Modelleisenbahnen, wie vieles im Leben, machen nur Sinn, wenn man die Sache mit absoluter Ernsthaftigkeit angeht. Michael Feierlein, 48, der Vorsitzende des Modelleisenbahn-Club München, steht neben der gigantischen Anlage seines Vereins im Gewerbehof Westend, Gollierstraße 70. Man hört, wie Schaffner pfeifen und Zugtüren geschlossen werden. Wenn man die Augen zumacht, könnte man fast meinen, am Münchner Hauptbahnhof zu stehen. Mein lieber Herr Gesangverein, das ist ziemlich großartig – denn dahinter steckt unendliche Liebe zum Detail.
Die Töne, die man hier so hört, sind die echten Töne aus der echten Welt. Immer wieder unternehmen Mitglieder des ehrwürdigen Vereins, den es seit 1933 gibt, Ausflüge zu Bahnhöfen, zu Zügen und zu Schaffnern. Im Gepäck: Aufnahmegeräte, mit denen sie die Geräusche aufzeichnen, um sie später in ihre Modelleisenbahnen, die integrierte Lautsprecher haben, zu überspielen. Es ist eine Wunderwelt im Miniaturformat. Ein Männertraum auf über 100 Quadratmetern – samt Schattenbahnhöfen, Kopfbahnhöfen, tausenden Details und sogar einem Christbaum, der auf einem Dorfplatz leuchtet. „Die Älteren“, sagt Feierlein, „bilden hier ihre Kindheit nach.“ Wahrscheinlich ist das das Geheimnis dieses zeitraubenden Hobbys. Sie lassen historische Talgo-Züge fahren. Oder sogar den orangenen Elefanten-Transport-Spezialwagen vom „Circus Krone“.
Michael Feierlein, der in Kirchheim im Kreis München lebt, hat das früher selbst erlebt, wie die Dickhäuter am Container-Bahnhof in der Arnulfstraße angekommen sind. Törööö! Feierlein deutet auf den Elefantenwagen und sagt: „Bei uns gibt es alles.“ Wirklich wahr, die Details sind beeindruckend. Es ist kaum möglich, an einem Abend alles zu sehen, zu entdecken. Es gibt ein Wiesn-Zelt mit dem berühmten Löwenbräu-Löwen darauf, Burgen, Häuser, Swimmingpools, knutschende Pärchen im Wald und auch die eine oder andere nackte Frau im Miniaturformat, die sich auf dem Balkon sonnt. Modellbauer-Humor. Hahaha. „Das war bestimmt die Jugend, die das gemacht hat“, sagt Feierlein. Er kennt selbst nicht alle Details der H0-Anlage, so heißt das für Kenner, und der Spur-0-Anlage, die daneben steht. Außerdem ändern sich die Städte, die Dörfer und Abfahrtszeiten der Züge andauernd. „Die Anlage“, sagt Feierlein, der von Beruf Maschinenbauingenieur ist, „darf nie fertig werden. Das ist die goldene Regel.“ Dann hätte man nichts mehr zu bauen – und das wäre furchtbar.
Jeden Freitag treffen sich die Vereinsmitglieder, es gibt Bier, Würstl und alles rund um Züge. Immer wieder trudeln neue Gäste ein, jeder kann machen, was er will. Manche bringen ihre Züge mit, die sie zu Hause tage- und jahrelang bearbeitet haben. Manche fahren Wettrennen gegeneinander. Es geht nicht um Schnelligkeit, sondern um Ausdauer. Es gibt Züge, die haben schon weit über 500 echte Kilometer auf dem Buckel. „Das hier ist Entspannung pur“, sagt Feierlein. Man denkt an nichts anderes als an Züge. Für diese Männer hier gibt es nichts Schöneres auf dieser Welt.
Manche interessieren aber gar nicht so sehr die Gleise und die Schienen. Berthold Dietrich-Vandoninck zum Beispiel ist Häuserbauer, Stadtplaner und Architekt in Personalunion. Im echten Leben arbeitet er bei der MVG als Verkehrsmeister. „Das ist mein Revier“, sagt er, während er das Dach eines Hauses bearbeitet. Das ganze Viertel, die Häuser ringsherum hat er konstruiert. Eine unfassbare Arbeit, wahrscheinlich hätte man in der Zeit ein echten Haus bauen, fliesen und streichen können. Berthold Dietrich-Vandoninck kümmert sich um jedes Detail. Man kann sogar das Dach einer Fabrikhalle hochheben, plötzlich sieht man: Auch im Inneren hat er an alles gedacht, an Kochplatten und Schreibtischen und an Werkzeuge. Niemand sieht es, aber er weiß es. Das ist die höchste Form der Akribie.
Das Gebäude ist übrigens ein Straßenbahnbetriebshof. Vor zehn Jahren hat er mit der Halle angefangen, sie ist sogar schon runtergefallen und musste ausgebessert werden, aber jetzt steht sie da. Das ist noch so ein Geheimnis: Beim Modelleisenbahnbau sieht man die Erfolgserlebnisse. Die Anlage wächst und wächst, und jeder weiß, welches Teil er beigetragen hat.
Helmut Reischl, 60, aus München steht ein paar Meter weiter. Er programmiert die Anlage, er betreut das Fahrprogramm, er bestimmt, welche Routen die Züge fahren und wann welche Weiche gestellt werden muss. Aber er hat auch einen Blick für das große Ganze. Er deutet auf eine Burg – es ist der Nachbau der Burg Falkenstein in Kärnten. „Der Kaminkehrer“, sagt er, „ist eigentlich zu groß.“ Die Dimensionen stimmen nicht. Auch dafür muss man ein Auge haben, ob alles zueinander passt. „Von so einer Anlage“, sagt er, „haben wir als Buben immer nur geträumt. Ich kann mich an der Anlage nicht sattsehen.“ Heute ist er seit 11 Uhr in der Früh in den Vereinsräumen, manchmal verbringt er zwölf Stunden am Stück hier. Freitag ist für die Münchner Modelleisenbahner der schönste Tag der Woche.
Neben Reischl steht Vorstand Feierlein und schimpft ein klein bisschen – denn eine Sache stört ihn. Er sagt: „Das Image der Bahn ist nicht gut.“ Immer ist nur von Signalstörungen die Rede, von unpünktlichen Zügen, das finden die Männer hier ungerecht. Die Schönheit der Maschinen, die Technik dahinter, darauf achtet keiner. Es liegt wahrscheinlich daran, dass die Menschen draußen, die gewöhnlichen Bahnfahrer, zwar wissen, was ein Schienenersatzverkehr oder eine Weichenstörung ist, aber nie den Moment der Liebe gespürt haben, wenn man eine Lok in die Hand nimmt, sie aufs Gleis setzt, ganz zärtlich. Und sie losschnurrt, als hätte sie nur auf diesen einen Moment gewartet.