Lenggries – Die Bauern auf der Lärchkogel- und der Ludernalm sind geknickt. Seit Jahren hatte über ihnen, vom Gipfel des Kotzen auf 1766 Höhenmetern im Karwendelgebirge, ein Gipfelkreuz gegrüßt. Die Almleute und Almbauern hatten es gemeinsam aufgestellt. Am Sonntagmittag fand es ein Wanderer dann, wie berichtet, am Boden – umgesägt von einem Unbekannten.
Georg Mair, Vorstand des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern, ist selbst an der Bewirtschaftung der Almen unterhalb des Kotzen beteiligt. „Wir ärgern uns und sind richtig sauer“, beschreibt er die Stimmung unter den Almbauern. Mair kann sich „nur eine religiöse Motivation“ als Antrieb hinter der Tat vorstellen. Wie es nun weitergehen soll, weiß er noch nicht. Dieses Jahr werden die Anrainer jedenfalls kein neues Kreuz mehr aufstellen. Der Frust ist groß.
Und nicht nur die Almbauern reagieren betroffen. Entsetzt von der heimlichen Tat zeigt sich der Lenggrieser Pfarrer Josef Kraller: „Ich kann’s einfach nicht verstehen. Es zeigt mir, dass in unserer Gesellschaft der Respekt vor dem Glauben, aber auch vor den Bedürfnissen und Gefühlen anderer Menschen immer mehr schwindet.“
Unter den Einheimischen der Gemeinde Lenggries im Schatten des Karwendel geht nun die Angst vor Nachahmern oder einer Wiederholungstat um. „Der Täter ist ein Verrückter und wird es wieder tun“, sagt Pfarrer Kraller. Auch die Polizei hat aufgehorcht und die „Ermittlungsgruppe Gipfelkreuz“ reaktiviert. Denn es ist nicht das erste Mal, dass in der Karwendelregion die Kreuze fallen: Um Pfingsten war das Kreuz an der Dudl-Alm im nahe Lenggries gelegenen Längental gefällt worden. Im August 2016 hackte dann ein immer noch unbekannter Täter das Gipfelkreuz auf dem nahe gelegenen Prinzkopf mit einer Axt um. Passanten beobachteten den durchtrainierten Mann damals zufällig mit einem Fernglas: Er habe zu ihnen hinuntergeschrien, sich mit seiner Tat regelrecht gebrüstet, berichten sie.
Am Gipfel des im bayerisch-tirolerischen Grenzgebiet 2102 Meter hoch aufragenden Schafreuters, auch Scharfreiter genannt, schlug ein Täter wohl gleich zweimal zu: Im August 2016 hackte er das Gipfelkreuz mit einer Axt um. Die Tölzer Alpenvereins-Sektion sorgte mit einem gemeinsamen Kraftakt für Ersatz – das neue Kreuz stand aber kaum mehr als einen Monat, bevor es im vergangenen November wieder gefällt wurde. Nur mit einer Säge statt einer Axt. Wieder richtete es der Alpenverein auf. Diesmal blieb es stehen, vielleicht auch dank schützender Metallbeschläge. „Kleingeistigkeit und Feigheit“ attestiert DAV-Sektionsleiter Paul Schenk dem heimlich agierenden Kreuz-Feind. „Die Sache macht mich sprachlos.“
Was alle vermuten, spricht ein Ermittler aus. „Wir gehen davon aus, dass es derselbe Täter ist“, sagt Simon Schauer von der Polizeiinspektion Bad Tölz mit Blick auf den jüngsten Fall am Gipfel des Kotzen. Schauer leitet die „Ermittlungsgruppe Gipfelkreuz“. „Ein Jahr lang war nichts, und jetzt geht es wieder los“, ärgert er sich.
Die Fahndung gestaltet sich schwierig: Über die Spurenlage will die Polizei „aus ermittlungstaktischen Gründen“ nichts sagen, ansonsten läuft es zäh, das lassen die Beamten durchblicken. „Leider gibt es bis jetzt keine Zeugenhinweise“, sagt Polizeisprecher Thomas Schelshorn vom verantwortlichen Präsidium in Rosenheim. Das dürfte, wie in den anderen Fällen vor allem an der Lage des Tatorts liegen: Der Kotzen ist ein einsam gelegener Berg, zu dessen Gipfel kein markierter Weg führt. Umso absonderlicher, dass gerade dieses abgelegene Kreuz den Zorn des Unbekannten abbekam.