Der Lokführer mit Herz

von Redaktion

von dirk walter

München/Hausham – Irgendwie zieht Erich Eckmair die Geschichten nahezu magisch an. Es sind so kleine Episoden, die den manchmal grauen Bahn-Alltag auflockern. Einmal fand er eine teure Uhr, die er natürlich im Fundbüro ablieferte. Vor einigen Monaten fand er im Zug ein Handy, der Besitzer, ein alter Herr, revanchierte sich mit Weißwein dafür, dass ihm Eckmair das Gerät per Einschreiben zurück nach Nürnberg schickte. Erst vergangenen Donnerstag hat der Lokführer im Zug an der Endstation ein schlafendes Mädchen geweckt – das sonst ein „blinder Passagier“ geworden wäre.

Wieder einmal. Denn schon im Februar dieses Jahres ist ihm ein blinder Passagier begegnet, der von der Hilfsbereitschaft des Lokführers so angetan war, dass er ihn für die Auszeichnung Eisenbahner mit Herz vorschlug. Erich Eckmair, seit über 30 Jahren Lokführer bei der Deutschen Bahn, hatte damals einen Zug in den Münchner Hauptbahnhof gefahren. Endstation – alle aussteigen. Dann sollte er den Zug zur Abstellung nach München-Pasing rangieren. Eine Routineauftrag, nichts ungewöhnliches. Nur dass sich prompt ein Fahrgast an Bord geschlichen hatte.

Josef Krabatsch hat an diesem trüben Februartag offenbar mal wieder Überstunden gemacht. Der Mann ist damals als Büroleiter von Verkehrsminister Joachim Herrmann viel beschäftigt. Ohne auf die Anzeigetafel zu achten, geht er zum Gleis, wo sonst immer der Zug Richtung Ingolstadt abfährt. Was er nicht bemerkt: Die Bahn hat das Abfahrtsgleis getauscht.

Unfreiwillig also nimmt Krabatsch an Eckmairs Rangierfahrt teil. Er merkt es erst, als der Zug schon die Haupthalle des Bahnhofs verlässt und wählt in seiner Verzweiflung 110. Die Polizei weiß Rat, vermittelt eine Verbindung zur Transportleitung. Die wiederum ruft Eckmair an. Der nimmt die Nachricht vom blinden Passagier mit Humor. Wie’s der Zufall will, ist Krabatsch Eisenbahnfan mit eigener Anlage im Hobbykeller. So darf er im Führerstand der Lok zurück zur Werkstätte an der Donnersbergerbrücke fahren und bekommt dort auch noch eine Extra-Führung.

Die unkomplizierte Art von Erich Eckmair hat Krabatsch so gefallen, das er ihn bei der Allianz pro Schiene vorschlug. Dort ist Eckmair kein Unbekannter – er ist zum vierten Mal nominiert.

Eigentlich wäre es nur gerecht, wenn der Lokführer dieses Mal von der Jury (sie entscheidet im April) auch gewählt würde. Er ist endlich fällig für die Auszeichnung, denn so einen loyalen Eisenbahner findet man wohl selten. „Ich bin bei DB Regio sehr zufrieden“, sagt Erich Eckmair. Er ist Streckenlokführer aus Hausham (Kreis Miesbach) fährt meist Regionalverkehr. Ingolstadt, Passau, Treuchtlingen – das sind so seine Ziele. Fahren darf er die roten Loks, deren Typenbezeichnungen nur Kennern etwas sagen. Die Baureihe 111 etwa, und die 218, eine Diesellok. Dazu die Triebzüge 440 (das ist der Donau-Isar-Express) und 442 (Werdenfelsbahn).

Eckmair trägt drei Streifen am Kragenspiegel der Dienstkleidung. Blaues Hemd mit dem DB-Emblem, rote Krawatte, passende Lederjacke, ebenfalls von der DB. Dabei ist Dienstkleidung gar nicht mehr Vorschrift bei der Deutschen Bahn. Bei Erich Eckmair aber schon. Einmal war Eckmair als Werbeträger der DB auf einer Lok abgebildet. Überlebensgroß. „Für Menschen unterwegs“, stand darauf. Das hat ihm gefallen, denn so sieht er sich.

Eckmair ist seit 1984 Lokführer, eingestellt noch als Beamter, weswegen er nicht streiken darf. Trotzdem ist er bei der Gewerkschaft GdL im Landesvorstand. Aber eigentlich kann man sich einen streikenden Lokführer Erich Eckmair auch gar nicht vorstellen.

Artikel 6 von 11