50 JAHRE LAWINENBEOBACHTUNG – EINE TOTE AM KEHLSTEIN

Ein Unglück kurz vor dem Jubiläum

von Redaktion

von dirk Walter

München/Berchtesgaden – Der diesjährige Winter hat den Lawinenwarndienst unangenehm überrascht. Wegen der dünnen Schneedecke hat die Zentrale in München, für die es heute einen Staatsempfang zum 50. Geburtstag gibt, noch gar keinen Lagebericht herausgegeben. Trotzdem gibt es schon das zweite tödliche Unglück. Am Sonntag ist eine 50-jährige Skitourengeherin am Kehlstein im Berchtesgadener Land durch eine Lawine in den Tod gerissen worden. Die Frau wurde in einer steilen Rinne von Schneeabrutsch erfasst und 100 Meter durch steiles, felsdurchsetztes Gelände mitgerissen. Obwohl nur oberflächlich verschüttet, überlebte die Einheimische das nicht. Die Bergwacht-Notärztin, die etwa eine Stunde nach dem Unglück bei der Abgestürzten eintraf, konnte trotz Wiederbelebungsversuchen nichts mehr für die Frau tun. Schon im September war ein 24 Jahre alter Niederländer ebenfalls im Berchtesgadener Land von einem Schneebrett erfasst worden und gestorben.

Hat der frühe Winter die Lawinenwarnzentrale also kalt erwischt? Der Leiter der Institution, Hans Konetschny (58), beantwortet das mit einem klaren Nein. Aktiv werde der Warndienst erst, wenn sich eine Schneedecke gebildet habe. Die sei am Wochenende noch nicht zu sehen gewesen. Konetschny hat Montagfrüh extra einen Mitarbeiter zum Kehlstein geschickt, der zusammen mit der örtlichen Polizei den Unglücksort untersuchte. „Die Frau war in sehr steilem Gelände unterwegs“, sagt er. Wahrscheinlich habe sich Triebschnee in relativ kleinem Umfang gelöst und die Tourengeherin von den Füßen gerissen. „Ich will das nicht verniedlichen, aber ich würde das eher in die Kategorie Bergunfall einordnen.“

Seit 1967 gibt es den Lawinenwarndienst, der dem Landesamt für Umwelt angegliedert ist. Der Anlass war traurig: Am 15. Mai 1965 hatte eine Lawine die Sonnenterrassen des Schneefernerhauses auf der Zugspitze verschüttet, es gab zehn Tote und 21 Verletzte. 1967 begann der Lawinenwarndienst mit der Arbeit. Seitdem gab es, wie das Innenministerium betont, in den überwachten Gebieten keinen einzigen Todesfall.

Konetschny hat sechs hauptamtliche Mitarbeiter, überwacht aber ein Berggebiet von mehreren hundert Kilometern Ausdehnung. Ohne ehrenamtliche Helfer wäre das nicht zu schaffen. Schon in der Früh ab 6.30 Uhr berichten sogenannte Frühbeobachter, was sich am Berg so tut. Frühbeobachter sind eine erlesene Spezies – insgesamt nur sechs Personen, Bergbahn-Mitarbeiter oder Hüttenwirte. Dazu kommen gut 20 Nachmittagsbeobachter, die im Winter meist täglich mit Tourenski unterwegs sind. Zumeist sind das ehemalige Heeresbergführer oder Alpinpolizisten. Als dritte Informationsquelle interpretiert der Lawinenwarndienst die Ergebnisse von 20 Messstationen. In den Lagebericht fließen zudem die Berichte von 350 Mitarbeitern der örtlichen Lawinenkommissionen ein.

Einer der langgedientesten Berichterstatter ist der ehemalige Schlierseer Alpinpolizist Walter Alkhofer (74). Seit 2. November 1970 – das Datum weiß er auswendig – ist er für die Lawinenkommission der Gemeinde Schliersee tätig. Sein Revier ist der Spitzingsee. Wenn es sein muss, ist Alkhofer im Winter jeden Tag unterwegs, zum Beispiel an der Straße, die hinauf zum Spitzingsattel führt. Die Westseite ist neuralgisch, sagt Alkhofer. „Da hat’s uns schon mehrmals die Straße zugeschüttet.“ Meist fährt er ein Stück die Straße hinauf, schnallt sich dann selbst die Tourenski an und geht 150 Höhenmeter die Bergflanke hoch. Dort gräbt er mit der Schneeschaufel ein Loch und sieht sich den Aufbau der Schneedecke an. Gefährlich wird’s zum Beispiel, wenn es auf den Schnee regnet und dann wieder friert und schneit. Dann liegt die Schneedecke auf Eis – akute Rutsch- und Lawinengefahr und Anlass für einen Bericht an die Lawinenwarnzentrale in München.

Dort entsteht im Winter ein täglicher Warnbericht, der seit nunmehr zehn Jahren auch auf sechs Berggebiete von den Allgäuer bis zu den Berchtesgadener Alpen regionalisiert ist und die Gefahr auf einer Skala von 0 („ohne“) bis 5 („sehr groß“) beurteilt. Wobei man sagen muss, dass die Zentrale die Gefahren für Winter-Wanderwege, Straßen, Rodelbahnen oder Skipisten einschätzt – nicht aber für jede denkbare Route von Skitourengehern. Sportler abseits der Piste ermahnt Hans Konetschny ausdrücklich, sich selbst zu informieren. „Der Tourengeher muss sich am Hang, wo er steht, den Schnee selbst anschauen.“ Da sollte man entweder einen Kurs besuchen oder versierte Leute mitnehmen.

Nicht zuletzt aufgrund des Unglücks am Kehlstein hat Konetschny gestern eine aktuelle Warnung herausgegeben: Es sei „im Laufe der Woche vermehrt mit der Auslösung von feuchten Locker- und Gleitschneelawinen zu rechnen“.

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