In der SPD ist man heute stolz auf Kurt Eisner. In einer Feierstunde hat der SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher den ersten bayerischen Ministerpräsidenten kürzlich mit einer Kranzniederlegung am Eisner-Denkmal gewürdigt. In einer Ansprache nannte er ihn einen „Sozialdemokraten“ und Helden der Demokratiegeschichte.
Diese positive Vereinnahmung Eisners durch die SPD ist neueren Datums und vielleicht auch dem Umstand geschuldet, dass man zum 100. Geburtstag des Freistaats gerne einen richtigen Revoluzzer in seinen Reihen haben will. Da vergisst man leicht, dass man in der SPD zu Lebzeiten Eisners auf den abtrünnigen Gesinnungsgenossen gar nicht gut zu sprechen war. Vor allem der zeitweilige Landesvorsitzende Erhard Auer (1874 bis 1945) war kein Freund Eisners. Auer hätte sich vielleicht eine parlamentarische Demokratie wie in England mit einem Wittelsbacher König als Repräsentationsfigur an der Spitze gewünscht, aber sicher keine Revolution in Bayern. Er war eben ein königlich-bayerischer Sozialdemokrat, aber kein Revoluzzer. All diese Konflikte gipfelten in einer Blumenstrauß-Affäre, die viel aussagt über die Freund-Feind-Lage in der Weimarer Zeit.
Der Reihe nach: Kurt Eisner, das ist richtig, war ursprünglich Sozialdemokrat (Parteieintritt 1898) und als Journalist in der führenden Parteizeitung „Vorwärts“ von einiger Prominenz. Der Umbruch kam im Ersten Weltkrieg. Wie viele andere hatte Eisner, wie der Autor Bernhard Grau gezeigt hat, dem Kriegseintritt Deutschlands zunächst vorbehaltlos zugestimmt, weil er das zaristische Russland für den Aggressor hielt. Im Gegensatz zu anderen hinterfragte er jedoch seine eigene Position und gehörte schließlich zu einer Minderheit in der SPD, die die Bewilligung der Kriegskredite nicht unterstützte. Eisner war kein Gründungsvater der Linksabspaltung Unabhängigen Sozialdemokratie (USPD), gehörte aber am 1. Mai 1917 in Bayern zu einem der ersten Mitglieder – mit Mitgliedsnummer 7.
Es kam im November 1918 die Revolution (bei der Eisner den braven Arbeiterführer Auer übertölpelte), es kam die Revolutionsregierung (bei der Ministerpräsident Eisner und Innenminister Auer widerwillig zusammenarbeiteten), es kam schließlich der Mord an Eisner: Am 21. Februar 1919 wurde er in der Münchner Promenadestraße (heute Kardinal-Faulhaber-Straße) vom 22-jährigen Leutnant Anton Graf von Arco auf Valley erschossen. Dieser Mord erregte in Bayern ungeheures Aufsehen und Beunruhigung. „Bayern war auf dem Weg zur Ruhe und Gott weiß, was jetzt wieder kommt“, stöhnte der Münchner Kardinal Michael Faulhaber in seinem Tagebuch. Er hatte es richtig erahnt: Es kamen die Räterepubliken im April und deren Niederschlagung mit hunderten von Toten.
Schon kurz nach dem Mord indes, bei dem der Attentäter durch Eisners Wachmannschaft gleichfalls niedergeschossen und schwer verletzt worden war, betrat der Schankkellner Alois Lindner den nahen Landtag (damals an der Prannerstraße) mit einer Waffe. Zielsicher suchte er Erhard Auer und streckte den Politiker im Plenarsaal nieder. Es war bezeichnend für das Misstrauen der Revolutionäre, dass Auer als Drahtzieher des Attentats vermutet wurde (was er nicht war). Anschließend erschoss Lindner den Referenten des Kriegsministeriums, Major von Jahreiß, der sich ihm in den Weg stellen wollte. Von der Galerie fielen gleichfalls Schüsse – einer traf den BVP-Abgeordneten Osel tödlich (der Schütze wurde nie gefasst). Andere Politiker wurden leicht verletzt.
Auer wurde schwer verletzt in die Chirurgische Universitätsklinik in der Nußbaumstraße eingeliefert und von Ferdinand von Sauerbruch operiert. Auch der Attentäter Arco kam dorthin, auch ihn behandelte Sauerbruch. Angeblich lagen beide Patienten sogar in Zimmern nebeneinander. Beide überlebten.
Die Blumenstrauß-Affäre entbrannte im August 1922. Damals wurde publik, dass eine Tochter Auers dem Attentäter Arco im September 1920 einen Blumenstrauß, angeblich weiße Chrysanthemen, nach anderer Darstellung Rosen, zur Genesung überbracht hatte. Arco war damals zu einer Nachoperation erneut bei Sauerbruch in Behandlung, man entfernte ihm eine letzte Kugel aus dem Schädel.
Auer schenkt dem Eisner-Mörder Blumen – das ging nun gar nicht. Viel ist damals über rechtsnationalistische Motive des SPD-Vorsitzenden orakelt worden. Über die Motive hat sich Auer zeitlebens nur nebulös geäußert („reiner Menschlichkeitsakt“), dementieren konnte er den Vorgang aber nicht. Solche Details erschwerten eine Wiederannäherung der linken USPD an die SPD erheblich, schreibt der Auer-Biograf Markus Schmalzl. Bei vielen Genossen war Auer nach der Blumenstrauß-Affäre „verhasst und verachtet“, hielt der damalige SPD-Abgeordnete Wilhelm Hoegner in seinen Erinnerungen fest.
Mit fast 100 Jahren Abstand hat die SPD nun ihren Kurt Eisner wieder vorbehaltlos lieb. Der Realpolitiker Auer indes ist im Gedächtnis der Partei in der Versenkung verschwunden. Der Mörder Eisners, den der bayerische Ministerrat zu lebenslanger Festungshaft begnadigt hatte, kam 1924 wieder frei. dirk walter