München – Mittagspause für Peter Eisenhofer. Der Landwirt aus Welshofen im Landkreis Dachau hat gerade seine letzten Zuckerrüben gerodet. Vielerorts liegen die Rübenberge derzeit auf den Feldern am Straßenrand. „Die Erträge sind gut“, sagt der 54-Jährige. Auch der Zuckergehalt hat sich in der Region im Norden Münchens zum Ende der Ernte von den vielen vorhergegangenen Regenfällen erholt. Eigentlich ist es ein gutes Jahr für Bayerns Zuckerrübenbauern – wäre da nicht der Wegfall der EU-Zuckerquote.
Seit dem 1. Oktober konkurrieren Landwirte und Zuckerfabriken mit dem Weltmarkt. Einen garantierten Mindestpreis gibt es nicht mehr. Das heißt, die Anbauer wissen nicht, wie viel Geld sie im kommenden Sommer für die nun geernteten Rüben bekommen werden, sagt Rudolf Apfelbeck, Geschäftsführer beim Verband bayerischer Zuckerrübenanbauer.
Noch bis Mitte November werden die Rüben aus den Äckern geholt. Apfelbeck geht von durchschnittlich 91 Tonnen je Hektar aus, sechs Tonnen mehr als in den Vorjahren. Die Wetterbedingungen seien in diesem Jahr gut gewesen. Die Zuckerrübe braucht viel Sonne für einen hohen Zuckergehalt, aber gerade nach dem Austreiben der Blätter auch viel Wasser. Die geernteten Rüben lagern in großen Haufen auf den Feldern und werden nach und nach in die Zuckerfabriken gefahren. Die Verarbeitung dort dauert bis Mitte Januar.
Dass der in der EU bisher streng reglementierte Zuckermarkt geöffnet wurde, sieht Apfelbeck kritisch. Es dürfe nun mehr produziert und zudem weltweit exportiert werden. Er fürchtet deshalb sinkende Preise. Ein Sprecher des Bayerischen Bauernverbandes geht von „massiven Einbußen“ aus. Lag der Preis für eine Tonne Zucker zuletzt bei 500 Euro, könnte er nun auf 300 Euro sinken. Im Gegenzug weiteten viele Landwirte ihre Anbauflächen aus und Zuckerfabriken kurbelten die Auslastung an.
Die Firma Südzucker hat in ihren drei bayerischen Werken im unterfränkischen Ochsenfurt, in Plattling bei Deggendorf sowie im schwäbischen Rain am Lech ihre Verarbeitungszeit von bisher 100 Tagen im Jahr auf mehr als 120 Tage erhöht, sagte ein Unternehmenssprecher in Mannheim. „Je länger wir die Fabrik nutzen, umso mehr sinken die Fixkosten. Und wir benötigen mehr Rüben.“ Von den künftig am Weltmarkt erzielten Zuckerpreisen leite sich der Ertrag für die Rübenanbauer ab. „Man weiß noch nicht, was dabei rumkommt.“
Die Nachfrage nach Zucker steigt weltweit, so der Sprecher. Das liege unter anderem am Bevölkerungswachstum. Der Zuckermarkt in Europa sei seit gut 30 Jahren gesättigt. Er geht davon aus, dass künftig mehr produziert werde als benötigt. „Wir haben ein System, das sich bewährt hat, aufgegeben“, sagte der Südzucker-Sprecher zum Fall der EU-Zuckerquote. Europa habe nun den am wenigsten regulierten Zuckermarkt weltweit.
Unter den Zuckerrübenanbauern herrsche Unsicherheit, sagte Apfelbeck. Sie könnten nur abwarten und hoffen, dass die Hersteller den Zucker am Markt gut verkaufen können. „Viele Kollegen haben Sorge, dass sie künftig nicht mehr kostendeckend arbeiten können“, sagt auch Peter Eisenhofer. „Der ein oder andere hat sich schon jetzt entschieden, in Zukunft etwas anderes anzubauen.“ Er sagt: „Für uns Rübenanbauer hat eine neue, eine unsichere Zeit begonnen.“