Altabt Odilo Lechner gestorben

Er bleibt

von Redaktion

Von Claudia Möllers und Andrea Stinglwagner

München – Sein verschmitztes Lächeln und seine wachen, freundlichen Augen kann und wird man nicht vergessen. Ebenso wenig wie sein großes Herz für die Menschen, seinen hintergründigen Humor und seine geistige Freiheit. Odilo Lechner, langjähriger Abt der Benediktinerabtei St. Bonifaz in München, ist am Freitag an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben.

39 Jahre lang, von 1964 bis 2003, stand der gebürtige Münchner der Abtei im Herzen der bayerischen Landeshauptstadt vor, zu der auch das Kloster Andechs im Kreis Starnberg gehört. Es waren echte Aufbaujahre, die der damals gerade 33 Jahre junge Abt zu leisten hatte – Kloster und Basilika glichen einem Trümmerfeld. Viel Geld und Energie mussten in Steine investiert werden. Das Ordenskürzel der Benediktiner OSB (Ordo Sancti Benedicti) wurde damals mitunter scherzhaft mit „Oh sie bauen wieder“ übersetzt. Am „Heiligen Berg“ in Andechs wurde die Symbiose von Wallfahrt und Bräustüberl zur neuen Blüte gebracht – mit süffigem Bier, Likören und Schnupftabak.

Doch der Abt kümmerte sich nicht nur um den äußeren Aufbau, sondern richtete vor allem die klösterliche Gemeinschaft innerlich neu aus. Das Zentrum Sankt Bonifaz wurde zu einem bedeutenden geistlichen Versammlungsort mitten in der Großstadt. Und gleichzeitig zur wichtigsten Anlaufstelle für Menschen, die sonst durchs Raster fallen. Odilo Lechners Herz schlug für die Obdachlosen. Er ließ ein eigenes Gebäude bauen, in dem Obdachlose Essen und ärztliche Versorgung bekommen. „Diese Menschen brauchen vor allem am Morgen etwas Warmes“, hatte Abt Odilo die Initiative begründet. Und so trauert auch BISS, der Münchner Selbsthilfeverein für Obdachlose. „Ohne Altabt Odilo wären wir nicht das geworden, was wir jetzt nach 24 Jahren sind“, sagt Karin Lohr, Geschäftsführerin beim BISS-Magazin. Für jeden habe er ein offenes Ohr gehabt. „Er hatte vor dem Sterben wohl keine Angst, weil er wusste, wo es für ihn hingeht nach dem Tod. Dennoch trauern wir alle. Er war ein Teil Münchens, der nun immer fehlen wird.“

Fehlen wird er auch einer evangelischen „Nachbarin“: „Ich habe ihn wie einen geistlichen Vater geliebt.“ Susanne Breit-Keßler, evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern, trauert um einen echten Freund. Das Landeskirchenamt grenzt an die Abtei – wie ein Beweis für die enge konfessionelle Freundschaft. Die evangelische Theologin erinnert sich an ihre Amtseinführung 2001, bei der er fröhlich mitgefeiert habe. Mit Respekt und Ehrfurcht habe sie ihn mit „Vater Abt“ angesprochen. „Dann müssen Sie mir erlauben, Sie mit Mutter Bischöfin anzusprechen“, habe er in seiner liebenswert-verschmitzten Art geantwortet. „Damit war die Freundschaft geboren“, erzählt sie. Fromm, aber geistlich unabhängig sei er gewesen. Nie habe er um den heißen Brei herumgeredet – ob es um Frauen im geistlichen Amt, das gemeinsame Abendmahl, den Zölibat oder Homosexualität gegangen sei. Kirchliche Hierarchie sei ihm nie wichtig gewesen, „sondern ein echtes christliches, freundschaftliches Miteinander“. Ökumene im besten Sinne bis hin zu geistlichen Vier-Augen-Gesprächen. Als feinsinnigen Menschen, höchstgebildeten Priester und literarisch bestens bewanderten Philosophen hat sie ihn erlebt. „Mein Herz weint über den Verlust eines lieben Freundes.“

Noch vor einer Woche war Hans Günther Kaufmann, Fotograf und Bruder der Schauspiellegende Christine Kaufmann († 2017), bei Odilo Lechner. Beide haben mehrere Bücher zusammen herausgegeben. Das letzte, „Engel an meiner Seite“, ist erst vergangene Woche fertig geworden. „Wir wussten bereits, wie es um ihn steht. Es war bezeichnend: Ich ging hin in der Hoffnung, ihn trösten zu können – und ging selbst getröstet heim.“ Man frage sich immer, was bleibt, wenn man einen so wertvollen Menschen verliere. „Bei ihm bin ich mir sicher: Er bleibt.“

Dass sich sein Leben dem Ende zuneigt, wusste Altabt Odilo seit Längerem. Bereits Weihnachten 2016 schien es fraglich, ob er das neue Jahr noch erlebt. Gelassen zeigte er sich angesichts seiner Situation. Er war zierlich, fast durchscheinend geworden, aber klar und mit wachem Geist. Fernsehen schauen hatte er aufgegeben, selbst die geliebten Krimis gaben ihm nichts. „Der Gedanke an das Sterben lässt Wichtiges erkennen. Das Leben hängt nicht von Beifall und Erfolg ab. Auch nicht von Genuss, der einen faszinieren kann. Gott zu loben gibt mir Halt, Sinn und Freude“, zitierte ihn eine Boulevardzeitung.

Im März hielt Odilo Lechner noch das Requiem für die Schauspielerin Christine Kaufmann. „In Frieden geborgen ist sie jetzt…“, gab er ihr mit auf den letzten Weg. Jetzt hat er selbst die letzte Reise angetreten.

Abschied nehmen

von Altabt Odilo Lechner kann man kommende Woche am Dienstag (12 bis 18 Uhr) und Mittwoch (8 bis 18 Uhr) in der Basilika St. Bonifaz. Das Requiem hält Kardinal Reinhard Marx am Donnerstag, 9. November, um 14 Uhr in der Frauenkirche. Die Beisetzung in St. Bonifaz findet im Kreis der klösterlichen Gemeinschaft statt.

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