Bayerns beste Gipfelstürmer

von Redaktion

von christoph Hollender

Sie taumelt. Sucht nach etwas zum Greifen, zum Festhalten. Außer einem Felsen neben Christina Zechel gibt es nichts in der Schlucht in Bad Heilbrunn im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Sie stochert mit ihren orange-grauen Schuhen durch das nasse Laub. Sie hat keine Kontrolle über ihre Beine. „Ich brauche eine Minute“, sagt sie und setzt sich auf den Boden. Sie ist mehr als erschöpft.

Christina Zechel schnauft und schaut nach oben, wo die Sonne alles in goldenes Licht taucht. Vor wenigen Minuten war sie noch dort, an der Spitze. 25 Meter ist sie hinaufgeklettert, an der fast senkrechten grauen Steinwand, an der glitschiges, grünes Moos wuchert. Wenn sie am Abend ihren Freunden davon erzählt, werden die den Kopf schütteln. Es sei zu gefährlich, was sie da mache, werden sie sagen. Christina hat eine spastische Lähmung in ihren Beinen, sie ist behindert. Und sie klettert.

Christina Zechel, 25 Jahre, Studentin aus München, hellrote Sportjacke, hellblauer Helm, lacht bei jedem Satz, den sie spricht. Sie fällt auf, wenn sie durch München geht, nicht nur ihres Lächelns wegen. Die Menschen starren manchmal, weil sie anders geht. Durch die Lähmung kann sie die Beine nicht koordinieren, nicht richtig winkeln, die Bewegung ist unkontrolliert. Seit sie klettert, vergisst sie, dass sie anders ist. Sie sagt: „Ich muss immer überlegen, warum die Leute mich anschauen.“ Wenn sie klettert, ist sie nicht anders. Beim Klettern gebe es keine Unterschiede, sagt sie. Der Berg egalisiert, dass sie behindert ist.

„Am Berg ist jeder gleich“, sagt Ulrike Dietrich. Sie steht neben Christina Zechel in der Schlucht. Sie ist es, die sie ermutigt, auf Felsen zu steigen, die sie in der Schlucht anfeuert, wenn sie bis an die Goldspitze klettert. „Grenzen und Ängste überwinden“, sagt Dietrich, nickt und zieht ihren eigenen schwarzen Klettergurt fest, „darum geht es“.

Dietrich ist 54 Jahre alt, Sozialpädagogin aus München und Chefin des Projekts „Bayerns beste Gipfelstürmer“. Eine Gruppe, in der Kinder und junge Erwachsene mit Behinderung klettern, gemeinsam mit nicht behinderten Scouts und Hobbykletterern.

Immer an Dietrichs Seite ist Mañana, eine Therapiehündin mit weißgoldenem Wuschelfell. Ein Freund von ihr hat sie verwahrlost in den Bergen in Spanien gefunden. Dietrich hat sie gepflegt und Mañana – auf deutsch: morgen – getauft. Mañana sitzt neben Christina Zechel in der Schlucht und schnuppert. Christina streichelt ihr über den Kopf. Dietrich sagt, seit sie Mañana habe, laufe die Arbeit in der Gruppe noch besser, viele bauen durch sie Vertrauen auf. Mañana wirke beruhigend, vor allem auf geistig Behinderte. Die Arbeit mit behinderten Menschen ist Dietrichs Lebenswerk.

1993 bekommt Dietrich Zwillinge, zwei Mädchen. Eines davon hat eine schwere Mehrfachbehinderung, die die Ärzte erst feststellen, als Joanna zwei Jahre alt ist. Dietrich ist schockiert: „Es hat mir den Boden weggezogen. Alles war fremd.“ Alles wird anders, weil Joanna anders ist. Ob sie überhaupt erwachsen wird, wissen Dietrich und ihr Mann nicht. Dietrich zieht Joanna groß, sie muss viel Zeit investieren, ihre anderen drei Kinder kommen zu kurz, ihr Mann verlässt die Familie.

Sie beginnt, mit den drei Geschwistern von Joanna zu klettern. Um mehr Zeit mit ihnen zu verbringen. Joanna hat dann Pause. Dass Menschen mit Behinderung jemals auf Berge hinaufsteigen, habe Dietrich zu dem Zeitpunkt nur träumen können. Dietrich klettert leidenschaftlich gern, es wird für sie selbst zur Therapie. Sie macht einen Kletterschein und eine zusätzliche Ausbildung, wird Erlebnispädagogin. 2003 beginnt sie, mit behinderten Schülern zu klettern. Eine Lehrerin von Joanna an einer Münchner heilpädagogischen Schule für geistig Behinderte hat sie dazu gebracht. Der erste Ausflug geht in die Berge, an den Gardasee. Joanna ist dafür zu schwach. Klettern werde sie nie können, habe Dietrich damals gesagt. Sie wird damit Recht behalten.

