München/Berlin – Schon wieder ein Pisa-Test? Genau genommen ist die jüngste Untersuchung, die gestern in Berlin vorgelegt wurde, nur eine Spezialauswertung eines schon älteren Tests. 2015 waren im Auftrag der OECD sechs Millionen 15-jährige Schüler in 52 Ländern weltweit in Naturwissenschaften getestet worden. 125 000 von ihnen mussten nachsitzen und lösten auch noch Tests zum Thema Problemlösen im Team. In Deutschland waren das 1900 Schüler aus 243 Schulen, 40 davon in Bayern. Sie bekamen am Computer Aufgaben gestellt, für deren Lösung sie mit mehreren anderen zusammenarbeiten mussten – diese wurden dabei von dem Programm simuliert. Die OECD hält die Auswertung für wichtig, weil die Bedeutung sozialer Kompetenzen am Arbeitsmarkt zunehme. „Abfragewissen verliert dramatisch an Relevanz, weil Google das besser kann“, sagt der Pisa-Koordinator Andreas Schleicher. „Sowohl im Beruf als auch im Alltag stehen wir ständig vor Problemen, die wir ohne andere Menschen nicht lösen können“, erklärt die Bildungsforscherin Kristina Reiss von der TU München, die den deutschen Pisa-Teil verantwortet.
Ergebnis der Studie: Deutsche Schüler sind im internationalen Vergleich gut darin, komplexe Probleme im Team zu lösen. Mit 525 Punkten liegt Deutschland weit über dem OECD-Schnitt von 500. Spitzenreiter sind Singapur (561), Japan (552) und Hongkong (541). Deutschland liegt etwa auf einer Höhe mit den USA, Großbritannien und Dänemark. Beachtlich finden es Pisa-Experten wie Elfriede Ohrnberger vom bayerischen Kultusministerium, dass Estland, ein OECD-Neuling, in die Spitzengruppe vordrang. Interessant ist zudem, dass die chinesischen Drillschulen regelrecht abgewatscht wurden: Vier zusammen gewertete chinesische Regionen, darunter Shanghai und Peking, landeten unter dem OECD-Schnitt. Ohrnberger ist eines von nur drei deutschen Mitgliedern im Pisa Governing Board. Das Gremium, das zwei Mal im Jahr in Paris zusammenkommt, bestimmt den Aufgabenzuschnitt der Pisa-Studien.
Mehr als ein Achtel (13 Prozent) der Schüler in Deutschland erreicht die höchste Kompetenzstufe beim Problemlösen im Team – im OECD-Durchschnitt sind es nur acht Prozent. Auch der Anteil derjenigen, die schlecht abschneiden, ist mit 21 Prozent relativ gering.
Weiteres Resultat: Mädchen sind in allen Ländern besser darin, Probleme im Team zu lösen. In Deutschland haben sie fast ein Schuljahr Vorsprung vor ihren Mitschülern. Auffällig: Als die Pisa-Studie 2012 testete, wie gut Schüler alleine Probleme lösen können, schnitten die Buben besser ab. „Dies deutet darauf hin, dass die Mädchen vor allem in der Teamarbeit sehr große Fähigkeiten haben“, erklärte Bildungsforscherin Reiss. Eine Erkenntnis nebenbei: Mädchen legen mehr Wert auf gute Beziehungen zu ihren Mitschülerinnen als Buben. Von wegen Zickenkrieg! 86 Prozent freuen sich über Erfolge der Mitschülerinnen, bei den Buben sind es nur 78 Prozent.
Die bayerische Pisa-Expertin Elfriede Ohrnberger geht davon aus, dass die Ergebnisse gefiltert auch im Unterricht ankommen. Jedenfalls dürften sich Lehrer, die auf Team-Arbeit in den Klassen setzen, von der Studie bestätigt fühlen. Ohrnberger warnt aber davor, dies zu übertreiben. „Nur Team-Arbeit ist nicht richtig“, es komme „auf das richtige Maß und die Dosis“ an. Team-Arbeit dürfe nicht heißen: „Toll, ein anderer macht’s schon, und ich schau zu“.
Der nächste Pisa-Test ist übrigens schon in Vorbereitung: 2018 sollen Schüler weltweit zur Lesekompetenz getestet werden. Die Ergebnisse gibt es dann voraussichtlich Ende 2019.