leitner und lacht. Wer in die Tiefen seines Lyrik-Betriebes eintreten möchte, muss die Arztpraxis durchschreiten. Der Beruf seiner Frau und seine Berufung, sie sind nicht nur räumlich eng miteinander verbunden.
Leitner spricht offen über sein Leben. Ihm sei es schlecht gegangen mit Anfang 30. Das Jurastudium in der Tasche, war er am Verkehrsgericht gelandet. „Im Zehn-Minuten-Takt Verkehrssünder anklagen, das war nicht meins“, sagt er. Die Juristerei, der Wunsch des Vaters, depressiv habe sie ihn gemacht. Ließ sie doch kaum Raum für seine Leidenschaft, die Poesie.
„Aber erkläre mal deinen Eltern, dass du Dichter werden möchtest, da freut sich keiner“, sagt der einzige Sohn eines Schuldirektors. Er suchte Fluchten aus dem Juristen-Dasein und gründete „Die Initiative junger Autoren“ mit. „Wir waren jung und merkten, dass man mit Poesie bei den Frauen landen kann“, sagt Leitner. Er erzählt, wie er damals in der ersten Vorlesung der hübschen Sitznachbarin ein Gedicht in die Mappe steckte. Daraus entwickelte sich eine Liebesgeschichte. Dass er einmal Erfolg bei den Frauen haben würde, habe er selbst nie geglaubt.
Als Kind schmächtig und mit einer körperlichen Behinderung geplagt, habe er in der Schule viele Hänseleien über sich ergehen lassen müssen. „Ich habe den Klassenclown gespielt.“ Als die Verweise ins Haus flatterten und der Vater sich um seinen Ruf als Schuldirektor sorgte, folgte die Zwangsversetzung ans humanistische Wittelsbacher-Gymnasium in München. „Da wehte ein anderer Wind“, sagt Leitner. Er eroberte einen Platz in der Klassengemeinschaft, die griechische und lateinische Sprache – und bald die Poesie. „Mit 15 fing ich an mit dem Gedichteschreiben.“
Auch seine Frau habe er der Literatur zu verdanken. Beim Seminar „Eros in der Gegenwartsliteratur – Traum oder Trauma“ lernte er sie kennen. „Ich war für Trauma zuständig“, fügt er grinsend hinzu. Er habe ihr gesagt: „Ich kann aufbrausend sein, aber mit mir wird es nie langweilig.“ Dieses Versprechen, sagt er, versuche er bis heute einzuhalten.
Leitner spricht schnell, springt von einem Thema zum nächsten. „Ich bin fast hyperaktiv“, sagt er. Gedichte seien seine Therapie, wirkten beruhigend auf ihn. Er springt auf, holt seine Sammlung „Schnablgwax. Bairisches Verskabarett“. Der Tonfall ändert sich, Leitner trägt seine „KZ-Rosl“ vor, meisterlich, mit ruhiger Stimme. Die Zeilen gehen unter die Haut.
Dann reißt der Strudel seiner Worte einen wieder mit. Vom handfesten Skandal erzählt er. Im Jahr 2000 ereignete er sich, als Leitner „Das Gedicht“ unter der Überschrift „Geile Gedichte – vom Minnesang zum Cybersex“ auf den Markt brachte.
Auf dem Titel eine geballte Faust, die unsittliche Gedanken weckt. Damit landete er einen Coup. Die „Bild“ widmete seiner Sammlung erotischer Gedichte eine Seite, die damals populäre RTL-Show „Sieben Tage, sieben Köpfe“ griff seinen mittleren Namen auf, den G-Punkt. Er musste nachdrucken. „Obwohl anfangs die Hefte reihenweise zurückgekommen sind“, erzählt er. Konservative Buchhandlungen wollten das zweideutige Titelbild nicht ausstellen. Er nehme nie Gehalt aus seinem Betrieb, sagt er. Doch das Heft damals habe so viel Gewinn abgeworfen, dass er sich einen Traum erfüllte: eine teure mechanische Armbanduhr. Dinge von Beständigkeit, sie begleiten Leitner, wie „Das Gedicht“. Es sei die einzige Zeitschrift für Poesie, die seit 25 Jahren kontinuierlich im gleichen Verlag erscheine, sagt er stolz. Wichtige deutsche Autoren wie Günter Grass haben schon Beiträge dafür geschrieben. 2001 erntete Leitner wieder bundesweite Aufmerksamkeit. Das Heft enthielt einen sensationellen Fund, ein Gedicht von Karol Wojtyla, dem späteren Papst Johannes Paul II.
Die Jubiläums-Ausgabe widmet Leitner wieder dem Thema „Religion im Gedicht“ (siehe Kasten). „145 Lyriker aus 17 Nationen fassen ihre Beziehung zum Göttlichen in Verse“, sagt Leitner. Religion als hochaktuelles Thema – Leitner kommt vom C in CSU zu Flüchtlingen. Erzählt von seiner Frau, die sich in der Flüchtlingshilfe engagiert, von der Demo für Menschenrechte, die im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten stattfindet.
Ein Dichter, der im stillen Kämmerlein sitzt, ist Leitner wahrlich nicht. Er setzt sich ein für eine bessere Welt im Großen oder eine Umgehungsstraße im Kleinen. Unermüdlich ist er unterwegs im Auftrag der Poesie. Er gehört zum Literatenkreis der „Münchner Turmschreiber“, hat den „Bayerischen Poetentaler“ und den „Tassilo-Kulturpreis“ verliehen bekommen und ist in der neuen Zeit angekommen. Er betreibt ein Online-Forum zu „Das Gedicht“ mit Blog, Dichterporträts und Podcasts. Still auf einer Bank am Weiher sitzend, kann man ihn sich schwer vorstellen. Aber irgendwo muss er sich die Inspiration holen. Vielleicht ist das sein Geheimnis: Die Poesie als Perpetuum mobile, die ihn antreibt und ihm gleichzeitig Ruhe schenkt.