100 Jahre Freistaat

Feier, Bayer!

von Redaktion

von dirk walter

München – Visionen, Wünsche, Videoclip – diese Woche war Auftakt für ein einzigartiges Feierjahr. Staatsminister Marcel Huber diskutierte in Bamberg mit jungen Leuten über Zukunft und ein Bayern 2030, der BR übertrug mit Livestream. Der Ort war mit Bedacht gewählt: Nach der Stadt ist die „Bamberger Verfassung“ vom 12. August 1919 benannt – Vorläufer der heutigen Bayerischen Verfassung. 100 Jahre Freistaat, 200 Jahre Verfassungsstaat: Die bayerische Staatsregierung will nicht bis zum runden Geburtstag am 8. November 2018 warten, sondern feiert in das „Jubiläumsjahr 2018“ hinein. Ein ganzes Jahr lang. Offizielles Motto: „Wir feiern Bayern“ – inklusive Instagram-Hashtag. Modern soll es sein und traditionsbewusst. Das ist Chefsache: In der Staatskanzlei feilt ein Stab am planmäßigen Ablauf. Bürgergutachten, Sportlerfest, Kurzfilmwettbewerb – jedes Ministerium muss etwas beisteuern, und sei es auch nur eine Gedenkmedaille. Dabei gerät fast in den Hintergrund, dass die Gründung des Freistaats ausnahmsweise nicht der CSU zu verdanken ist.

Rückblick: Am 7. November 1918 stürmte der damals 51 Jahre alte ehemalige Schriftsteller Kurt Eisner, aus jüdischem Elternhaus, bayerischer Staatsbürger, bis 1917 SPD-Mitglied, jetzt aber Anhänger der radikalen Abspaltung USPD, mit einigen tausend Anhängern die Münchner Kasernen. Nirgends trafen sie auf Widerstand. In der Nacht zum 8. November rief Eisner im Münchner Mathäserbräu – heute ein Multiplex-Kino – den Freistaat aus. Überliefert sind folgende Worte:

„Die Dynastie Wittelsbach ist abgesetzt! Bayern ist fortan ein Freistaat!“

Einige verziehen ihm das nie. Am 21. Februar 1919 wurde er erschossen. Jetzt eskalierte die Sache. Im April gab es zwei Räterepubliken, einen Geiselmord und dann die Niedermetzelung der Revolutionäre durch „weiße“ Truppen mit mindestens 650 Toten.

Für den einstigen bayerischen Kultusminister Alois Hundhammer (CSU) war Eisner noch 50 Jahre später eine „böse und verhängnisvolle Erscheinung“, andere schmähten ihn als „Tyrannen“, „Bolschewisten“ oder „Bohemien mit dem Sauerkrautbart“. Als die Münchner SPD 1969 vorschlug, nach Eisner eine Straße zu benennen, schäumten konservative Gemüter. In einer Leserzuschrift an unsere Zeitung hieß es damals: „Weckt den Schmied von Kochel auf, damit unsere Hauptstadt nicht zum Gespött aller wird.“

Temporas mutantur – die Zeiten ändern sich. Weitere 50 Jahre später wird der Revolutionsführer sehr viel milder beurteilt. „Von alten Vorurteilen und Stereotypen hat sich die Wissenschaft schon längst verabschiedet“, sagt der Historiker Bernhard Grau. Der Archivar im Bayerischen Hauptstaatsarchiv hat die bis heute beste Eisner-Biografie verfasst. 650 Seiten stark, nüchtern im Stil, eine distanzierte Würdigung. Eisner ist für Grau ein Pazifist, einer, der das demokratische Bayern erschaffen hat. Frauenwahlrecht, demokratische Grundordnung, Trennung von Kirche und Staat – das sind so Eckpfeiler, die bleiben, sagt Grau. Jetzt ziehe auch das offizielle Bayern nach.

Derzeit wird am Regensburger Donauufer das Museum der bayerischen Geschichte gebaut. Die Eröffnung sollte eigentlich ein Höhepunkt des Feierjahres werden, wegen eines Brandes verschiebt sich das aber ins Jahr 2019. Sei’s drum: In der Dauerausstellung „Wie Bayern Freistaat wurde“ werde Kurt Eisner und die Revolution „ein ganz wichtiger Teil“ sein, sagt der Chef-Planer Richard Loibl vom Haus der bayerischen Geschichte. Und als die SPD im Frühjahr beim Kultusministerium nachfragte, wie es Kurt Eisners Rolle bewerte, blieb die von SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher wohl insgeheim erhoffte saubere regierungsamtliche Schmähung des Revolutionärs aus. Stattdessen kam viel Lobpreis. Eisners „herausragende historische Leistung“ werde „von der Bayerischen Staatsregierung außerordentlich positiv bewertet“, schrieb das Haus von Ludwig Spaenle (CSU).

So viel steht fest: Die Revolte gehört jetzt zum bayerischen Staatsverständnis. Politischen Mehrwert wird die SPD aus dem Feierjahr nicht ziehen können.

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