Toni Pfülf (1877-1933) war eine Frau, deren Leben von vielen Verzweiflungen geprägt scheint. Sie war engagierte Sozialistin, eckte immer wieder in der männerdominierten Politik an und verzweifelte schier am Unwillen vieler Sozialdemokraten, dem Nationalsozialismus etwas entgegenzusetzen. Am 8. Juni 1933 nahm sie sich mit Gift das Leben – der Freitod war ein letzter Protest gegen die Nazis. „Sie ging mit dem sicheren Wissen von dem Sieg der großen Sache des Proletariats, der sie dienen durfte“ – diesen Abschiedssatz in der Todesanzeige hatte sie selbst formuliert. Entfernt erinnert ihr Schicksal an das einer Zeitgenossin, der unglücklichen Schriftstellerin Lena Christ (1881-1920).
Der Münchner SPD-Landtagsabgeordnete Florian von Brunn ist ein entfernter Nachfahre von Toni Pfülf – sie war seine Urgroßtante. Er hat das erst 2012 erfahren. Lange Zeit war Toni Pfülf auch in seiner bürgerlichen Familie eine Person, über die man lieber nicht sprach. Sie war irgendwie anders. „Toni Pfülf war eine unglaublich mutige, unabhängige und weitsichtige Politikerin“, sagt von Brunn. Ihre Kämpfernatur sei ihm „ein großes Vorbild“.
Antonie Pfülf kommt vor 140 Jahren, am 14. Dezember 1877, als Tochter eines Oberst im lothringischen Metz zur Welt. Ihre Eltern rufen sie „Toni“, von klein auf, so schreibt ihre Biografin Heike Mayer, ist sie „unangepasst“ und von „Kampfgeist“ beseelt. Sie wird Volksschullehrerin, erst in Oberammergau, Peiting und anderen kleineren Orten, 1907 dann in München-Milbertshofen.
Zum Entsetzen ihrer stramm monarchistischen Eltern wendet sie sich wohl 1902 der Sozialdemokratie zu – obwohl die Frauen im Kaiserreich nicht einmal das Wahlrecht hatten. Was dafür den Ausschlag gab, ist im Nachhinein nicht mehr zu erfahren.
Als 1918 in München die Revolution ausbricht, ist Toni Pfülf in vorderster Reihe dabei: Sie ist Mitgründerin des „Bunds sozialistischer Frauen“. Kaum beleuchtet wird in den meisten Darstellungen, dass auch die Revolutionsbewegung in München eine Männerwelt war. Toni Pfülf eckt auch hier an. Überliefert ist eine Szene im Mathäser-Festsaal Ende November 1918, in dem der (ausschließlich mit Männern besetzte) Arbeiter- und Soldatenrat tagt. Erich Mühsam will sie des Saales verweisen lassen – was mit knapper Mehrheit auch beschlossen wird. Auch mit einem „Alphamann“ in der SPD ist Pfülf über Kreuz: Der bayerische SPD-Vorsitzende Erhard Auer ärgert sich über Pfülfs Einsatz für „Antialkoholismus und Freigeisterei“, schreibt ein anderer prominenter SPD-Politiker, Wilhelm Hoegner, in seinem Buch „Flucht vor Hitler“. Auch Hoegner selbst ist von Vorurteilen gegenüber Pfülf nicht frei – „sie war als schwächliches Mädchen in der Familie zurückgesetzt, darum wohl ,aus der Art geschlagen’ – äußerlich stellte sie einen fast männlichen Typ dar, wenn sie es gelegentlich auch nicht an weiblicher Schläue fehlen ließ“.
Als eine von 37 Frauen wird Toni Pfülf 1919 in die verfassungsgebende Nationalversammlung in Weimar gewählt. Im Reichstag, wo sie von 1920 bis 1933 Abgeordnete ist, kümmert sie sich um Jugend- und Bildungspolitik – und auch immer wieder um Frauen. Eines ihrer Anliegen ist die Abschaffung des Heiratsverbots für Beamtinnen in der Schule, der sogenannte Lehrerinnen-Zölibat. Ausschließlich ledige oder kinderlose Witwen werden im Weimarer Staat Beamtinnen. Pfülfs Wirken hat Erfolg: 1921 wird der Zölibat vom Reichsgericht als verfassungswidrig eingestuft.
Die NS-Machtübernahme 1933 ist für Toni Pfülf verständlicherweise ein Schock. Die SPD im Reichstag lehnt das Ermächtigungsgesetz Hitlers am 23. März 1933 ab – auch Pfülf ist eine von nur 94 Abgeordneten, die dagegen stimmen. Nach dieser Sitzung kämpft Toni Pfülf dafür, dass die SPD fortan alle weiteren Reichstagssitzungen boykottiert – aus Protest gegen die andauernde Verfolgung der politischen Gegner. Das aber ist parteiintern umstritten. Wilhelm Hoegner, damals ebenfalls Reichstagsabgeordneter, erlebt Pfülf bei der Vorbesprechung der Fraktion „ganz von Sinnen“ und „von Nervenkrämpfen geschüttelt“. Als die Fraktion mit Mehrheit entscheidet, an einer weiteren Sitzung am 17. Mai teilzunehmen, ist sie verzweifelt. Auf der Heimfahrt nach München unternimmt sie einen Selbstmordversuch. Der scheitert. Beim zweiten Mal wenige Wochen stirbt sie in ihrer kleinen Wohnung an der Kaulbachstraße.
Der Abgeordnete von Brunn hat einen Wunsch: Für seine Urgroßtante sollte ein Stolperstein auf dem Gehweg vor dem Haus in der Kaulbachstraße 12 verlegt werden – Pfülf war zwar keine Jüdin, aber auch an Widerstandskämpfer erinnern die Stolpersteine. Den Stein für Pfülf gibt es schon. Doch im Stadtgebiet ist das Verlegen dieser Gedächtnissteine untersagt. Schade, findet von Brunn.
dirk walter