Dietrich engagiert sich trotzdem immer stärker, 2014 gründet sie die Gipfelstürmer. Das Projekt ist für 48 Menschen mit Behinderung und zwölf Trainer geplant, 2016 haben sich 100 gemeldet.

Als Christina Zechel das erste Mal im Kletterzentrum Heavens Gate beim Münchner Ostbahnhof vor den Wänden steht, ist sie skeptisch. Sie will selbst nicht glauben, was sie tun soll. Diese graue Wand mit den gelben, roten und grünen Griffen hochkraxeln. Die Volkshochschule hat ihr das Klettern empfohlen, ihr Physiotherapeut hat sie motiviert: Es gebe da so ein Projekt eines Klettervereins in München. Christina Zechel traut sich, geht in die Halle, trifft Ulrike Dietrich. „Ich will etwas Neues probieren“, sagt Christina Zechel zu ihr. Sie schafft ein paar Meter an der Anfängerwand. Ihre Muskulatur kennt keine ihrer Bewegungen. „Ich muss vieles erst lernen“, sagt sie. „Das wirst du“, sagt Dietrich. Das war vor einem Jahr.

Jetzt sitzt Christina Zechel in der Schlucht. Sie lächelt. Vieles habe sich in den letzten Monaten verändert, die Muskeln seien stärker geworden, die Technik besser. Beim letzten Training in der Kletterhalle ist sie die senkrechte Trainingswand problemlos nach oben geklettert. Zehn Meter, zehn Minuten. Sie hat eine eigene Methode entwickelt. Wenn sie ein Bein nicht weit genug zum nächsten Griff an der Wand nachziehen kann, packt sie es mit einer Hand und zieht es nach oben. So, als ob das Bein eingeschlafen ist. Andere Kletterer in der Halle schauen ihr zu, nicken, staunen. „Ich fühle mich gut vorbereitet auf das Klettern draußen“, sagt sie in der Halle.

Einmal in der Woche kommt sie in eine von fünf Hallen in München oder im Landkreis, in denen die Gipfelstürmer trainieren können. „Durch das Klettern bin ich mutiger. Wenn ein Weg im Leben nicht geht, nehme ich einen anderen, wie beim Klettern“, sagt sie. Christina Zechel studiert Sozialpädagogik in München. Wenn sie ihren Master-Abschluss hat, will sie mit Menschen mit Autismus arbeiten. Sie will anderen helfen, ihnen Mut machen.

Florian Schützes Rollstuhl bleibt mit den Reifen immer wieder zwischen den großen Felsstücken stecken, die unter den braunen Blättern in der Schlucht in Bad Heilbrunn liegen. Er will, so wie Christina Zechel, an der Felswand hinaufklettern. Es wäre sein erstes Mal. Er hat eine spastische Lähmung. Bei der Geburt sind Gehirnzellen für die Motorik und das Sehvermögen abgestorben. Er sieht nur 30 Prozent in die Weite.

Für längere Strecken braucht er einen Rollstuhl, kurze geht er mit Stützen. Florian Schütze klettert seit sieben Jahren. „Klettern funktioniert anders als Gehen“, sagt er. „Wenn ich am Seil bin, bin ich gesichert, egal, wo ich hintrete.“ Er kämpft sich am Felsen nach oben. Seine Oberarme sind dick. Mit der Kraft seiner Arme macht er wett, was die Beine nicht schaffen. Normales Gehen ist für ihn, „wie wenn jemand ohne Behinderung einen Marathon läuft“. Im Winter könne er kurzärmlig nach draußen, weil „ich so viel Wärme erzeuge“. Florian Schütze klammert sich an die Felsplatte, seine Finger bohren sich in die dunklen Steinspalten. 15 Freunde aus der Gruppe der Gipfelstürmer stehen am Boden und rufen: „Weiter Flo, weiter Flo!“

Ulrike Dietrich sagt, der Zusammenhalt in der Gruppe sei riesig. Menschen mit und ohne Einschränkung verschmelzen, „es gibt keine Grenzen beim Klettern, zwischen wer ist behindert und wer nicht“. Behinderte sichern sich gegenseitig – soweit es die Scouts abnicken. Klettern mit Behinderung ist angekommen. Der Deutsche Alpenverein wirbt dafür. Prominente Gesichter wie die Extremkletterer Alexander und Thomas Huber – die Huberbuam – engagieren sich. Dietrich hofft, dass auch die Gipfelstürmer erfolgreich bleiben. Bis November kommt noch Geld von „Aktion Mensch“, danach ist die Finanzierung unsicher. Dietrich hat die einzige bezahlte Stelle des Projekts.

Florian Schütze schrammt am Felsen entlang, sein Ellenbogen ist aufgeschürft. In zehn Metern Höhe hängt er am Felsen. Er schaut nach unten, sein blauer Helm ist ihm weit in das Gesicht gerutscht. „Ich hab’s geschafft“, sagt er. Er lacht.

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