München – Der Feind ist mit bloßem Auge kaum zu erkennen. Er versteckt sich gerne jahrelang unter der Baumrinde. Wenn er sich an die Oberfläche geknabbert hat, kommt für den Baum meist jede Hilfe zu spät. Der schwarze Winzling mit den weißen Flecken wird von den bayerischen Behörden, die sich seit 2004 mit ihm befassen müssen, ALB genannt. Diese Abkürzung steht für Asiatischer Laubholzbockkäfer. Er ist einer der gefährlichsten Laubbaumschädlinge weltweit – und hat, seit er mit Holzpaletten nach Bayern kam, zehntausende Bäume auf dem Gewissen.
Fünf Befallzonen gibt es aktuell in Bayern, zwei davon im Landkreis München. Zuletzt hatte der asiatische Schädling in Murnau (Kreis Garmisch-Partenkirchen) zugeschlagen. Schon im Frühjahr mussten dort 3500 Bäume gefällt, gehäckselt und verbrannt werden. Im September war der Käfer dann in einer Hecke entdeckt worden – ein 70 Meter langes Teilstück wurde entfernt. „Da der Käfer in Deutschland keine natürlichen Feinde hat, ist das Fällen befallener und verdächtiger Bäume die einzige Strategie, um ihn zu bekämpfen“, berichtet Elke Zahner-Meike, Sprecherin der Landesanstalt für Landwirtschaft. Und es sieht ganz danach aus, als wäre diese Strategie erfolgreich.
Im niederbayerischen Neukirchen am Inn gilt der Käfer seit Ende 2015 als ausgerottet. Auch in Murnau hat der Kampf gegen ihn bereits Wirkung gezeigt: Es gibt seit der letzten großen Fäll-Aktion im Oktober keine Hinweise, dass er sich weiter ausgebreitet hat. Das ist seiner einzigen Schwäche zu verdanken: „Er ist sehr träge“, erklärt Zahner-Meike. Der ALB fliegt nicht weit. Das macht es den Behörden leichter zu kontrollieren, ob er besiegt ist. In Murnau deutet alles darauf hin. Die Pheromonfallen, die die Weibchen anlocken, waren leer. Auch beim Monitoring sind keine weiteren Laubholzbockkäfer entdeckt worden. Grund zum Aufatmen. Für eine Entwarnung ist es aber noch zu früh, sagt Zahner-Meike.
Vier Jahre nach einem entdeckten Befall wird das Gebiet in einem Umkreis von zwei Kilometern zur Quarantänezone erklärt. Dort gelten strenge Auflagen, zum Beispiel, was die Entsorgung des Schnittguts angeht. In allen Befallsgebieten in Bayern gilt die Quarantänezone noch bis Ende 2020. Einzige Ausnahme: Neubiberg im Kreis München. Dort wird die Quarantäne bereits Ende 2019 aufgehoben, sollte kein neuer Käferbefall entdeckt werden.
Unter diesen Sicherheitsvorkehrungen leiden besonders Baumschulen und Gärtnereien. Uwe und Monika Benn konnten noch rechtzeitig reagieren, als sie erfuhren, dass ihr Murnauer Betrieb samt Baumschule in dem Gebiet liegt, das zur Quarantänezone erklärt wird. „Wir besitzen eine Fläche außerhalb der Zone, auf die wir die gefährdeten Gattungen ausgelagert haben.“ Doch das bedeutet Mehrarbeit und Mehrkosten. Es geht Pacht verloren, es war ein Wasseranschluss und ein Zaun nötig. Potenzielle Käufer müssen die Benns nun zu der fünf Minuten entfernten Fläche fahren. Doch all das ist für sie immer noch besser, als ihre Bäume in der Quarantänezone zu haben. „Dann hätten wir nichts mehr ohne Absprache mit den Behörden verkaufen können“, sagt Benn.
Für ihren Betrieb ist der asiatische Winzling ein existenzgefährdende Bedrohung. Deshalb trauen sie sich noch nicht aufzuatmen. Die Angst, dass der Käfer in unmittelbarer Nähe auftauchen könnte, ist zu groß. Und diese Angst wird wohl mindestens noch bis Ende 2020 bleiben.