Landwirtschaft im Wandel

Mitgestalten statt Sündenböcke suchen

von Redaktion

von Dominik Göttler

München – Was den Strukturwandel angeht, kann man Alois Glück mittlerweile als Zeitzeugen bezeichnen. Als er im Jahr 1940 in einen landwirtschaftlichen Betrieb im Landkreis Traunstein hineingeboren wurde, ließen viele Bauern ihren Pflug noch von Pferden ziehen. Heute rollen die Maschinen zentimetergenau mit Satellitenhilfe über die Felder. Glück erlebte die Technisierung auf den Höfen hautnah. Und das nicht nur bei der täglichen Arbeit, sondern auch in den lebhaften Diskussionen in der katholischen Landjugend über die Zukunft einer Branche im Wandel. Glück ist mittlerweile 77 Jahre alt, er hat in seiner Zeit im Landtag sechs Ministerpräsidenten kommen und gehen sehen. Doch die Diskussion darüber, wie die Landwirtschaft der Zukunft aussehen soll, ist geblieben.

Gestern kam Glück in das bayerische Landwirtschaftsministerium, um mit Minister Helmut Brunner (CSU), Bauernverbands-Vize Günther Felßner und Vertretern der Jugendverbände über den bayerischen Weg in der Agrarpolitik zu diskutieren. Und er brachte einen eindringlichen Appell mit: Sucht keine Sündenböcke, sondern bestimmt den Wandel selbst mit – das war seine Botschaft an den Nachwuchs der Branche, aber auch an die Politik.

Brunner nutzte die Gelegenheit, um seinen Zukunftsentwurf für den bayerischen Weg in der Agrarpolitik zu zeichnen. Er setze auf Vielfalt und Qualität statt auf die Maxime „Wachsen oder Weichen“. „Wenn wir unsere führende Rolle als Agrarstandort weiter ausbauen wollen, müssen wir dauerhaft besser und erfolgreicher sein als andere“, sagte der Minister. Dabei müsse der Mensch im Mittelpunkt stehen und nicht die Hektarzahl. Nur mit einer umweltbewussten Landbewirtschaftung lasse sich dieser Weg fortgehen – und das bedeute auch „Dienstleistungen“ für die Gesellschaft zu erbringen, sagte er mit Blick auf die Diskussion um den Naturschutz in der Landwirtschaft. Dabei dürfe der Staat seine Landwirte aber nicht alleine lassen.

Auch Günther Felßner lobte den bayerischen Weg. Er sorge für Vielfalt und Stabilität. Der Bauernverbandsvize forderte aber auch, dass die primäre Aufgabe sei, den bäuerlichen Familienbetrieben im Freistaat eine Existenz zu sichern. Dazu müssten auch die Bauern einen Beitrag leisten, indem sie sich der gesellschaftlichen Debatte stellen – „auch wenn diese oft polemisch und aggressiv ist“. Ein bisschen „Wachsen oder Weichen“ kam dann aber doch noch durch, als Felßner ankündigte, aus dem bayerischen Weg – der hinter ihm als schmaler Feldweg an die Wand projiziert wurde – könne bei Erfolg eine sechsspurige Autobahn werden.

Auch bei der Jugend wurden unterschiedliche Positionen deutlich. Während sich Maria Kurz von der Katholischen Landjugendbewegung gegen anhaltende Überproduktion aussprach und als primäre Aufgabe die Ernährung der Menschen vor Ort nannte, betonte Martin Baumgärtner von der Bayerischen Jungbauernschaft, dass der Export ein wichtiger Faktor bleibe. „Wir sollten so produzieren, wie es unsere Böden und die Natur aushalten.“ Er setze auf permanente Weiterentwicklung – nicht zwingend in der Fläche, sondern vor allem in der Qualität. Sabine Groß von der Evangelischen Landjugend forderte weniger Schwarz-Weiß-Denken zwischen konventioneller und ökologischer Landwirtschaft und ressourcenschonendes Wirtschaften.

Hier pflichtete ihr Alois Glück bei. „Die Erhaltung der Artenvielfalt und die wachsende Instabilität im Naturhaushalt werden eine enorme Herausforderung.“ Diese müsse man aber als Gesellschaft anpacken, statt die Entwicklung ausschließlich den Bauern in die Schuhe zu schieben. Mitgestalten, statt Sündenböcke suchen.

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